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Vorurteile : Schubladen in unseren Köpfen

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Zudem achten Menschen mehr auf Ereignisse, die zum eigenen Weltbild passen, nonkonformes Verhalten reizt uns: Ein Flüchtling, der stiehlt, fällt deshalb in der Regel eher auf als die große Mehrheit der Flüchtlinge, die es nicht tut. Und wir neigen dazu, so etwas eher der Persönlichkeit eines Menschen als den äußeren Umständen zuzuschreiben. Zwar zwangen die Menschen im Mittelalter ihre jüdischen Mitbürger, den Lebensunterhalt mit Geldgeschäften zu verdienen, anschließend stuften sie alle Juden wegen ebendieser Berufswahl als geldgierige Kredithaie ein. In der Sozialpsychologie wäre das ein klassisches Beispiel für einen sogenannten dispositionalen Attributionsfehler. Und sollte der Widerspruch zwischen Vorurteil und Realität nicht länger zu leugnen sein: „Dann sortieren wir etwa den netten Nordafrikaner von nebenan als die Ausnahme aus, die unsere Regel bestätigt“, erklärt Sozialpsychologe Hans-Peter Erb, wie Menschen sich gerne etwas vormachen.

Die Lösung: kooperatives Arbeiten am gemeinsamen Ziel

Trotzdem können Menschen sich offenbar ändern. Das lassen unter anderem Studien erhoffen, die der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg mit seinen Kollegen unternahm. Ihre Ergebnisse belegen, dass in Vierteln, in denen es mehr Einwanderer gibt, weniger Vorurteile gegen Zuwanderer herrschen. Es scheint aber nicht allein der Kontakt zu Fremden zu sein, der Toleranz fördert. Als man etwa die Rassenschranken in den amerikanischen Schulen aufhob, hegten weiße Schüler anschließend mehr rassistische Gefühle. Und diesen Effekt will Wagner in einem aktuellen Projekt verhindern, indem er gute und schlechte Schüler, türkische und deutsche in gemischte Arbeitsgruppen einteilt: „Gerade durch ein solches kooperatives Arbeiten an einem gemeinsamen Ziel, das konnten wir zeigen, werden Vorurteile besonders gut abgebaut.“

Auf diese Idee verfiel schon Muzafer Sherif. In der dritten und letzten Phase seiner bis heute berühmten Robbers-Cave-Experimente konfrontierte er die Jungen mit Aufgaben, die beide Gruppen nur gemeinsam lösen konnten. Dafür ließ er etwa die Wasserversorgung blockieren oder sabotierte den Motor eines Lieferwagens, so dass alle zusammen schieben mussten. Das Fleisch für ihre Verpflegung kam im Ganzen - musste also geteilt werden, ebenso das Zeltmaterial bei einem Ausflug und die Kosten für einen gemeinsamen Filmabend. Die Rückfahrt nach Hause traten Adler und Klapperschlangen schließlich versöhnt an. Zusammen in einem Bus.

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