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Vor- und Frühgeschichte : Jägerin und Sammler

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Die Steinzeit als Projektionsfläche

Aber vielleicht gehören diese Funde zu den vergleichsweise neumodischen Abweichungen, und man muss einfach noch tiefer in die Zeit verschwinden, um letzte Wahrheiten über das natürliche Zusammenleben der Geschlechter zu erfahren? Letzte Zuflucht Steinzeit. Tatsächlich neigen Medien und populäre Sachbücher so häufig dazu, sich auf der Suche nach einem scheinbar richtigen Urzustand des menschlichen Lebens beispielsweise eine biedermeierliche Steinzeit zurechtzulegen, dass man sich fragt, wo der Hashtag gegen Steinzeitmissbrauch bleibt und woher die gefühlte Kompetenz kommt, generalisierte Aussagen zum menschlichen Alltag für „die Steinzeit“ zu treffen. Die dauerte etwa zweieinhalb Millionen Jahre und umfasste viele voneinander unabhängige Kulturen auf mehreren Erdteilen. Dass die alle und zu allen Zeiten denselben Gendermustern frönten, ist einigermaßen unwahrscheinlich.

Doch nicht nur die Steinzeit, die gesamte schriftlose Frühgeschichte tut sich schwer, irgendwelche Geschlechterrollen zu belegen. Über einen Faustkeil kann wahrscheinlich gesagt werden, wozu er benutzt wurde, nicht, welche Hand ihn geführt hat, nur weil Papi lieber in den Baumarkt fährt und Mami rote Schuhe shoppt. Weder mit neurobiologischen noch evolutionspsychologischen Studien kommt man da unbedingt weiter. Etwa mit Thesen wie der, dass Papis Gehirn heute eine Vorliebe für Blau zeige, weil der urzeitliche Schönwetterjäger ständig zum blauen Himmel blickte. Mamis Gehirn kennt sich dagegen bei Rotnuancen besser aus? Muss eine Spätfolge des Reife-Beeren-Sammelns sein und erklärt die Rosafizierung der Mädchenwelt. Und wer pflückte dann die Blaubeeren?

Wissen, was man nicht weiß

„Wie die Arbeitsteilung der Frühzeit aussah, können wir einfach nicht sagen. Allerdings wäre eine Aufteilung nach Begabung und körperlichen Fähigkeiten sicher sinnvoller als allein nach Geschlechtszugehörigkeit“, sagt Helena Pastor Borgoñón, die Direktorin des Archäologischen Museums Colombischlössle. Hieße vielleicht, die Alten hätten die Kinder am besten höhlennah betreut, der fitte Rest ging jagen, sozusagen eine Kitalösung. Aber auch dieses Betreuungsmodell lässt sich natürlich nicht empirisch beweisen.

Für jegliche prähistorische Geschlechterforschung ist die dünne Quellenlage ein großes Problem. Ohne Knochen geht es eben nicht. Doch zu wenige Fossilien haben sich erhalten, räumlich und zeitlich liegen sie oft weit auseinander. Hier ein Unterkiefer, dort eine Zahnreihe, unendlich selten ein ganzes Skelett. Und selbst wenn sich aus einem winzigen Fingerglied mittels Erbgutanalyse heute spektakulär rekonstruieren lässt, dass er vor 30000 bis 48000 Jahren einem jungen Mädchen gehört haben muss, so verrät dies leider nicht, wie sie sich mit ihren kleinen Fingern nützlich machte: Werkzeuge herstellen? Hasenschlingen auslegen? Zumindest die Art der von Paläoanthropologen festgestellten Knochenverletzungen erlauben für das Paläolithikum keine Rückschlüsse auf wesentliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jagd- oder Sammeltätigkeiten.

Spezielle Abnutzungserscheinungen, Knochenbrüche, die sich als Folgen von Jagdunfällen interpretieren lassen, oder ausgeprägte Muskelmarken vom ewigen Speerwerfen könnten an Frauenskeletten zeigen, ob auch sie als gewiefte Großwildjägerinnen reüssierten. Eindeutige Skelette fehlen allerdings. Vielleicht haben Frauen kleinere Tiere gejagt, vielleicht sich anders an der Jagd beteiligt, zum Beispiel als Treiberinnen, wie man es von noch heute existierenden Jäger-Sammler-Kulturen kennt. Zumindest litten Frauen nicht so häufig an pathologischen Veränderungen des Ellenbogens, der medialen Epicondylosis, auch bekannt als Golferellenbogen, mit denen sich einige männliche Jäger des Paläolithikums herumplagten. Vielleicht haben sie tatsächlich nicht so oft den Speer erhoben wie ihre männlichen Mitstreiter, vielleicht waren sie aber auch einfach treffsicherer.

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