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Volkskrankheit Diabetes : Das bequeme ungesunde Leben

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Messgeräte für Zuckerkranke Bild: dpa

Die Ursachen für Diabetes sind vielfältig. Außer einer genetischen Vorbelastung spielen die Lebensweise und das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle. Doch es gibt zahlreich Ansätze, wie man einer Erkrankung vorbeugen kann.

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          Der Diabetes mellitus überzieht Deutschland gleich einer Pandemie. Ausweislich internationaler Vergleiche übertrifft die Zahl der Patienten die anderer Länder Europas. Berücksichtigt man die Fälle von bislang nicht erkannter Zuckerkrankheit, deren Häufigkeit Wissenschaftler freilich nur zu schätzen vermögen, dann sind bis zu zwölf Prozent der Einwohner betroffen. Diese bedenklichen Fakten präsentierte die Diabetesforscherin Teresa Tamayo vom Deutschen Diabetes-Zentrum der Universität Düsseldorf kürzlich auf dem Internistenkongress in Wiesbaden. Die Niederlande und Großbritannien schnitten besser ab. Dort würde die Prävalenz des Diabetes, so Tamayo, die Krankheitshäufigkeit, - ebenfalls einschließlich einer Schätzung noch nicht diagnostizierter Fälle - mit nur sieben beziehungsweise sechs Prozent angegeben.

          Angesichts der Herausforderungen, die die schiere Zahl der Betroffenen für das Gesundheitswesen darstellt, wurde im Jahr 2008 mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums das Kompetenznetzwerk Diabetes gegründet. In mehr als zwanzig Teilprojekten werden Ursachen, Verlauf und Behandlung der Krankheit erforscht. Unter dem Motto „Forschung wird zu Medizin“ wurden in Wiesbaden die Ergebnisse einer Reihe von Verbundforschergruppen vorgestellt. Für den Diabetes sind etwa im Blick auf die Epidemiologie zum Teil überraschende Einsichten zutage gefördert worden.

          Ausgeprägte regionale Diskrepanzen

          So gibt es innerhalb Deutschlands erhebliche regionale Unterschiede in der Krankheitshäufigkeit. In Halle und Umgebung beläuft sich die Prävalenz von Personen mit bereits nachgewiesenem Diabetes auf annähernd zwölf Prozent. Unerkannte Fälle noch nicht eingerechnet. Um Augsburg sind es dagegen nur fünf Prozent. Doch sind die Ärzte in Bayern nicht weniger sorgfältig bei der Untersuchung ihrer Patienten, wie man vielleicht vermuten könnte.

          Die Diskrepanz erklärt sich nicht durch in der Praxis „übersehene“ Fälle. Denn auch die Zahl der Personen mit einem Prädiabetes unterscheidet sich erheblich in Vorpommern und Sachsen im Vergleich zum Süden Deutschlands, wie eingehende Nachuntersuchungen belegten. Bei diesem Syndrom liegen Blutzuckerspiegel nach einer nächtlichen Fastenperiode oder nach einem Belastungstest mit Glucose gering über der Norm.Überrascht waren die Forscher bei einer ersten Analyse, dass dieser Trend auch nach Berücksichtigung von bekannten Risikofaktoren wie etwa Übergewicht in der Statistik nachzuweisen war.

          Faktor: Lebensweise und Lebensraum

          Daher galt es, nach weiteren Faktoren zu fahnden, die die unterschiedliche Häufigkeit zu erklären vermag. Womöglich spielt dabei eine Rolle das, was Sozialwissenschaftler soziale Deprivation nennen. Wer in einer sozioökonomisch benachteiligten Region lebt, hat ein höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken. Vergleicht man eine Landkarte, die die Verteilung sozioökonomischer Messgrößen in Deutschland zeigt, mit der der Diabeteshäufigkeit, finden sie sich annähernd deckungsgleich.

          Die Gestaltung des unmittelbaren Lebensraumes ist bedeutsam. Dies erläuterte in Wiesbaden Teresa Tamayo anhand des Konzeptes der „walkability“. Darunter verstehen die Sozialwissenschaftler das Maß, in dem die Umgebung der Wohnung zum Laufen und Spazierengehen einlädt. Wer in einem Viertel lebt, in dem er die Orte für alltägliche Verrichtungen wie Einkaufen und Freizeitaktivitäten fußläufig erreichen kann, bleibt gesünder, hat weniger oft Diabetes. Wer dagegen stets ein Auto benutzen muss, hat ein höheres Risiko zu erkranken. Und finden sich in einem Wohnviertel mehr Fast-Food-Restaurants, wird auch häufiger Diabetes bei jungen Menschen diagnostiziert

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