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Foto: Benji Reid, „Wellcome Photography Prize“


Unsichtbares Leid –
und starke Bilder, die davon erzählen

Von SONJA KASTILAN
Foto: Benji Reid, „Wellcome Photography Prize“

18. August 2020 · Psychische Gesundheit bedeutet mehr als nur die Abwesenheit einer Störung. Durch Routine kann sich jeder selbst etwas Gutes tun, und wie man anderen in einer Krise beisteht, ist lernbar.

S

ie heißen Amanda, Fritz, Irene, Polina, Théo oder Wanda, und was alle Protagonisten auf den hier gezeigten Bildern eint, ist nicht etwa ihre Heimatstadt, die Nationalität, das Alter, Geschlecht oder die Krankheit, an der sie leiden. Gemein ist ihnen nur, dass sie bereit waren, sich einer Kamera zu stellen, dadurch ihre Geschichte zu erzählen und über psychische Probleme zu sprechen: ein von Alzheimer geplagter Fotograf, die mit Glitzersocken ausgerüstete, depressive Künstlerin, eine als Kind missbrauchte Frau – in Barcelona, Lagos, Moskau, Trondheim oder Worpswede. Auf den ersten Blick kann den Menschen niemand ansehen, dass ihnen etwas zu schaffen macht, dennoch gelang es den Fotografen, mit all diesen Porträts und Selbstbildnissen eine klare, zugleich persönliche Botschaft zu vermitteln, die sie, von mehr als 7500 eingereichten Fotos, auf die Shortlist des Wellcome Photography Prize 2020 gebracht hat, und zwar in der Kategorie „Mental Health“, als Einzelbild und Serie. Insgesamt gibt es fünf Kategorien.


Tom Merilion

Foto: Tom Merilion, 3 degrees, „Wellcome Photography Prize“

Nina, 3 degrees – sie schwimmt jeden Tag im Fluss Spey, um ihre Ängste und die schwere Depression in den Griff zu bekommen. Auf Psychopharmaka versucht Nina zu verzichten und draußen zu sein, bei Wind und Wetter, das gibt ihr Kraft und das Gefühl, es auch wirklich schaffen zu können. Ihr tägliches und somit regelmäßiges Bad in der Kälte ist, weil positiv empfunden, eine Gewohnheit, zu der Forscher raten, ebenso das Naturerlebnis. Der britische Fotograf Tom Merilion hat diese individuelle Form der Selbsttherapie 2019 in Schottland aufgenommen.


Nyancho NwaNri

  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Nyancho NwaNri, Going Under, „Wellcome Photography Prize“


Going Under – auch wenn die Flut wieder zurückgeht, kann das Trauma bleiben. Die in Lagos, Nigerias größter Stadt, lebende Fotografin und Filmerin Nyancho NwaNri spürt in dieser Serie nach, was es für die Menschen bedeutet, wenn sie, dort an der Lagune wohnend, immer wieder Naturkatastrophen ausgesetzt sind. Sie müssen ihre Kinder durchs Wasser tragen, ihr Hab und Gut retten oder alles hinter sich lassen und auch um ihre Sicherheit fürchten.


Im Jahr 2012 hatte die Weltgesundheitsorganisation, WHO, einen Aktionsplan verfasst, der „mentale Gesundheit“ als Thema bis 2020 auf Länderebene vorantreiben sollte. Denn etwa 45 Prozent der Weltbevölkerung leben in einem Land, in dem ein Psychiater rein statistisch für hunderttausend Menschen zuständig wäre. Das nur als ein Beispiel, warum es so wichtig ist, die Belange der Depressiven oder Dementen stärker zu berücksichtigen und mentale Krankheiten nicht nur besser zu behandeln, sondern diese, wenn möglich, schon zu verhindern. 

Dass ein Kind, das über Jahre psychisch und/oder körperlich misshandelt wird, später unter Depressionen leidet, ist leicht nachvollziehbar, ebenso die posttraumatische Belastungsstörung von Soldaten oder der Überlebenden einer Naturkatastrophe. Mentale Gesundheit bedeutet allerdings nicht nur die Abwesenheit einer psychischen Störung, sie sollte als wesentlicher Teil von Gesundheit und Wohlbefinden eines Menschen verstanden werden. Sie wird sowohl von biologischen und sozioökonomischen Faktoren als auch weiteren Umwelteinflüssen bestimmt. Um die Verhältnisse weltweit zu verbessern, setzte die WHO ihren Mitgliedstaaten mehrere Ziele, die etwa ein breiteres Therapieangebot vorsahen, oder gesetzliche Regelungen, die Betroffene vor Diskriminierung schützen sollen.

Das Stigma, das psychischen Krankheiten nach wie vor anhaftet, ist in Deutschland immerhin kleiner geworden. „Man sieht in der Tat Veränderungen, die Akzeptanz nimmt zu. Wenn auch nicht so schnell, wie wir es uns wünschen würden, also etwa auf dem gleichen Level, wie es für andere chronische Erkrankungen gilt“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandvorsitzender des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Genauso könne Selbststigmatisierung einen Menschen davon abhalten, sich Hilfe zu suchen, was oft den Krankheitsverlauf verschlechtere.


Camila Falcão 

Camila Falcão, „across, in between and beyond“, „Wellcome Photography Prize“

Téo ist Poet und Schauspieler, ein Transgender-Mann, der in seinem Heimatland Brasilien nicht nur Kritik und heftigen Vorurteilen ausgesetzt ist, sondern auch Gewalt fürchten muss. „Trans“ gilt heute nicht mehr als mentale Krankheit, doch Betroffene leiden unter dem Stigma, entwickeln dadurch zum Beispiel Depressionen. Camila Falcão lebt in São Paulo und arbeitet seit mehr als 17 Jahren als Fotografin. Mit ihrem Projekt „across, in between and beyond“ will sie den Porträtierten die Möglichkeit geben, ihre Geschichte zu erzählen.


Lorena Ros

Foto: Lorena Ros, „Wellcome Photography Prize“

Unspoken – Mit 19 zieht Irene von zu Hause aus, drei Jahre später kehrt sie für das Fotoshooting zurück: dorthin, wo ihr eigener Vater sie von klein auf sexuell missbraucht hatte. In diesen Räumen, in diesem Bett. Im Alter von zehn Jahren versuchte sie, sich ihm mehr und mehr zu entziehen, versteckte sich, stellte sich schlafend. Erst nach dem Auszug schafft sie es aber, ihren Vater auch zu konfrontieren. Ihr selbst half eine Gruppentherapie, und heute gelingt es Irene, ein Leben zu führen, in dem der erlebte Kindesmissbrauch nicht alles dominiert. Sie ist eine der „Überlebenden“, die von der spanischen Fotografin Lorena Ros für ihr Projekt „Unspoken“ begleitet wurden. Sechs Jahre lang fotografierte und dokumentierte Ros diese und andere, ähnlich traumatische Geschichten, um das Schweigen zu brechen. www.lorenaros.com


 Auf der Internetseite des Instituts steht gleich oben zu lesen, dass vierzig Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung hätten, die behandelt werden sollte. Das Spektrum reicht von Angststörungen, Depressionen und Internetsucht bis hin zur Schizophrenie und darüber hinaus. Bisher konzentrierte man sich meist darauf, für die Diagnose ein einheitliches System zu finden, damit ein Fall in Amerika wie in Deutschland oder Japan betrachtet wird. „Aber hinter einer Erkrankung wie Depression oder Schizophrenie verbergen sich ganz verschiedene Ursachen, es sind sehr individuelle, heterogene Konstellationen von genetischen, umweltbezogenen und biographischen Einflüssen“, erklärt Meyer-Lindenberg.   

Um die Patienten optimal behandeln zu können, versuche man jetzt, sich von Kategorien zu lösen und stattdessen ein Verständnis zu entwickeln, was in einem konkreten Fall die jeweiligen Risiko- beziehungsweise Schutzprofile ausmache, um die Therapie besser an die betroffene Person anpassen zu können. Ein Bluttest, der direkt zur Diagnose und einer Behandlung führt, existiert nicht. Doch die Forscher wollen verschiedenste Datenquellen kombinieren, darunter bildgebende Verfahren, und komplexe Biomarker nutzen, um künftig ein umfassendes Bild zu gewinnen, ob jemand etwa an einer Psychose erkranken würde. Noch sei das zwar nicht „in der Klinik“, mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen mache das Feld aber sprunghafte Fortschritte, und die Programme seien manchmal besser als Mediziner. Auch liefere Big Data wichtige Informationen; wie aktiv ein Mensch im Internet oder in den sozialen Medien sei, könne darauf hinweisen, ob er oder sie an einer psychischen Störung leide.

Dass seit Beginn der Corona-Krise am Mannheim Zentralinstitut mehr Anrufe von Ratsuchenden eingehen, verwundert nicht. In der aktuellen Situation herrscht große Verunsicherung, weil nicht nur die Virusinfektion eine Bedrohung darstellt, sondern auch ihre ökonomischen Folgen, oder die Erfahrung, auf der Intensivstation mit dem Tod gerungen zu haben. Die Leute haben Angst und fühlen sich gestresst, etwa durch Gegenmaßnahmen, wie die soziale Isolierung. Und so fordert die Pandemie den Bereich der Psychiatrie heraus, die sich mit all den Folgeerkrankungen beschäftigen muss – und helfen kann. „Es ist eine besondere Situation, wie wir sie bisher noch nicht erlebt haben“, bestätigt Meyer-Lindenberg. Das Notfall-Telefon habe man für drei Gruppen unterschiedlich eingerichtet, eines für die Allgemeinheit, ein zweites für Fachpersonal, das mit Überforderung oder fehlenden Kapazitäten konfrontiert ist, ein drittes für das Risikoalter 65 plus.


Arseniy Neskhodimov

  • Foto: Arseniy Neskhodimov, Serie Prozac, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Arseniy Neskhodimov, Serie Prozac, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Arseniy Neskhodimov, Serie Prozac, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Arseniy Neskhodimov, Serie Prozac, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Arseniy Neskhodimov, Serie Prozac, „Wellcome Photography Prize“


Prozac ist der Titel einer Serie, in der sich der russische Fotograf Arseniy Neskhodimov mit seiner Depression auseinandersetzt und veranschaulicht, dass sich diese Krankheit eben nicht bewältigen lässt, indem man irgendetwas unternimmt, was die Stimmung heben soll. Von der Wirkung der Antidepressiva enttäuscht, zieht er sogar aus Moskau weg, nur um zu merken, dass er dieser Plage nicht entkommen kann. Und so beginnt er 2017, seinen Zustand zu dokumentieren; das hier abgebildete Selbstbildnis hinter einem Tischtennisschläger wurde 2019 in Kalatsch am Don aufgenommen. Ob in Russland oder Ägypten, im Haus seiner Eltern, unter Wasser oder in einem verlassenen Ferienresort: Die Depression reist mit.


Mirja Maria Thiel

  • Foto: Mirja Maria Thiel, Portrait of an Artist as an Old Man, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Mirja Maria Thiel, Portrait of an Artist as an Old Man, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Mirja Maria Thiel, Portrait of an Artist as an Old Man, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Mirja Maria Thiel, Portrait of an Artist as an Old Man, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Mirja Maria Thiel, Portrait of an Artist as an Old Man, „Wellcome Photography Prize“


Portrait of an Artist as an Old Man betitelt die Serie, mit der die deutsche Fotografin Mirja Maria Thiel dem Landschafts- und Architekturfotografen Fritz Dressler (1937–2020) eine Art emotionales Denkmal setzt. Als sie ihn 2016 in Worpswede kennenlernt, leidet er schon länger an Alzheimer, eine Krankheit, deren Namen er im Lauf der Zusammenarbeit vergisst. Ihre Schwarzweiß-Bilder dokumentieren den Kampf gegen das Vergessen, bezeugen sein Charisma und seine Verletzlichkeit.


Dass man in Deutschland nicht so strikte Regeln verordnete wie in Italien, Frankreich oder Spanien, begrüßen die Psychologen und Psychiater: Die Menschen konnten noch rausgehen, sich in der Natur bewegen, spazieren und Sport treiben. „Ich bin sehr froh darüber“, sagt Meyer-Lindenberg, „denn einerseits fehlt dafür die Evidenz, außerdem hätten sonst alle zu Hause im eigenen Saft schmoren müssen und sich weniger bewegt, was sich zusätzlich negativ auswirken würde.“ Weil der Umzug ins Homeoffice neben vielem anderen den Tagesablauf erheblich verändert, raten er und seine Kollegen, bewusst Routinen aufrechtzuerhalten. Sich zum Beispiel trotz Video- oder Telefonkonferenzen wie üblich professionell zu kleiden und räumlich eine Job-Atmosphäre zu schaffen, nicht einfach aus dem Bett aufs Sofa zu fallen, auch wenn man nicht mehr jeden Tag zur Arbeit fahren muss.  

Am Zentralinstitut hielt man neben der Therapie die Forschung aufrecht, gerade da die besondere Situation nicht nur eine Herausforderung darstellt, sondern zugleich eine Chance: „Für uns ist es eine spannende Zeit, weil wir Dinge in einer Kombination untersuchen können, wie sie sich selten ergibt“, sagt Meyer-Lindenberg, dessen Mitarbeiter sich unter anderem die Frage stellen mussten, was die Wissenschaft braucht, um rasch reagieren zu können. Um beispielsweise zu erforschen, wie Menschen auf eine solche Situation reagieren, muss man sie vorher schon, im Rahmen von Kohortenstudien, kennengelernt haben, sonst lassen sich keine Vergleiche ziehen; dieselben Probanden kann man jetzt erneut befragen. Nach der allgemeinen Befindlichkeit oder zu spezifischen Themen, wie zum Beispiel ihr Alkoholkonsum. In Zusammenarbeit mit Forschern in Nürnberg stellten die Mannheimer fest, dass während der Pandemie deutlich mehr getrunken wurde. 


Benji Reid

Foto: Benji Reid, „Holding on to Daddy“, „Wellcome Photography Prize“

Holding on to Daddy ist ein Selbstporträt mit seiner Tochter, der Benji Reid damit auf besondere Weise danken will. Für Familienangehörige ist es nie einfach, wenn die Mutter oder wie in diesem Fall der Vater von einer schweren Depression geplagt ist. Reid startete seine berufliche Laufbahn als Schauspieler und hatte mit Compagnien des Körpertheaters Erfolg, bevor er sich vor ein paar Jahren ganz der Fotografie widmete. Er lebt in Manchester und stellt sich hier als eine Art gebrochener Astronaut dar, der sich zwar manchmal isoliert fühlt, irgendwohin driftend, aber allein durch die Anwesenheit seines Kindes mit der Welt verbunden bleibt, in der Realität verankert.


Sebastian Mar

  • Foto: Sebastian Mar, Serie: Mental Health Kit, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Sebastian Mar, Serie: Mental Health Kit, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Sebastian Mar, Serie: Mental Health Kit, „Wellcome Photography Prize“


Mental Health Kit: Polina ist eine russische Künstlerin, die chronisch unter Depressionen und einer Angststörung leidet, auch sehr sensibel ist. Mit welchen Mitteln sie versucht, sich selbst aus einer Krise zu helfen, hat die Mode-Fotografie-Studentin Sebastian Mar hier zu einem Bild arrangiert: Glitzerkissen zum Meditieren, Ohrstöpsel gegen die Reizüberflutung, Moos und Zapfen als Naturersatz, Handschuhe für den schottischen Traum, Kakao für mehr Energie und Earl-Grey-Tee für sinnliche Freude. Was Ksusha, Katerina und Seva für Notfälle bei sich tragen, zeigen die anderen drei Bilder.


Unter anderem weil die Menschen so versuchten, ihren Stress abzubauen, sich zu beruhigen, denn in der Hochphase der Pandemie fehlte jegliche Routine. „Wenn der normale Tagesablauf wegbricht, nicht einmal der Arbeitsweg bleibt, muss man mehr aufpassen, selbst die Grenzen ziehen und neue Rituale entwickeln“, empfiehlt Meyer-Lindenberg. Mit Hilfe von Sensoren wurde außerdem untersucht, wie das Gehirn reagiert, wenn Menschen sich weniger in der Öffentlichkeit aufhalten. Und dass weniger Menschen eine Ambulanz aufsuchten, obwohl sie Hilfe brauchten, erklärt sich von selbst. Aus diesem Grund mussten Ärzte und Psychologen die Behandlungsangebote rasch anders organisieren und auf Telemedizin vertrauen, um Therapien via Telefon und Videoschaltung fortzusetzen, sogar Erstgespräche zu führen.  

Aber nicht nur Experten können den Menschen eine Stütze bieten, wenn sie in einer psychischen Krise stecken. „Es gibt einfache Möglichkeiten“, erklärt Meyer-Lindenberg. Wenig hilfreich seien jedoch Sätze wie „alles gar nicht so schlimm, du musst dich nur zusammenreißen und aufraffen“. Statt Tipps zu geben oder auf Ablenkung zu drängen, lieber zuhören: „Ein offenes Gesprächsangebot machen, aber von jeglicher Bewertung absehen und sich mit gutgemeinten Ratschlägen zurückhalten“, formuliert Meyer-Lindenberg was in der Fachliteratur oft als „non-judgemental listening“ beschrieben wird. Er rät davon ab, die Probleme anderer lösen zu wollen, besser wäre Akzeptanz, Empathie und Hoffnung zu vermitteln. Wer in einer depressiven Episode steckt, kann oft nicht glauben, dass man diese überwinden kann. Wie Laien in Krisen helfen können, lässt sich lernen: Bald sollen Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit die wichtigsten Informationen vermitteln. Das Zentralinstitut ist Träger der gemeinnützigen Einrichtung MHFA Ersthelfer, die diese Kurse deutschlandweit nach australischem Vorbild anbieten wird; dort findet „Mental Health First Aid“ große Resonanz in der Bevölkerung.


Jeffrey Stockbridge 

Foto: Jeffrey Stockbridge, „Amber Lynn Nichols, 24 Years Old, 3 Months off Heroin", „Wellcome Photography Prize“

Amber Lynn Nichols, 24 Years Old, 3 Months off Heroin – ihre Drogenkarriere begann schon im Alter von elf Jahren, seither ist Amber abhängig von Alkohol, ADHS-Medikamenten, Crystal Meth, Heroin, Opioiden, auch Sedativen und anderem mehr. Diese Mittel waren ihre Form der Flucht – vor der körperlichen und psychischen Gewalt, die Amber erleben musste. Das Foto wurde im Frühjahr 2019 in Philadelphia aufgenommen, und ein Jahr lang gelang es ihr, die Sucht zu bezwingen. Bis man ihr Schmerzmittel nach einer Verletzung verschrieb, die Amber nahm – und der Kampf fing wieder von vorne an. Die junge Frau will aber die eigenen Erfahrungen und Misserfolge künftig zum Vorteil nutzen, um als Beraterin anderen Abhängigen zu helfen, von der Sucht loszukommen. Der Fotograf Jeffrey Stockbridge lebt in Philadelphia, und seiner Heimatstadt gibt er ein Gesicht beziehungsweise viele Gesichter: mit Porträts, in denen er das Leben der Bürgerinnen und Bürger festhält, oft inklusive Schattenseiten.


Therese Alice Sanne

  • Foto: Therese Alice Sanne, Serie: Black Sun, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Therese Alice Sanne, Serie: Black Sun, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Therese Alice Sanne, Serie: Black Sun, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Therese Alice Sanne, Serie: Black Sun, „Wellcome Photography Prize“
  • Foto: Therese Alice Sanne, Serie: Black Sun, „Wellcome Photography Prize“


Black Sun nennt die norwegische Fotojournalistin Therese Alice Sanne ihre Serie, für die sie junge Menschen mit mentalen Problemen nicht nur vor ihre Kamera holt: Anschließend gibt sie ihnen die Möglichkeit, das Porträt zu gestalten, um anderen zu vermitteln, wie sie empfinden – hier Wanda, die sich im eigenen Kopf gefangen fühlt, wo alles schwarz und unerträglich sei. Inneres Leid lässt sich nicht einfach in Worte fassen, und Gesunde können die für sie unsichtbaren Schwierigkeiten kaum begreifen und als solche akzeptieren. Eine Kunsttherapie für Essgestörte brachte Sanne, die in Trondheim wohnt, auf die Idee, die Porträtierten am Bild zu beteiligen. Zu sehen sind außerdem die von Ingve, Mari, Lise und Alicia bearbeitenden Fotos.


Routine und gute Gewohnheiten hält Meyer-Lindenberg für mächtige Werkzeuge, um die mentale Gesundheit selbst zu verbessern, dazu zählen Schlaf, Sport und die soziale Interaktion. Sich in der Natur zu bewegen, etwa regelmäßig zu schwimmen, das helfe vielen, die mit psychischen Störungen zu kämpfen hätten. „Wird aus einer bewussten Entscheidung einmal Routine, gibt das dem Tag außerdem eine Struktur, die ungemein stärkt.“  

Diese Erfahrung teilen vermutlich die hier Porträtierten und ihre Fotografen. Am Nachmittag des 19. August ist online zu erfahren, wer 2020 den „Photography Prize“ der Wellcome-Stiftung gewinnt. Gewinner sind trotzdem alle, individuell.


Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 18.08.2020 14:52 Uhr