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Vorurteile : Schubladen in unseren Köpfen

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Gefährlich werden die Schubladen, in die man seine Mitmenschen steckt, wenn sie mit einer negativen Wertung einhergehen. Stereotypen werden so zu Vorurteilen. Bild: Bisley

Warum wir Menschen „uns“ von „den anderen“ unterscheiden, erforschen Sozialpsychologen seit Jahrzehnten. Und sie finden Antworten darauf, wie sich feindselige Gruppen versöhnen lassen.

          7 Min.

          Schwaben sind geizig und Berliner unhöflich, das weiß jedes Kind. Genauso stimmt natürlich, dass Frauen zu viel quasseln und Männer lieber schweigen, weil sie nicht über ihre Gefühle reden können. Außerdem haben Araber grundsätzlich ein Problem mit Frauen.

          Wenn der Hamburger Sozialpsychologe Hans-Peter Erb solche Sätze hört, weiß er sofort, womit er es zu tun hat: mit klassischen Vorurteilen. Jeder habe Vorurteile, Erb findet das zunächst einmal sehr menschlich. Die Frage sei, wie es dazu komme: „Wir kategorisieren ganz automatisch und teilen die Welt in Gruppen ein“, erklärt der Forscher von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Jedem Menschen werde dabei eine eigene Schublade zugewiesen. Der eine habe schwarze Augen, ein anderer große Ohren. Und schon würden aus den Eigenschaften einprägsame Stereotype, die vereinfacht Personen oder eine Gruppe charakterisieren. Das alles geschehe rasend schnell, in Bruchteilen einer Sekunde, und in einer Art Autopilotverfahren, wie Erb es beschreibt. Und natürlich ist das keineswegs sinnlos: Die Schubladen helfen uns, die Welt zu ordnen und die Übersicht zu behalten.

          Sparsame Schwaben werden zu Geizhälsen

          Die Kategorisierung erfülle jedoch noch einen zweiten Zweck: Sie teile die Menschen in „wir“ und „die da“, sagt Erb. Schließlich habe sich die Fähigkeit, zwischen „der hier ist ein Verbündeter“ und „der da will mir eine Keule über den Kopf hauen“ zu unterscheiden, als überlebenswichtig erwiesen. Wer dabei in der sogenannten Eigengruppe landet, wird besonders geschätzt und bevorzugt behandelt, das zeigen zahlreiche Studien. Das Mitglied einer Fremdgruppe hingegen wird entsprechend unfreundlicher eingestuft. Aber während der Einordnung passieren Fehler. Einige Schwaben landen vielleicht vorschnell in der Geiz-Schublade, obwohl sie ausgesprochen großzügig sind. Oder das Stereotyp erweist sich komplett als Irrtum, weil Frauen, wenn man es genauer untersucht, keineswegs mehr reden als Männer. Warum Kategorien gefährlich sein können: Den Schubladen wird oft ein zusätzliches Etikett angeheftet, eine positive oder negative Wertung. Und schon werden sparsame Schwaben zu Geizhälsen, Frauen zu geschwätzigen Klatschbasen und aus dem - womöglich falschen - Stereotyp ein Vorurteil. Hinzu kommen die Ressentiments, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern fast automatisch mit auf den Weg gibt. Beispiel Migration: Polen werden aus Sicht der Deutschen mit Autodieben gleichgesetzt, Italiener mit Mafiosi und Kosovaren mit Einbrechern. „Das liegt daran, dass das Bild von Einwanderern in Deutschland seit langem mit einem Gefühl von Bedrohung verknüpft ist“, sagt Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg.

          Wie solche Bilder entstehen können, hat der türkisch-amerikanische Psychologe Muzafer Sherif Mitte des 20. Jahrhunderts recht drastisch demonstriert. Sherif war ein Pionier der Konfliktforschung, dabei beschäftigte ihn eine Frage besonders: Kann man friedliche Jungen in erbitterte Feinde verwandeln? Um das herauszufinden, lud er im Sommer 1954 zweiundzwanzig sich völlig fremde Elfjährige in ein Ferienlager im Robbers Cave State Park und trennte sie dort in zwei Gruppen auf. Sie waren die „Eagles“ (Adler) und die „Rattlers“ (Klapperschlangen). Sherif wies beiden Gruppen eigene Schlaf- und Badeplätze zu, - hielt sie auf Distanz und steckte die Jungs in Hemden mit verschiedenen Emblemen. So entstanden eingeschworene Gemeinschaften mit eigenen Hierarchien und typischen Verhaltensmustern. Dann ließ er sie gegeneinander antreten.

          Seit der Kölner Silvesternacht haben Ressentiments wieder Konjunktur

          Beim Tauziehen, Baseball und weiteren dreizehn Wettbewerben kämpften die Adler gegen die Klapperschlangen um begehrte Preise. Auch aßen sie sich bei den Mahlzeiten gegenseitig die Leckereien weg. Sherifs Plan ging auf: Erst beschimpften sich die konkurrierenden Teams als Lügner, Mogler und Gierhälse, dann bewarfen sie sich mit Essensresten, und eine in Brand gesetzte Gruppenfahne wurde durch verwüstete Unterkünfte gerächt. Am Ende gingen sie mit Baseballschlägern aufeinander los.

          Seit Sherifs Versuch sind mehr als sechzig Jahre vergangen. Heute könnte man meinen, die Welt sei eine bessere geworden. Nicht nur, weil eine solche Studie aus ethischen Gründen undenkbar wäre. Laut Umfragen haben beispielsweise die geäußerten Vorurteile zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft in den vergangenen sieben Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen. Bis zur Silvesternacht. Seit den Vorfällen in Köln geht der Trend in Deutschland wieder in die andere Richtung: Zwei von drei Bundesbürgern fürchten, laut Umfragen, angesichts der Flüchtlinge um die Sicherheit in Deutschland. Jeder dritte fühlt sich persönlich bedroht.

          Gesellschaftliche Normen schützen vor unpopulären Gefühlen

          Das Vorurteil „Flüchtlinge sind eben gefährlich“ sei auf sehr fruchtbaren Boden gefallen, meint Erb. Denn in den vergangenen fünfzig Jahren seien in den liberalen westlichen Gesellschaften die Vorurteile gegen Ausländer, Schwarze oder Homosexuelle nicht etwa verschwunden, sondern sie werden nur nicht mehr offen ausgesprochen. Im Untergrund blieben die Vorbehalte und negativen Stereotype jedoch bestehen.

          Gesellschaftliche Normen schützen Minderheiten zwar vor Kränkungen, die emotionale Komponente vieler Vorurteile steckt aber trotzdem in den Köpfen. Das zeigte Steven Prentice-Dunn an der University of Alabama schon vor 25 Jahren in einem eindrücklichen Versuch. Der Sozialpsychologe hatte damals weiße Studenten angewiesen, einem Mitarbeiter einen Stromstoß zu versetzen, sobald dessen Herzfrequenz unter ein bestimmtes Level sank. Zunächst fiel auf, dass die Teilnehmer die Stromdosis gerade bei einem schwarzen Gegenüber zaghaft verteilten. Das änderte sich jedoch, als die Psychologen die Studenten provozierten und abfällige Bemerkungen über sie machten. Danach bekamen Dunkelhäutige die höchsten Stromschläge zu spüren. Die Veränderung erklärte Prentice-Dunn folgendermaßen: Um Moral und Selbstachtung zu bewahren, kontrollieren viele Menschen unter normalen Bedingungen ihre unpopulären Gefühle, die sie gegenüber Randgruppen empfinden. Sind sie jedoch frustriert, alkoholisiert, gestresst oder liefert das Umfeld eine entsprechende Rechtfertigung, kann sich das schlagartig ändern. Plötzlich kommen die sogenannten impliziten, heimlichen Vorurteile zum Vorschein. Und das könnte nun auch nach der Kölner Silvesternacht der Fall sein. Manchmal sind einem Ressentiments nicht einmal selbst bewusst. Dann werde es besonders gefährlich, mahnt der Gesundheitswissenschaftler und Soziologe David Williams von der Harvard-Universität. Dass amerikanische Ärzte zum Beispiel Minderheiten absichtlich Schmerzmittel, Herzmedikamente oder Organtransplantate vorenthalten - all das findet nachweislich statt -, kann sich Williams nicht vorstellen. Deshalb nimmt er an, dass die Mediziner unbewusst von ihren verdrängten Vorurteilen beeinflusst würden, wenn sie ungerecht über die Verteilung entschieden.

          Früher oder später kommen unterdrückte Vorurteile ans Licht

          Was sich dabei in Menschen abspielt, sind bewusste und unbewusste Prozesse im Gehirn, die in Studien unter anderem dafür verantwortlich gemacht werden, dass afroamerikanische Schüler auffallend oft Verweise bekommen. Oder dass in Deutschland die Erfolgsquote von schriftlichen Bewerbungen sinkt, wenn die Verfasser einen ausländisch klingenden Namen angeben.

          In eine ähnliche Richtung deuten die Experimente von Patricia Devine an der University of Wisconsin. Die Psychologin ließ 1989 vor den Augen ihrer Studenten negativ bewertete Begriffe wie feindselig, faul oder Sozialhilfe aufleuchten. So schnell, dass sie bewusst gar nicht wahrnehmbar waren. In einem anschließenden Test fiel das Urteil der Versuchspersonen über eine andere Person schlechter aus.

          Der amerikanische Neurowissenschaftler David Amodio glaubt, dass sich versteckte Vorurteile mit einfachen Mitteln aufdecken lassen: Implicit Association Test (IAT) nennt sich das Verfahren, an dem sich im Internet jeder versuchen kann (https://implicit.harvard.edu/implicit/germany). Zu Beginn wird dabei jeder Seite des zweigeteilten Bildschirms eine Eigenschaft, zum Beispiel eine Hautfarbe, zugeteilt. Dann leuchten positive und negative Begriffe wie Glück und Schmerz auf, die man möglichst schnell per Tastendruck der rechten oder linken Bildschirmhälfte zuteilen soll. In der ersten Runde bildet die Hautfarbe „weiß“ mit der Kategorie „positiv“ eine Einheit, in der nächsten ist sie „negativ“. Je stärker wir eine Hautfarbe mit einer Eigenschaft unterbewusst assoziieren, desto schneller drücken wir den Knopf, so erklärt Amodio das Prinzip. Tatsächlich kann man beim Ausprobieren feststellen, dass sich ein leichtes Zögern in die Bewegung einschleicht, sobald die eigene Hautfarbe mit einem negativen Begriff gepaart ist. Fast jeder zweite Weiße unter mehr als zwei Millionen Teilnehmern offenbarte hier zum Beispiel eine ausgeprägte Präferenz für die eigene Ethnizität. Am intolerantesten erwiesen sich im Schnitt konservative weiße Männer im Rentenalter mit einem entweder sehr hohen oder sehr niedrigen Bildungsgrad.

          Negative Ereignisse werden mehr beachtet

          Nicht jeder Wissenschaftler glaubt allerdings an die Zuverlässigkeit dieses Instruments. „Über das zukünftige bewusste Verhalten von Menschen lässt sich mit diesem Test wenig aussagen“, sagt der Marburger Psychologe Wagner. Über das unbewusste hingegen schon: Menschen, die beim IAT schlecht abschneiden, tendierten auch dazu, bei der Begegnung mit Menschen anderer Hautfarbe ganz automatisch auf größeren räumlichen Abstand zu gehen. Der amerikanische Forscher Tom Pettigrew glaubte noch 1995, die subtile Ablehnung der Türken durch die Deutschen anhand von Indikatoren wie Überbetonung kultureller Unterschiede, Verweigerung positiver Gefühle und Verteidigung traditioneller Werte nachweisen zu können.

          Vorurteilen entgegenzutreten ist alles andere als einfach. Schon im Alter von sieben und acht Jahren beginnen Kindern, ihre soziale Umwelt in Gruppen zu kategorisieren. Sie lehnen dann auch Personen aus anderen Gruppen ab, die negativ von den Eltern oder der Gesellschaft bewertet werden. Ressentiments wiederum werden auch dadurch gefördert, dass wir seltenen negativen Vorkommnissen meist mehr Aufmerksamkeit schenken als jenen, die häufig und positiv sind.

          Zudem achten Menschen mehr auf Ereignisse, die zum eigenen Weltbild passen, nonkonformes Verhalten reizt uns: Ein Flüchtling, der stiehlt, fällt deshalb in der Regel eher auf als die große Mehrheit der Flüchtlinge, die es nicht tut. Und wir neigen dazu, so etwas eher der Persönlichkeit eines Menschen als den äußeren Umständen zuzuschreiben. Zwar zwangen die Menschen im Mittelalter ihre jüdischen Mitbürger, den Lebensunterhalt mit Geldgeschäften zu verdienen, anschließend stuften sie alle Juden wegen ebendieser Berufswahl als geldgierige Kredithaie ein. In der Sozialpsychologie wäre das ein klassisches Beispiel für einen sogenannten dispositionalen Attributionsfehler. Und sollte der Widerspruch zwischen Vorurteil und Realität nicht länger zu leugnen sein: „Dann sortieren wir etwa den netten Nordafrikaner von nebenan als die Ausnahme aus, die unsere Regel bestätigt“, erklärt Sozialpsychologe Hans-Peter Erb, wie Menschen sich gerne etwas vormachen.

          Die Lösung: kooperatives Arbeiten am gemeinsamen Ziel

          Trotzdem können Menschen sich offenbar ändern. Das lassen unter anderem Studien erhoffen, die der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg mit seinen Kollegen unternahm. Ihre Ergebnisse belegen, dass in Vierteln, in denen es mehr Einwanderer gibt, weniger Vorurteile gegen Zuwanderer herrschen. Es scheint aber nicht allein der Kontakt zu Fremden zu sein, der Toleranz fördert. Als man etwa die Rassenschranken in den amerikanischen Schulen aufhob, hegten weiße Schüler anschließend mehr rassistische Gefühle. Und diesen Effekt will Wagner in einem aktuellen Projekt verhindern, indem er gute und schlechte Schüler, türkische und deutsche in gemischte Arbeitsgruppen einteilt: „Gerade durch ein solches kooperatives Arbeiten an einem gemeinsamen Ziel, das konnten wir zeigen, werden Vorurteile besonders gut abgebaut.“

          Auf diese Idee verfiel schon Muzafer Sherif. In der dritten und letzten Phase seiner bis heute berühmten Robbers-Cave-Experimente konfrontierte er die Jungen mit Aufgaben, die beide Gruppen nur gemeinsam lösen konnten. Dafür ließ er etwa die Wasserversorgung blockieren oder sabotierte den Motor eines Lieferwagens, so dass alle zusammen schieben mussten. Das Fleisch für ihre Verpflegung kam im Ganzen - musste also geteilt werden, ebenso das Zeltmaterial bei einem Ausflug und die Kosten für einen gemeinsamen Filmabend. Die Rückfahrt nach Hause traten Adler und Klapperschlangen schließlich versöhnt an. Zusammen in einem Bus.

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