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Vor dem EuGH-Urteil : Werden Gene langsam salonfähig?

Eine Bakterienkolonien, die mit der Genschere präpariert wurde. Bild: dpa

Genforscher spielen Gott, oder nicht? Sprache ist verräterisch, aber auch bioethisch ist vor dem EuGH-Urteil zur „Genschere“ einiges in Bewegung. Ein Kommentar.

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          Die erste Hälfte des Frankenstein-Jahres ist ohne besondere Vorkommnisse überstanden. Kein künstlicher Mensch, auch zweihundert Jahre nach Erscheinen des Romans vom „modernen Prometheus“, doch wahrlich: Manchmal könnte man meinen, es fehlt nicht mehr viel. An der Gentechnikfront jedenfalls schließen sich vorsorglich die Reihen, weil in Kürze der Europäische Gerichtshof darüber befindet, inwieweit der Gentechnik in ihrer modernen Variante des Genom-Editing mit der „Genschere“ Crispr-Cas vielleicht ja doch neben allem Frankensteinhaften auch etwas Ursprüngliches, Eigentliches, sprich: Natürliches anhaftet. Natürlichkeit wird von allen geschätzt.

          Gentechnik, ja oder nein?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Geneditierte Organismen können das von allen Gentechnikkreaturen am ehesten in Anspruch nehmen, auch wenn der Eingriff ins Erbgut tatsächlich im Labor entwickelt, programmiert und vollzogen wird. Das Ergebnis aber ist Natur pur. Die Technik hinterlässt keine Spuren mehr, sie ist „wirkungsgleich“ – in den Worten von Heimatminister Horst Seehofer, der dereinst sein Bayern zur „genfreien Zone“ erklären wollte. Geneditierten Lebewesen bleibt also eine Restnaturwüchsigkeit. Der klassisch gezüchtete Biobrokkoli könnte zumindest nicht natürlicher sein. In der jüngsten Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums sagen vier von fünf Deutschen trotzdem weiter nein zu „Genpflanzen“, wobei zwischen alter und neuer Gentechnik nicht unterschieden wurde. Verwertbar ist die Studie also kaum, wenn es um die Frage geht, was noch oder was nicht mehr natürlich ist. Klar ist: Die Angst vor dem Verlust von Natürlichkeit sitzt tief.

          Ein Viertel sind springende Gene 

          Wie groß, ließ sich vor ein paar Jahren nachlesen, als noch eine Sprache vorherrschte, die den Forschern tatsächlich Frankenstein-Ambitionen nachsagte. Religiös geprägte Metaphern wie „Gott spielen“ oder „Schöpfer“ tauchten damals häufig auf. Wie der Erlanger Ethiker Matthias Braun allerdings jetzt zusammen mit seinem Chef, dem Ethikratvorsitzenden Peter Dabrock, in einer „PlosOne“-Publikation gezeigt hat, sind solche Assoziationen aber zumindest in den analysierten zwölftausend Medienberichten der Jahre 2014/15 zur Marginalie geworden. Bröckelt das Frankenstein-Image? Zu korrigieren wäre einiges. Vor allem unser Bild von der Natur. Das zeigt auch eine neue australische Studie in „Genome Biology“. Kühe und Schafe bestehen demnach zu einem Viertel aus sogenannten springenden Genen. Der Austausch von Erbmaterial zwischen Säugetieren – und sogar mit Pflanzen – war Motor der Evolution. Geneingriffe als Inbegriff des Natürlichen? Jedenfalls gehen sie nicht zwangsläufig gegen die Natur.

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