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Vorurteile : Schubladen in unseren Köpfen

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Seit der Kölner Silvesternacht haben Ressentiments wieder Konjunktur

Beim Tauziehen, Baseball und weiteren dreizehn Wettbewerben kämpften die Adler gegen die Klapperschlangen um begehrte Preise. Auch aßen sie sich bei den Mahlzeiten gegenseitig die Leckereien weg. Sherifs Plan ging auf: Erst beschimpften sich die konkurrierenden Teams als Lügner, Mogler und Gierhälse, dann bewarfen sie sich mit Essensresten, und eine in Brand gesetzte Gruppenfahne wurde durch verwüstete Unterkünfte gerächt. Am Ende gingen sie mit Baseballschlägern aufeinander los.

Seit Sherifs Versuch sind mehr als sechzig Jahre vergangen. Heute könnte man meinen, die Welt sei eine bessere geworden. Nicht nur, weil eine solche Studie aus ethischen Gründen undenkbar wäre. Laut Umfragen haben beispielsweise die geäußerten Vorurteile zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft in den vergangenen sieben Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen. Bis zur Silvesternacht. Seit den Vorfällen in Köln geht der Trend in Deutschland wieder in die andere Richtung: Zwei von drei Bundesbürgern fürchten, laut Umfragen, angesichts der Flüchtlinge um die Sicherheit in Deutschland. Jeder dritte fühlt sich persönlich bedroht.

Gesellschaftliche Normen schützen vor unpopulären Gefühlen

Das Vorurteil „Flüchtlinge sind eben gefährlich“ sei auf sehr fruchtbaren Boden gefallen, meint Erb. Denn in den vergangenen fünfzig Jahren seien in den liberalen westlichen Gesellschaften die Vorurteile gegen Ausländer, Schwarze oder Homosexuelle nicht etwa verschwunden, sondern sie werden nur nicht mehr offen ausgesprochen. Im Untergrund blieben die Vorbehalte und negativen Stereotype jedoch bestehen.

Gesellschaftliche Normen schützen Minderheiten zwar vor Kränkungen, die emotionale Komponente vieler Vorurteile steckt aber trotzdem in den Köpfen. Das zeigte Steven Prentice-Dunn an der University of Alabama schon vor 25 Jahren in einem eindrücklichen Versuch. Der Sozialpsychologe hatte damals weiße Studenten angewiesen, einem Mitarbeiter einen Stromstoß zu versetzen, sobald dessen Herzfrequenz unter ein bestimmtes Level sank. Zunächst fiel auf, dass die Teilnehmer die Stromdosis gerade bei einem schwarzen Gegenüber zaghaft verteilten. Das änderte sich jedoch, als die Psychologen die Studenten provozierten und abfällige Bemerkungen über sie machten. Danach bekamen Dunkelhäutige die höchsten Stromschläge zu spüren. Die Veränderung erklärte Prentice-Dunn folgendermaßen: Um Moral und Selbstachtung zu bewahren, kontrollieren viele Menschen unter normalen Bedingungen ihre unpopulären Gefühle, die sie gegenüber Randgruppen empfinden. Sind sie jedoch frustriert, alkoholisiert, gestresst oder liefert das Umfeld eine entsprechende Rechtfertigung, kann sich das schlagartig ändern. Plötzlich kommen die sogenannten impliziten, heimlichen Vorurteile zum Vorschein. Und das könnte nun auch nach der Kölner Silvesternacht der Fall sein. Manchmal sind einem Ressentiments nicht einmal selbst bewusst. Dann werde es besonders gefährlich, mahnt der Gesundheitswissenschaftler und Soziologe David Williams von der Harvard-Universität. Dass amerikanische Ärzte zum Beispiel Minderheiten absichtlich Schmerzmittel, Herzmedikamente oder Organtransplantate vorenthalten - all das findet nachweislich statt -, kann sich Williams nicht vorstellen. Deshalb nimmt er an, dass die Mediziner unbewusst von ihren verdrängten Vorurteilen beeinflusst würden, wenn sie ungerecht über die Verteilung entschieden.

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