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„Wendepunkt der Forschung“ : Künstliche Herstellung von Stammzellen gelungen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Fachwelt spricht von einem „Wendepunkt“ in der Stammzellforschung. Ohne den Umweg über die Nutzung oder Erzeugung von menschlichen Embryonen ist Forschern offenbar erstmals die Verjüngung von normalen menschlichen Körperzellen gelungen.

          Japanischen und amerikanischen Forschern ist offenbar erstmals die Verjüngung von normalen menschlichen Körperzellen ohne Klonen und damit die Herstellung künstlich reprogrammierter Stammzellen gelungen. Das bewerten führende Wissenschaftler als Wendepunkt in der Stammzellforschung. Die zwei Forschungsarbeiten wurden am Dienstagabend veröffentlicht.

          Ohne den Umweg über die Nutzung oder Erzeugung von menschlichen Embryonen sind demnach aus schlichten Hautzellen des Menschen sogenannte „induzierte Pluripotente Stammzellen“ (iPS) hergestellt worden, die den ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen stark ähneln. Aus ihnen haben die Forscher dann in der Petrischale gereifte Zellen, etwa Herzmuskel- und Nervenzellen, herangezüchtet, wie sie eines Tages zur Reparatur von beschädigtem Körpergewebe eingesetzt werden sollen.

          „Ergebnisse kamen aus Laboren“

          „Das sind sehr wichtige Arbeiten, die zeigen, dass die Reprogrammierung menschlicher Zellen funktioniert“, sagte der Stammzellpionier Rudolf Jänisch vom amerikanischen Whitehead-Institut dieser Zeitung. Auch der führende deutsche Wissenschaftler des Feldes, Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster, hält das Verfahren für wegweisend und bezeichnete den Weg als „Heiligen Gral“ der Stammzellforschung.

          Künstlich verjüngt: Hautzellen reichten aus, um Stammzellen zu züchten

          Der Klonforscher Ian Wilmut, Schöpfer des Klonschafs „Dolly“, stellte als Reaktion auf die Reprogrammierungserfolge seine Experimente mit dem therapeutischen Klonen am Menschen ein. Gerd Kempermann vom DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien warnte indessen davor, die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen nun für überflüssig zu erklären. „Diese revolutionären Ergebnisse kamen aus Laboren, die Zugriff auf menschliche embryonale Zellen hatten“, sagte er der F.A.Z.

          Von einer medizinischen Anwendung weit entfernt

          Über die erfolgreiche Reprogrammierung von Hautzellen der Maus hatte die japanische Gruppe um Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto erstmals im vorigen Jahr berichtet. Mit einem genetischen Eingriff hatte man vier zentrale, eigentlich ruhende Entwicklungsgene in den Hautzellen wieder so aktiviert, dass die Körperzellen in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzt wurden. Unklar war bisher, ob eine ähnliche Reprogrammierung von Zellen auch beim Menschen möglich ist.

          Dies ist Yamanaka nun durch die Reaktivierung derselben vier Gene gelungen, wie er in der Zeitschrift „Cell“ berichtet. Die Ergebnisse werden durch Forschungsarbeiten an der Universität Wisconsin unabhängig bestätigt und ergänzt. James Thomson, der vor knapp zehn Jahren erstmals menschliche embryonale Stammzellen kultiviert hatte, setzte jedoch ein etwas abgewandeltes Genquartett ein, wie er in der Zeitschrift „Science“ berichtet.

          Beide Gruppen sind nach eigener Einschätzung von einer medizinischen Anwendung weit entfernt. Für die Reprogrammierung ist eine Einschleusen von Viren in die Zellen nötig, in deren Schlepptau die vier „Hauptschalter“ für die Verjüngung transportiert werden. Durch den gentechnischen Eingriff kann das Erbgut der Zellen Schaden nehmen. Jetzt fahndet man nach natürlichen oder künstlichen Stoffen, die die Viren ersetzen sollen.

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