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Vorurteile : Schubladen in unseren Köpfen

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Früher oder später kommen unterdrückte Vorurteile ans Licht

Was sich dabei in Menschen abspielt, sind bewusste und unbewusste Prozesse im Gehirn, die in Studien unter anderem dafür verantwortlich gemacht werden, dass afroamerikanische Schüler auffallend oft Verweise bekommen. Oder dass in Deutschland die Erfolgsquote von schriftlichen Bewerbungen sinkt, wenn die Verfasser einen ausländisch klingenden Namen angeben.

In eine ähnliche Richtung deuten die Experimente von Patricia Devine an der University of Wisconsin. Die Psychologin ließ 1989 vor den Augen ihrer Studenten negativ bewertete Begriffe wie feindselig, faul oder Sozialhilfe aufleuchten. So schnell, dass sie bewusst gar nicht wahrnehmbar waren. In einem anschließenden Test fiel das Urteil der Versuchspersonen über eine andere Person schlechter aus.

Der amerikanische Neurowissenschaftler David Amodio glaubt, dass sich versteckte Vorurteile mit einfachen Mitteln aufdecken lassen: Implicit Association Test (IAT) nennt sich das Verfahren, an dem sich im Internet jeder versuchen kann (https://implicit.harvard.edu/implicit/germany). Zu Beginn wird dabei jeder Seite des zweigeteilten Bildschirms eine Eigenschaft, zum Beispiel eine Hautfarbe, zugeteilt. Dann leuchten positive und negative Begriffe wie Glück und Schmerz auf, die man möglichst schnell per Tastendruck der rechten oder linken Bildschirmhälfte zuteilen soll. In der ersten Runde bildet die Hautfarbe „weiß“ mit der Kategorie „positiv“ eine Einheit, in der nächsten ist sie „negativ“. Je stärker wir eine Hautfarbe mit einer Eigenschaft unterbewusst assoziieren, desto schneller drücken wir den Knopf, so erklärt Amodio das Prinzip. Tatsächlich kann man beim Ausprobieren feststellen, dass sich ein leichtes Zögern in die Bewegung einschleicht, sobald die eigene Hautfarbe mit einem negativen Begriff gepaart ist. Fast jeder zweite Weiße unter mehr als zwei Millionen Teilnehmern offenbarte hier zum Beispiel eine ausgeprägte Präferenz für die eigene Ethnizität. Am intolerantesten erwiesen sich im Schnitt konservative weiße Männer im Rentenalter mit einem entweder sehr hohen oder sehr niedrigen Bildungsgrad.

Negative Ereignisse werden mehr beachtet

Nicht jeder Wissenschaftler glaubt allerdings an die Zuverlässigkeit dieses Instruments. „Über das zukünftige bewusste Verhalten von Menschen lässt sich mit diesem Test wenig aussagen“, sagt der Marburger Psychologe Wagner. Über das unbewusste hingegen schon: Menschen, die beim IAT schlecht abschneiden, tendierten auch dazu, bei der Begegnung mit Menschen anderer Hautfarbe ganz automatisch auf größeren räumlichen Abstand zu gehen. Der amerikanische Forscher Tom Pettigrew glaubte noch 1995, die subtile Ablehnung der Türken durch die Deutschen anhand von Indikatoren wie Überbetonung kultureller Unterschiede, Verweigerung positiver Gefühle und Verteidigung traditioneller Werte nachweisen zu können.

Vorurteilen entgegenzutreten ist alles andere als einfach. Schon im Alter von sieben und acht Jahren beginnen Kindern, ihre soziale Umwelt in Gruppen zu kategorisieren. Sie lehnen dann auch Personen aus anderen Gruppen ab, die negativ von den Eltern oder der Gesellschaft bewertet werden. Ressentiments wiederum werden auch dadurch gefördert, dass wir seltenen negativen Vorkommnissen meist mehr Aufmerksamkeit schenken als jenen, die häufig und positiv sind.

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