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Corona-Brutstätten : Das Milliardengeschäft mit dem Wildtierhandel

Das Schuppentier oder Pangolin ist ein Opfer des Wildtierhandels – aber angeblich schon raus aus dem Rennen um den Ursprung von Sars-CoV-2. Bild: dpa

Wildtiermärkte verbieten? Weil sie Brutstätten für neue Viren sind, werden die Stimmen lauter, die ein radikales Verbot befürworten. Wissenschaftler warnen jedoch vor einer vollständigen Schließung der Märkte.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Die Corona-Pandemie befeuert die Kritik am Wildtierhandel, da dieser eine Rolle bei der Verbreitung von Krankheitserregern spielt. Wissenschaftler fordern immer vernehmlicher eine strikte Überwachung.

          Tatsächlich ist mit der Corona-Pandemie der weltweite Wildtierhandel enorm in den Fokus gerückt. Forderungen nach einem dauerhaften, endgültigen Verbot werden plötzlich auch aus der Wissenschaft in einer Zahl laut, wie man das vorher kaum geahnt hätte. Besonders Tiermärkte sind im Fokus – nicht nur in Asien, sondern auch in Indien, Afrika und Lateinamerika. Sie gelten als Brutstätten für neue Viren, da sie diesen ideale Bedingungen für Übersprünge von einer Art in die andere bieten: Hier treffen legal und illegal importierte, gejagte und gezüchtete Wildtiere aufeinander – Arten, die sich in der Natur niemals begegnet wären, den Menschen eingeschlossen.

          „Die hygienischen Bedingungen lassen auf solchen Märkten zu wünschen übrig. Die Tiere sitzen übereinander gestapelt in engen Käfigen, manche sind verletzt, alle gestresst, und sie scheiden entsprechend aus“, erklärt der Biologe Stefan Prost vom Loewe-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik in Frankfurt am Main. Das heißt, all die Mitbewohner, die eine Tierart natürlicherweise beherbergt, also Viren, Bakterien und Parasiten, bekommen an solchen Orten die Chance, einen neuen Wirt zu erobern: weil Tiere sie über Speichel, Blut und Kot verbreiten.

          Auch HIV und Ebola stehen in Verbindung mit Märkten

          Experten schätzen, dass bis zu drei Viertel aller neuartigen Infektionskrankheiten ihren Ursprung im Tierreich haben – auch wenn die Wege der Erreger in ihre neuen Wirte nicht immer zweifelsfrei geklärt werden können. In Verbindung mit Wildtiermärkten stehen etwa HIV, das Ebolavirus, Sars-CoV-1 und auch der aktuelle Pandemieerreger Sars-CoV-2. Dessen Ursprung vermuten Wissenschaftler in Fledermäusen, da diese Träger eines nah verwandten Virus sind. Ein weiteres Expertenteam der WHO landete vor einigen Tagen in Wuhan, um zu versuchen, den Weg von Sars-CoV-2 zu rekonstruieren.

          Ein Arbeiter desinfiziert auf dem Wildtiermarkt in Guangzhou Käfige mit Larvenrollern.
          Ein Arbeiter desinfiziert auf dem Wildtiermarkt in Guangzhou Käfige mit Larvenrollern. : Bild: dpa

          Zu Beginn der Pandemie stand das in Asien verbreitete Schuppentier (Pangolin) unter Verdacht, als Zwischenwirt fungiert zu haben: Bei Tieren, die aus Malaysia nach China geschmuggelt worden waren, hatte man Sars-CoV-2 ähnliche Coronaviren nachgewiesen. Eine Studie der gemeinnützigen Eco Health Alliance aus New York meint diese Hypothese inzwischen entkräftet zu haben. Gleichzeitig verdeutliche dieser Fall die Risiken, die der Tierhandel bei der Verbreitung von Erregern spiele: In mehr als 300 Pangolinen, die zwischen 2009 und 2019 noch in Malaysia beschlagnahmt worden waren, fanden die Forscher keine Coronaviren. Das deute darauf hin, dass Schuppentiere wahrscheinlich zufällige Wirte seien, die sich während des Transports anstecken, sagt Erstautor Jimmy Lee.

          Auch Feldratten infizieren sich während ihres Transports mit Coronaviren: Die Nager werden in Vietnam gerne gegessen, in Reisfeldern gefangen und auf Märkten oder in Restaurants verkauft. Laut einer Studie nahm der Anteil jener Ratten, die positiv auf verschiedene Coronaviren getestet wurden, entlang der Lieferkette bis zu den Restaurants deutlich zu. Das weise auf „ein maximales Risiko für den Endverbraucher hin“, schreiben die Autoren in der Online-Fachzeitschrift „Plos One“.

          Schließung ist „keine keine realistische Lösung“

          Die Diskussionen rund um den Wildtierhandel sind nicht neu, die Risiken für die öffentliche Gesundheit schon seit Jahrzehnten bekannt: Während des Sars-Ausbruchs 2003 verbot die chinesische Regierung den Wildtierhandel, allerdings blühte der Handel nach der Krise wieder auf. Ende Februar 2020 verbot China den illegalen Handel und den Konsum von Wildtieren als Nahrungsmittel abermals – diesmal könnte das Verbot von Dauer sein: „Es wurden drei Gesetze überarbeitet, und momentan wird an der Umsetzung gefeilt“, sagt die Biologin Aili Kang, Programmdirektorin der Wildlife Conservation Society in China.

          Einige Wissenschaftler warnen jedoch vor einer vollständigen Schließung der Wildtiermärkte: „Das ist keine realistische Lösung“, sagt Prost. „In China essen vor allem Reiche Wildtiere. In anderen Ländern wie in Laos sind aber Millionen Menschen auf diese Märkte angewiesen, und Wildtiere sind häufig die einzige Fleischquelle, die sie sich leisten können.“

          Wildtiermarkt in der Hauptstadt Gabuns. Hier werden unter anderem Schuppentiere verkauft.
          Wildtiermarkt in der Hauptstadt Gabuns. Hier werden unter anderem Schuppentiere verkauft. : Bild: AFP

          Hinzu kommt, dass der Wildtierhandel ein Milliardengeschäft ist. Allein die Zucht von Wildtieren für Fleisch, Pelz und Teile, die in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet werden, generiert jährlich 18 Milliarden Dollar und beschäftigt 6,3 Millionen Menschen. Was passiert nun mit all den gezüchteten Tieren, die nicht mehr verkauft werden dürfen? Laut Kang arbeiten die Provinzbehörden an der Entwicklung alternativer Geschäftsmodelle für betroffene Farmer, außerdem sind Entschädigungszahlungen geplant.

          Handel könnte in den Untergrund abtauchen

          Einige Experten zweifeln jedoch an einer wirksamen Umsetzung des Verbots und befürchten, dass der Handel in den Untergrund abtauchen könnte. „Das würde eine Überwachung dieser Märkte noch schwieriger machen“, sagt Prost. Eine Pressemitteilung der obersten Strafverfolgungsbehörde Chinas im November lässt aufhorchen: Zwar habe China im vergangenen Jahr 15.000 Menschen wegen Verbrechen im Zusammenhang mit Wildtieren strafrechtlich verfolgt – ein Anstieg von 66 Prozent gegenüber 2019. Die Behörde warnt zugleich aber davor, dass sich ein großer Teil des illegalen Wildtiergeschäfts ins Internet verlagert habe und der Handel mit exotischen Haustieren zu einer wachsenden Herausforderung werde.

          Wildtiergenetiker Prost und Kollegen von der Wildlife Disease Surveillance Focus Group plädieren daher für deutlich schärfere Kontrollen im weltweiten Wildtierhandel: „Viel wichtiger als ein Verbot ist es, die Märkte stärker zu beobachten, um zu dokumentieren, welche Wildtiere dort verkauft werden und welche Krankheitserreger diese in sich tragen.“ Ziel sollte außerdem sein, die Artenzahl, die auf Wildmärkten aufeinandertrifft, zu reduzieren, die Haltungsbedingungen der Tiere sowie die Hygienestandards zu verbessern und den Verkauf illegal gejagter und geschützter Tiere zu unterbinden.

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          In einem Kommentar im Fachblatt „Science“ vom Juli vergangenen Jahres schlägt die Gruppe ein kostengünstiges, dezentralisiertes Seuchenüberwachungssystem vor. Mithilfe eines tragbaren Minilabors, das DNA entschlüsseln kann, ließen sich Proben vor Ort gezielt auf Krankheitserreger überprüfen. „So ein Rucksacklabor kostet rund 5000 Euro, die Analyse einer Probe rund 5 Euro“, sagt Prost. Die Methode werde momentan in Asien und Afrika erprobt. Dieser Ansatz würde ein Erreger-Monitoring auch in Ländern ermöglichen, die über keine entsprechenden Labore verfügen.

          „Statt immer nur zu reagieren, sollten wir vorbeugen“

          Laut der Weltorganisation für Tiergesundheit gibt es 125 Laboratorien, die für das Screening auf die Ermittlung eines oder mehrerer Erreger zertifiziert sind. Ihre globale Verteilung spiegelt allerdings nicht das Risiko für neu auftretende Infektionskrankheiten, das vor allem Länder in Südostasien, Afrika sowie Mittel- und Südamerika tragen. So befinden sich etwa 78 Labore in Europa und Nordamerika, 14 in China, acht in Südamerika und nur drei in Afrika. Diese Schieflage erschwert einen raschen Erregernachweis. „Statt immer nur zu reagieren, sollten wir vorbeugen“, sagt Prost. Indem man Wildtiermärkte und -farmen, freilebende Hochrisiko-Tierpopulationen wie Primaten und Fledermäuse und auch den internationalen Wildtierhandel, mithin also den Export und Import exotischer Haustiere, untersucht und regelmäßig und engmaschig auf Krankheitserreger hin überwacht.

          Ein sorgfältiges Monitoring ist auch deswegen unerlässlich, weil Chinas Handelsverbot erhebliche Schlupflöcher bietet. So umfasst es nicht den Handel mit Wildtieren, die in der traditionellen Medizin Verwendung finden – eine Industrie, die als massive Triebfeder des Wildtierhandels gilt und die globale Gesundheit somit weiter gefährden könnte. Kang ist dennoch hoffnungsvoll: „Einige chinesische Provinzen haben restriktivere Vorschriften verabschiedet als die auf zentraler Ebene getroffene Entscheidung.“

          Der Rückhalt in der Bevölkerung ist laut einer Umfrage chinesischer Wissenschaftler mit mehr als 70.000 Teilnehmern groß: Über 90 Prozent der Befragten befürworteten eine strengere Politik und Gesetzgebung in Bezug auf den Verzehr und Handel von Wildtieren. China hat zudem beschlossen, gefährdete Tierarten wie das Pangolin aus dem „China Medicine Dictionary“, dem wichtigsten Wörterbuch der traditionellen Medizin, zu streichen.

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