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Von fliegenden Fischern

Text und Fotos von ROLAND WENGENMAYR

25. Mai 2020 · Wenn sich jetzt die Meere erwärmen, macht das Papageitauchern und anderen langlebigen Seevögeln sehr zu schaffen. Um die Brut durchzubringen, hilft es, bei der Futtersuche flexibel zu sein.

„Vorsicht!“, mahnt der Ranger. Hunderte Meter unter uns tost die Grönlandsee gegen die Steilküste. Wir stehen auf einem der größten Vogelfelsen der Welt, an der Landzunge Látrabjarg am westlichsten Zipfel von Island. Hier brüten jedes Jahr Millionen Seevögel. Von der Felskante wähnen wir uns eigentlich ausreichend weit entfernt, die Warnung des Rangers ist trotzdem angebracht: Die bemooste Erdschicht unter unseren Füßen ist unterhöhlt, man droht einzubrechen und abzurutschen. Damit gefährdet man nicht nur sich selbst, sondern auch das Werk der gefiederten Höhlenbauer. Gerade watschelt so einer, ein Papageitaucher mit einem Schnabel voller Gras, an uns vorbei, um seine vielleicht armtief liegende Brutstätte für die anstehende Saison auszupolstern.

In diesen Wochen beginnen die Seevögel des Nordens wieder mit dem Brutgeschäft. Ein Besuch bei ihnen macht deutlich, dass Megastädte keine Erfindung des Menschen sind. Die Luft über Látrabjarg erzittert vom Gekreisch erregter Dreizehenmöwen und den rauhen Urr-Urr-Rufen der Trottellummen, die wie akustische La-Ola-Wellen über die Steilwand laufen. Dort klammern sie sich an winzige Vorsprünge. Auf atemberaubende Weise balancieren Trottellummen erst ihr konisch geformtes Ei zwischen den Füßen, später das einzige Küken. Wie in allen Metropolen ist auch hier der Wohnraum äußerst knapp, und es gibt Gangster wie die großen Eismöwen, die sofort zuschlagen, sobald ein Ei oder Küken unbewacht ist.

Her damit! Eine Lachmöwe macht einem Papageitaucher die mühsam gesammelte Beute streitig. „Kleptoparasitismus“ heißt dieses Verhalten im Fachjargon.
Her damit! Eine Lachmöwe macht einem Papageitaucher die mühsam gesammelte Beute streitig. „Kleptoparasitismus“ heißt dieses Verhalten im Fachjargon.

In diesem Toben gehören die Papageitaucher zu den Stillen, obwohl auch sie zu Lautäußerungen fähig sind. Ab und zu hört man aus einer Bruthöhle ein sonores „Mmmmmmmmrrrrhhhh“, das entfernt an Türknarren erinnert. Es ist erstaunlich tief für einen Vogel, der mit knapp zwanzig Zentimetern Höhe gerade mal Gartenzwergformat erreicht. Auch im sonstigen Verhalten gehören diese Seevögel, die wie die Tordalke und die etwas größeren Trottellummen zu den Alkenvögeln zählen, hier zu den ruhigeren Bewohnern. Alkenvögel sind gewissermaßen die Pinguine der Nordhalbkugel, wenn auch nicht näher mit diesen verwandt. Aber ihre Körper sind mit den schmalen, kurzen Flügeln ebenfalls für die schwimmende Fortbewegung optimiert. Ihr Rücken ist dunkel, der Bauch hell gefärbt, was Alke im Wasser nach oben und unten tarnt; und zum Beispiel spielt der lateinische Name des Papageitauchers Fratercula arctica auf sein priesterliches Gewand in Schwarzweiß an. Im Gegensatz zu Pinguinen sind Alke flugfähig, allerdings vermeiden sie es möglichst zu fliegen, weil es sie viel Energie kostet.

Papageitaucher wirken drollig und sind ähnlich dem Panda oder Orca als Sympathieträger geeignet, um auf den drohenden Artenschwund aufmerksam zu machen. Das heißt aber nicht, die Seevögel seien völlig harmlos. Von ihrer Forschungsarbeit habe sie einige Narben an den Händen davongetragen, erzählt Annette Fayet: „Am Anfang der Brutsaison sind sie ziemlich aggressiv, wenn sie ihre Bruthöhle verteidigen.“ Wenn man die Vögel dann heraushole, um sie zu untersuchen, könne man unangenehme Bekanntschaft mit dem kräftigen Schnabel machen. Die französische Biologin forscht an der University of Oxford und hat sich auf Papageitaucher spezialisiert. Sie beobachtet diese seit Jahren auf der walisischen Insel Skomer, in Island sowie Norwegen und rüstet sie dabei mit Sendern aus, um ihre Migrationsrouten nachzuvollziehen, denn außerhalb der Brutsaison sind Papageitaucher auf dem Atlantik unterwegs. Manche bleiben dabei eher in Nähe ihrer Brutkolonie, andere können enorme Strecken zurücklegen, obwohl sie keine eleganten Dauersegler sind wie die Albatrosse oder deren Verwandtschaft im Norden, die Eissturmvögel, die zum Beispiel auch auf der Landzunge Látrabjarg im Nordwesten Islands brüten. Ihre weniger effiziente Flugtechnik verlangt von Papageitauchern regelmäßige Pausen, die sie auf dem Wasser verbringen und dabei Nahrung aufnehmen. Trotzdem gelangten einige Papageitaucher zwischen den Brutzeiten schon von Skomer bis nach Neufundland, fand Fayet in ihrer Doktorarbeit heraus.

Die Vögel kehren jedes Jahr zu ihrer angestammten Nisthöhle zurück – und wehe, ein Fremdling wagt es, diese zu besetzen. „Ich habe schon welche für zwanzig Minuten kämpfen gesehen, sie stürzten dabei sogar über die Klippen und kämpften im Wasser weiter“, schildert Fayet eine Beobachtung. Doch sobald der Streit um die Immobilien beigelegt ist, geht es in den Kolonien überwiegend friedlich zu. Am Abend gibt es für Besucher kaum Entspannenderes, als mit den ausruhenden Papageitauchern zu chillen. „Sie wirken sehr gesellig, sie laufen herum, schauen andere Vögel an, schnäbeln miteinander zur Begrüßung“, berichtet Fayet. „Es ist wirklich ziemlich lustig, sie zu beobachten.“ Tagsüber müssen die Altvögel in der Brutsaison jedoch hart schuften. Nach etwa vierzig Tagen Brutzeit fordert das rasch wachsende Küken sechs Wochen lang Tag für Tag Kalorien. Ideal sind Sandaale. Von diesen kleinen, sehr ölhaltigen Fischen kann ein Papageitaucher erstaunlich viele in den Schnabel nehmen. In der Regel etwa ein Dutzend, doch in Großbritannien wurden sogar einmal 62 Fischchen in einem Schnabel gezählt. In Norwegen müssen die Papageitaucher in vielen Regionen auf nicht ganz so fette Heringe als Hauptnahrung ihrer Küken ausweichen. Bei der Jagd unter Wasser drücken die Vögel die bereits gefangenen Fische mit ihrer kräftigen Zunge gegen das genoppte Gaumendach, während sie den flexibel aufgehängten Schnabel zum erneuten Zupacken weit öffnen. Ist dieser einigermaßen voll, kehren sie mit der nahrhaften Ladung heim.

Um überhaupt in der Luft zu bleiben, müssen Alkenvögel mit ihren schmalen, kurzen Flügeln sehr schnell schlagen. Bis zu 400 Schläge pro Minute wurden bei Papageitauchern gemessen, dabei können sie fast neunzig Stundenkilometer schnell werden. Bei Windstille hört man sie regelrecht heranzischen, bevor sie mit dem gesamten Körper abbremsen und unbeholfen auf den Boden plumpsen. Das wirkt so tolpatschig wie in einem Zeichentrickfilm, zur Dramaturgie passend liegen aber auch Bösewichte auf der Lauer. Auf den Farne-Inseln vor der Küste von Northumberland sind das zum Beispiel Lachmöwen.

Papageitaucher können Tempo 90 erreichen, fliegen aber ungern so schnell. Ölige Babynahrung: Die Ladung Sandaale ist für den Nachwuchs bestimmt, der auf einer Insel vor der Küste Northumberlands im Nordosten von England aufgezogen wird.
Papageitaucher können Tempo 90 erreichen, fliegen aber ungern so schnell. Ölige Babynahrung: Die Ladung Sandaale ist für den Nachwuchs bestimmt, der auf einer Insel vor der Küste Northumberlands im Nordosten von England aufgezogen wird.
Papageitaucher können Tempo 90 erreichen, fliegen aber ungern so schnell. Ölige Babynahrung: Die Ladung Sandaale ist für den Nachwuchs bestimmt, der auf einer Insel vor der Küste Northumberlands im Nordosten von England aufgezogen wird.

Trifft ein vollgeladener Papageitaucher nicht genau den Eingang seiner Höhle, stürzt sich sofort ein kreischender Pulk Möwen auf ihn. Erfahrene Altvögel lassen ein paar kleine Fische fallen, um die Meute abzulenken. Aus dem wütend streitenden Federknäuel entwischen sie dann mit dem restlichen Fang in die rettende Höhle. Annette Fayet erklärt, dass anfliegende Papageitaucher beim Anblick zahlreicher Räuber durchaus Schleifen ziehen und erst auf andere Artgenossen warten, um dann gemeinsam zu landen. Das erhöhe die Chance, halbwegs ungeschoren durchzukommen.

Wie die meisten Seevögel können auch Papageitaucher ein hohes Alter erreichen. Den durch Beringung belegten Rekord hält ein Tier, das auf dem norwegischen Archipel Røst mit 41 Jahren einem Raubvogel zum Opfer fiel. Der Durchschnitt erreicht immerhin mehr als zwanzig Jahre und wird damit wesentlich älter als kleine Singvögel. Eine Mönchsgrasmücke zum Beispiel lebt selten länger als zwei Jahre; diese Art verfolgt eher die Strategie, möglichst viele Nachkommen pro Brut in die Welt zu setzen. Ganz anders die langlebigen Seevögel: Sie ziehen jedes Jahr nur wenige Küken auf, Alkenvögel oft nur ein einziges. Obendrein lassen sie sich Zeit, Papageitaucher brüten erstmals im Alter von fünf oder sechs Jahren, obwohl ihr Körper schon nach etwa zwei Jahren erwachsen und ausgereift wäre. Manche Albatrosarten warten sogar zehn Jahre, können aber noch als Senioren Nachwuchs haben. Weltberühmt ist die Albatros-Dame Wisdom, die auf dem Midway-Atoll in der vergangenen Brutsaison wieder ein Küken aufzog – und wahrscheinlich 68 Jahre alt war.

Diese Bruthöhle liegt auf einer der britischen Farne-Inseln versteckt.
Diese Bruthöhle liegt auf einer der britischen Farne-Inseln versteckt.
Diese Bruthöhle liegt auf einer der britischen Farne-Inseln versteckt.
Hier sammelt ein Elternvogel im Westen Islands, auf Látrabjarg, sein Nistmaterial.
Hier sammelt ein Elternvogel im Westen Islands, auf Látrabjarg, sein Nistmaterial.
Hier sammelt ein Elternvogel im Westen Islands, auf Látrabjarg, sein Nistmaterial.

In ihrem riesigen, fordernden Lebensraum müssen sich Seevögel vermutlich zunächst intensiv mit der Nahrungssuche beschäftigen, bevor sie erfolgreich Nachkommen aufziehen können. Unter den herrschenden Bedingungen lässt sich dieser in kleiner Zahl besser durchbringen, und eine lange Lebensspanne gleicht den evolutionären Nachteil wohl aus. Auch ihre Strategien des Lernens und Lehrens scheinen sich grundlegend von den Singvögeln zu unterscheiden. Diese geben etwa die Zugrichtung genetisch an den Nachwuchs weiter, und die erfolgreicheren Gene setzen sich durch. Seit den sechziger Jahren zieht zum Beispiel ein Teil der Mönchsgrasmücken aus Mitteleuropa zum Überwintern lieber nach Großbritannien statt nach Süden. Ein Trend, der dem Klimawandel und somit einer milderen Witterung zu verdanken ist, aber vielleicht auch den freudig fütternden Briten. Inzwischen setzen sich diese Mönchsgrasmücken in einigen Körpermerkmalen von ihren, der Südroute treuen Artgenossen ab, es könnte sich also eine neue Unterart bilden.

Bei Seevögeln sind die Zugrichtungen nicht genetisch bestimmt: „Seevögel können von einem Jahr aufs andere in verschiedene Gebiete gehen“, sagt Petra Quillfeldt von der Universität Gießen. Sie erforscht das Verhalten von Vögeln in der Antarktis, Subantarktis und im nördlichen Polargebiet, wo die Vögel permanent sich ändernde Lebensbedingungen meistern müssen. Macht sie das besonders intelligent? Die kognitiven Fähigkeiten werden erforscht, doch damit ist man erst am Anfang. „Es gibt erste Untersuchungen zu den verschiedenen Persönlichkeiten bei Seevögeln“, sagt Quillfeldt, die eine Arbeitsgruppe zu Verhaltensökologie und Ökophysiologie leitet. Albatrosse, die an Land neugieriger auf ein neues Objekt, einen Ball etwa, reagierten, zeigten auch auf See, dass sie sich flexibler neue Futterquellen erschlossen, und sei es Beifang von Fischerbooten.

Mörderisches Island: Diese Eismöwe hat das Ei einer Trottellumme geraubt, um es zu verzehren.
Mörderisches Island: Diese Eismöwe hat das Ei einer Trottellumme geraubt, um es zu verzehren.

Auch Papageitaucher scheinen nicht eben dumm zu sein. Kürzlich konnte Annette Fayet beobachten, dass ein Vogel ein Stöckchen benutzte, um sich an einer für den Schnabel unzugänglichen Stelle am Rücken zu kratzen. Ein anderes Mal, es juckte an der Brust, nahm eine von Fayets Kamerafallen das ungewöhnliche Verhalten auf. Das sei der erste nachgewiesene Gebrauch von Werkzeugen bei Seevögeln, erklärt die Biologin die Beobachtung, die sie im Januar gemeinsam mit Kollegen in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte. Zwar sei die Tatsache, dass dergleichen nicht schon früher aufgefallen war, ein Hinweis darauf, dass die Vögel nur selten Werkzeuge gebrauchten. Angesichts der Millionen von Papageitauchern sei das Verhalten aber vielleicht gar nicht so selten, vermutet Fayet und plant, die kognitiven Fähigkeiten der Papageitaucher in Zukunft eingehender zu untersuchen. Eine Herausforderung, denn ihr Lebensraum erstreckt sich weit, und nur während der Brutsaison sind sie an Land leicht zu beobachten.

Dabei sind andere Spezies in direkter Nachbarschaft nicht weniger interessant. In den Vogelkolonien der nordenglischen Farne-Inseln zum Beispiel brüten auch Krähenscharben (Phalacrocorax aristotelis), das sind kleinere Verwandte des Kormorans (P. carbo), die zur Balz einen Schopf tragen. Sie ziehen hier normalerweise zwei bis drei Küken auf, im Juni 2018 jedoch gab es ein Elternpaar mit gleich vier großen, gutgenährten Küken. Das Paar habe einfach zwei vernachlässigte Küken adoptiert, berichtete eine Rangerin. Und 2019 mussten wir auf einer benachbarten Insel selbst eine herzzerreißende Szene beobachten. Drei Tage hatte ein Orkan mit starken Regenfällen gewütet, was in einem Nest offenbar beide Küken nicht überlebten. Immer wieder rüttelte einer der Altvögel an den Kleinen, als würde er den Verlust nicht akzeptieren und hoffen, dass sie doch noch aufwachen. Die menschliche Gefühlswelt auf Tiere zu projizieren, das ist nie unproblematisch. Aber manche Seevögel scheinen eine starke Bindung zu ihrem Nachwuchs aufzubauen, was eher die Ausnahme in der Klasse der Aves ist. So lassen Greifvögel zu klein geratene Nachzügler ihrer Brut durchaus verhungern, ohne Anteilnahme zu zeigen. Das Beispiel der Krähenscharben lässt auf ein komplexeres Sozialverhalten schließen, das mit höherentwickelten kognitiven Fähigkeiten einhergehen könnte, was allerdings noch wissenschaftlich solide zu beweisen wäre.

Die Krähenscharbe, eine kleinere Verwandte des Kormorans.
Die Krähenscharbe, eine kleinere Verwandte des Kormorans.

Lernfähigkeit und Flexibilität sind vor allem wichtig für die Frage, ob – und wie – Seevögel in der Lage sind, sich auf eine veränderte Umwelt einzustellen. Insbesondere unter Einfluss des Klimawandels: Welche dramatischen Folgen dieser haben kann, zeigte sich 2015 und 2016, als Zehntausende tote Trottellummen an Nordamerikas Westküsten gespült wurden. Sie waren in einer riesigen Warmwasserblase im Pazifik verhungert. Ein neuartiges Phänomen ozeanischer Hitzewellen, als solches eine Folge der Klimaerwärmung – und dieser „Blob“ war tatsächlich tödlich für die Vögel, wie Forscher kürzlich in Plos One belegen konnten. Entscheidend, sagt Petra Quillfeldt, sei der Einfluss der Temperatur auf die Verfügbarkeit von Nahrung. Höhere Temperaturen an sich könnten die Vögel aushalten. Aber ihre Hauptnahrung finden Seevögel in der Regel in kalten, sauerstoffreichen Gewässern. Kühlere Meerestemperaturen bevorzugt auch der winzige Ruderfußkrebs Calanus finmarchicus, von dem wiederum Sandaale leben. Folgen diese Fische aber ihrer Beute, weil sie in der Nähe einer Brutkolonie sonst kein Futter mehr finden, unterbricht das die Nahrungskette: Für Papageitaucher wird der Weg zu den Sandaalen zu lang, um ihre Küken erfolgreich aufzuziehen. Seit den fünfziger Jahren seien die Bestände in einigen großen Kolonien Norwegens und Islands eingebrochen, berichtet Annette Fayet. Durch die Überfischung fing das Drama an. Zwar erholten sich die Populationen wieder, nachdem man den Fischfang einschränkte, trotzdem erreichten die Bestände nicht mehr die Zahlen von einst. Wahrscheinlich ist dort das Wasser inzwischen zu warm.

Wie sich der Klimawandel nun auf die Papageitaucher auswirkt, ist auch deshalb nicht leicht zu beantworten, weil natürliche Schwankungen bestehen. Alle fünfzig bis siebzig Jahre lässt die sogenannte Atlantische Multidekaden-Oszillation warmes Wasser weiter nach Norden strömen als sonst: In den südlicher gelegenen Seevogelkolonien wird dann jedes Mal die Nahrung knapp. Unstrittig ist aber, dass der Klimawandel längst die Polargebiete trifft, in der Antarktis zum Beispiel nimmt der Schneefall zu. „Weil in dem Gebiet um die antarktische Halbinsel die Wintertemperaturen sehr stark gestiegen sind, ist mehr Feuchtigkeit in der Luft“, erklärt Quillfeldt den Zusammenhang, „und es passiert inzwischen in vielen Jahren, dass die Jungvögel in den Nestern unter dem Schnee begraben werden.“ Das mindert den Bruterfolg.

Im August 2019 erschien dazu in der Fachzeitschrift Biological Conservation eine wissenschaftliche Fleißarbeit. Maria Dias von Birdlife International im britischen Cambridge wertete zusammen mit Kollegen Daten verschiedener Quellen aus, um die derzeit größten Bedrohungen für Seevögel zu identifizieren. Klimawandel und schwere Wetterbedingungen erreichten Platz drei – und gefährden demnach 96 der 359 bekannten Arten. Auf Platz zwei kam die Gefahr, in Netzen oder an Langleinen der Fischereiflotten hängenzubleiben. Aber gleich 165 Arten sind in ihren Brutkolonien durch eingeschleppte Katzen, Ratten und Mäuse bedroht, die somit an erster Stelle auf der Liste standen. Die zunehmende Plastikverschmutzung erwies sich als noch nicht quantifizierbar, das Problem trifft aber praktisch alle Seevögel gleichermaßen.

Gut die Hälfte der schätzungsweise 850 Millionen Seevögel aller Weltmeere gilt als bedroht. Manche Brutkolonien werden zwar besser vor gefräßigen Invasoren geschützt. Am schwierigsten ist es aber, wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel durchzusetzen, und zu den Verlierern zählt auf der Südhalbkugel schon jetzt der Felsenpinguin. „Nach ihm kann man fast die Uhr stellen“, sagt Petra Quillfeldt. „Er kommt immer um den 5. Oktober plus/minus drei Tage in den Brutgebieten an.“ Derart pünktlich zu sein war eine erfolgreiche Strategie, solange das lokale Klima stabil blieb, denn Elterntiere konnten sofort mit der Brut beginnen. In den letzten Jahren kam es öfter zu Schwankungen, damit war das Nahrungsangebot unzuverlässig und die Brutsaison weniger erfolgreich. Flexible Pinguinarten sind hingegen im Vorteil, besonders der Eselspinguin. Der kann bis zu 180 Meter tief tauchen und gelangt so an Nahrungsquellen, die für den Felsenpinguin unerreichbar bleiben.

Mag auch Fisch: die Trottellumme.
Mag auch Fisch: die Trottellumme.

An den Klimawandel werden sich eben nicht alle Tierarten schnell genug anpassen können. Das lässt auch eine großangelegte Studie befürchten, die 2019 in Nature veröffentlicht wurde. Mehr als sechzig Forscher schlossen sich dafür zusammen und analysierten alle verfügbaren Daten für eine Reihe von Säugetier- und Vogelspezies. Für die Trottellumme zum Beispiel sieht es düster aus. Viel besser dürfte es auch um die Zukunft der Papageitaucher nicht bestellt sein, deren Zahl auf rund zwanzig Millionen geschätzt wird. Seit 2015 führt die International Union for Conservation of Nature die Art Fratercula arctica zumindest schon als gefährdet in der bekannten „Roten Liste“. Bleibt nur zu hoffen, dass sich trotzdem noch sehr lange Szenen abspielen werden, wie Annette Fayet sie lebhaft zu schildern weiß.

Wenn die Küken nach sechs Wochen auf sich gestellt in die Welt hinausziehen, geschieht dies gemeinsam, nach Mitternacht. Im Schutz der Dunkelheit watscheln die tolpatschigen Jungvögel an den Rand der Klippen. Im nächsten Moment stürzen sie sich herunter, mehr platschend als elegant landend – und schwimmen davon, um in fünf, sechs Jahren vielleicht zurückzukehren.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 25.05.2020 08:04 Uhr