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Psychologie : Vom Nutzen der Schwermut

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Depression als Filmthema: Ashley Judd als Helen im Film „Depression”, der im vorigen Jahr in die Kinos kam Bild:

Eine Depression ist wie eine Zentnerlast: Wer unter ihr leidet, verliert jede Lust am Leben. Welchen Sinn kann das haben? Der Versuch einer evolutionspsychologisch grundierten Antwort auf diese Frage führt zu Debatten unter Psychiatern und Psychologen.

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          Es gibt eine Menge Umschreibungen für Schwermut. Charles Darwin kannte sie alle. Mal berichtete er von Anfällen, die ihn heimsuchten, mal von Unruhe und Herzrasen, von Atemnot und Kopfweh oder dem hysterischen Weinen, das ihn überkam, wenn seine Frau Emma nicht da war. Über Darwins Gebrechen ist endlos gerätselt worden; die Symptome sind mit allen möglichen Malaisen von Laktoseintoleranz bis zum Morbus Chagas erklärt worden. Doch Darwin selbst sorgte sich am meisten um seine psychische Gesundheit. Er sei an einem von drei Tagen nicht imstande gewesen, überhaupt nur das Geringste zu tun, klagte er. Diese Schwäche, die offenbar in der Familie lag, sah er als bittere Kränkung: "Ich sollte mich wahrscheinlich damit zufriedengeben, die Fortschritte zu bewundern, die andere in der Wissenschaft machen."

          Selten genug lag jemand damit so daneben wie Darwin. Seine Anfälle hinderten ihn nicht daran, Entscheidendes zu leisten. Die Qualen, von denen er schrieb, könnten sogar dazu beigetragen haben. Vielleicht haben sie es ihm erst ermöglicht, sich zurückzuziehen und sich gänzlich auf seine Arbeit zu konzentrieren. "Jedes Leiden verursacht Depressionen, wenn es nur lange genug anhält. Doch es macht auch wachsam gegenüber großem und plötzlichem Übel." So erklärte sich Darwin den Kummer fort und das Dunkel zur Quelle des Lichts.

          Das Rätsel der Depression besteht nicht darin, dass sie existiert. Der Geist kann genauso leicht versagen wie der Körper. Das Paradoxe an der Depression ist ihre weite Verbreitung. Die meisten anderen mentalen Störungen sind selten. Von Schizophrenie beispielsweise ist nur ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Depressionen dagegen scheinen so häufig vorzukommen wie Schnupfen. Jahr für Jahr durchleben schätzungsweise sieben Prozent der Bevölkerung ein anhaltendes Stimmungstief, wie es der amerikanische Schriftsteller William Styron in seiner Autobiographie geschildert hat: als "graues Nieseln des Horrors" und als "Sturm der Düsternis".

          Ein Zweck? Aber welcher?

          Die Hartnäckigkeit einer Depression und die Tatsache, dass sie eine vererbbare Komponente zu besitzen scheint, stellt Darwins Evolutionstheorie vor eine Herausforderung. Eine erbliche Disposition, die dazu führt, dass Menschen unter anderem jede Freude am Essen, an sozialen Kontakten, an Sex und damit auch an der Fortpflanzung verlieren und stattdessen an Selbstmord denken, hätte sich im Sinne Darwinscher Fitness eigentlich nicht durchsetzen dürfen. So aber stehen wir vor der Frage, war-um der Geist des Menschen so häufig zum Trübsinn neigt, ohne dass ihm das auf den ersten Blick Vorteile schafft.

          Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Depression doch irgendeinen geheimen Zweck erfüllt; in diesem Fall würden medizinische Eingriffe die Sache nur noch schlimmer machen. Ähnlich wie Fieber dazu dient, einen Infekt zu bekämpfen, könnte die Depression eine belastende, aber insgesamt hilfreiche Reaktion auf traumatische Belastungen sein. Vielleicht hatte Darwin recht: Wir leiden, sogar schrecklich, aber wenigstens nicht vergebens.

          Der amerikanische Psychiater Anderson Thomson von der University of Virginia in Charlottesville beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Phänomen der Depression. In seiner privaten Praxis sieht er manchmal Fälle, die aussichtslos scheinen. "Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Jeder Patient bringt seine eigene Geschichte mit. Das ist anders als bei den meisten Krankheiten. Wenn man einen Fall von eisenbedingter Blutarmut gesehen hat, kennt man sie alle. Aber an einer Depression leidet jeder aus den verschiedensten Gründen."

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