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„Werther-Effekt“ : Suizid eines Mitschülers kann zur Nachahmung führen

  • -Aktualisiert am

Das größte Risiko entsteht, wenn ein Mitschüler sich das Leben nimmt - offenbar spielt das ähnliche Alter die entscheidende Rolle Bild: ZB

Wenn Jugendliche Suizid begehen, sind die Gleichaltrigen im Umfeld danach selbst verstärkt suizidgefährdet. Eine amerikanisch-kanadische Studie beleuchtet Risikofaktoren.

          Wenn Jugendliche Suizid begehen, sind die Gleichaltrigen in ihrem Umfeld über längere Zeit selbst verstärkt suizidgefährdet. Entscheidend ist offenbar nicht die Nähe, die Jugendliche zu jemandem hatten, der Selbstmord begeht, sondern ein ähnliches Alter. Am größten ist deshalb das Nachahmungspotential beim Freitod von Mitschülern, auch wenn keine persönliche Bekanntschaft oder Freundschaft bestand. Zu diesem Ergebnis kommen Sonja Swanson von der Harvard School of Public Health und Ian Colman von der University of Ottawa, die für das „Canadian Medical Association Journal“ die Daten von 22 000 Zwölf- bis Siebzehnjährigen auswerteten (doi:10.1503/cmaj.121377). Die Jugendlichen hatten sich an einer kanadischen Langzeitstudie beteiligt, dem „National Longitudinal Survey of Children an Youth“.

          Am meisten gefährdet sind die Jüngsten

          Jugendliche, die Suizide anderer erlebt hatten, hegten häufiger selbst Suizidgedanken und neigten auch mehr zu Selbstmordversuchen als andere, die keinen Freitod im Umfeld gehabt hatten. Besonders verletzlich scheint die Gruppe der jüngsten Probanden, der Zwölf- bis Dreizehnjährigen, zu sein: 15,3 Prozent derjenigen mit Suiziden im Umfeld dachten selbst über Suizid nach, verglichen mit 3,4 Prozent, die keine Freitode erlebt hatten; 7,5 Prozent versuchten selbst, sich das Leben zu nehmen, was aber nur 1,7 Prozent derjenigen taten, die keinen Selbstmord bei anderen erlebt hatten.

          Bei den älteren Teenagern waren nach dem Freitod anderer etwa ebenso häufig Selbstmordversuche zu beobachten wie bei den Zwölf- bis Dreizehnjährigen, allerdings war die Rate an Versuchen auch ohne einen solchen Fall in der sozialen Umgebung schon deutlich höher als bei den jüngsten Teilnehmern.

          Gründe für die Vulnerabilität

          Gegenüber kanadischen Medien mutmaßte Colman, dass die Zwölf- bis Dreizehnjährigen sich möglicherweise erstmals in ihrem Leben gedanklich mit Suizid beschäftigen, nachdem sie einen Fall im Umfeld erlebten und daher besonders vulnerabel sind. Bei Jugendlichen allen Alters hielt der Nachahmungseffekt noch mehr als zwei Jahre nach dem Ereignis an, am stärksten war diese Folge bei den Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen ausgeprägt. Die Erkenntnis, dass der Suizid eines Mitschülers immer ein Risiko ist, auch wenn die Jugendlichen ihn nicht persönlich kannten, müsse künftig in der Prävention berücksichtigt werden, schreiben die Autoren. So solle man nicht nur engen Freunden eines Suizidopfers, sondern allen Mitschülern Hilfen anbieten.

          Dass Jugendliche sich durch Berichte über Selbstmorde anstecken lassen, wird seit mehr als zweihundert Jahren diskutiert. Als Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1774 „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte, soll es bei jungen Lesern in Nachahmung der Tat von Werther gehäuft zu Selbstmorden gekommen sein. Im 20. Jahrhundert wurde dafür der Begriff „Werther-Effekt“ gefunden.

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