https://www.faz.net/-gwz-7xyoh

Geschwister : Krieg im Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Manche lieben und hassen sich zugleich. Was tun, wenn der Hass überhandnimmt? Bild: plainpicture/Paolo

Zank unter Geschwistern ist normal. Wenn die Ausfälle gegen Bruder oder Schwester aber zum Mobbing werden, kann das den Betroffenen nicht nur die Kindheit ruinieren.

          6 Min.

          Sie streiten ständig: über das Fernsehprogramm, gemopste Haarspangen oder wer als Erster den Fahrstuhlknopf drücken darf. Sie schreien, knuffen, kratzen. Geben ätzende Kommentare über Frisuren oder die Figur ab, ignorieren einander vor Freunden und verdrehen am Abendbrottisch die Augen, kaum macht der andere nur den Mund auf. Im Durchschnitt alle siebzehn Minuten geraten drei- bis siebenjährige Geschwister aneinander, heißt es in einer Studie der Universität von Illinois, die 2009 in New Directions for Child and Adolescent Development erschienen ist.

          „Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides“, schrieb Kurt Tucholsky über das Verhältnis von Kindern, die eine Familie miteinander teilen. Von Geburt an sind sie Konkurrenten, rangeln um die Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe ihrer Eltern. Verbünden sich aber auch, um gemeinsame Interessen durchzusetzen. Geschwister wahren Geheimnisse, teilen Abenteuer und eilen zur Hilfe, wenn jemand den Bruder oder die Schwester bedroht. Kein Wunder, dass bei dieser Gemengelage auch Streitigkeiten besonders heftig geraten. Statistisch gesehen ist Gewalt zwischen Geschwistern die häufigste Form häuslicher Gewalt überhaupt.

          „Ich werde dich töten.“

          Meist sind es mildere Formen: Haare ziehen, kneifen, beißen. Eskalieren die Handgreiflichkeiten zwischen Geschwistern aber regelmäßig und schwerwiegend, kann die Psyche der Betroffenen nachhaltig Schaden nehmen: Ihr Risiko, später an Depressionen oder Angststörungen zu leiden, steigt deutlich, wie aktuelle Studien aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien belegen. Mobbing – die andauernde und bewusste Erniedrigung eines Menschen – ist demnach nicht nur ein Thema für Schulen und Vereine, sondern zuweilen auch im engsten Familienkreis.

          Seit englischsprachige Medien über die Studienergebnisse berichtet haben, melden sich Betroffene. Die Kommentarspalten im Internet quellen über von Erinnerungen gequälter Geschwister. Da erzählt ein Teenager von seinem großen Bruder, der ihm seit frühester Kindheit immer wieder zuflüstert: „Ich werde dich töten.“ Der Jüngere glaubt ihm und hört seitdem nicht mehr auf zu zittern, wenn er den Großen sieht. Da schreibt eine Frau, die sich bis heute Vorwürfe für die Drogensucht ihres Bruders macht. Sie hatte ihn über Jahre verbal massiv erniedrigt – weil sie sich körperlich unterlegen fühlte. Da ist das Mädchen, das von ihrer großen Schwester die Treppe herunter gestoßen und so hart gegen eine Glastür geworfen wird, dass sie mit Schnittwunden in die Notaufnahme muss. Über Jahre habe sie eingenässt und sei im Haus nur noch geschlichen. „Meine Kindheit war eine Zeit voll extremer Angst,“ sagt sie heute als Erwachsene.

          Die amerikanische und britische Öffentlichkeit führt seitdem eine breite Diskussion über das Phänomen, das Journal The Lancet bereitet eine Artikelserie britischer Experten vor, Eltern sind alarmiert. Denn die Debatte rührt an eine zentrale Frage, die sich Familien mit mehr als einem Kind stellt: Wie viel Zank im Kinderzimmer ist normal?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

          Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

          Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

          Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

          Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.