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Vogel des Jahres 2017 : Mein Freund, der Kauz

  • -Aktualisiert am

Was mag in seinem Kopf vorgehen? Strix aluco verrät es nicht. Bild: Nabu

Der Waldkauz ist zum Vogel des Jahres 2017 gewählt worden. Das hat er sich auch weidlich verdient.

          4 Min.

          Waldkäuze ließen sich nur selten blicken, schreibt der Naturschutzbund in seinen Informationen über den Vogel des Jahres 2017. Das widerspricht meiner Erfahrung. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren keinen anderen Vogel so häufig und so zuverlässig gesehen wie den Waldkauz. Er sitzt etwa fünfhundert Meter von meiner Wohnung entfernt auf dem Schornstein eines alten Lagerhäuschens im Oberurseler Forst.

          Der Kauz ist die größte Attraktion unseres an Attraktionen nicht eben armen Stadtteils, denn wir haben immerhin noch zwei Mammutbäume und den scheinbar in der Luft schwebenden roten Wasserhahn am Ortsausgang. Der Waldkauz hatte mich schon mindestens zehn Jahre beobachtet, bevor ich ihn entdeckte. Er allerdings hat alles mitgekriegt. Wie ich verzweifelte Erziehungsarbeit verrichtete und die Kinder nicht auf mich hörten. Er hat registriert, wie ich schweißüberströmt in grotesk gemusterten Synthetikstoffen an ihm vorbeihoppelte, die Augen erschöpft zu Boden gerichtet, wo schwarze Käfer gleichmütig in Pferdeäpfeln herumwirtschafteten.

          Der Kauz sieht täglich Hunderte von Damen an sich vorbeiziehen, die mit zwei Stöcken herumlärmen und den Waldboden durchlöchern. Er wirkt reif, abgeklärt, beinahe weise. Er sitzt so gut wie regungslos auf seinem Schornstein und wendet dem Betrachter meistens den Rücken zu. Wenn man nicht weiß, dass er da sitzt, hält man ihn für einen Teil des Schornsteins, und auf eine gewisse Weise ist er das ja auch. Manche halten ihn für ausgestopft, denn er bewegt sich nur selten. Aber ich habe ihn eines Abends tatsächlich wegfliegen sehen. Lautlos natürlich, denn ein besonders dichtes und samtartiges Polster auf der Oberseite der Flügel und kammartige Zähnchen an den Kanten der äußersten Flügelfedern verwirbeln den Luftstrom beim Fliegen und unterdrücken jedes Geräusch.

          Glücksbringer auf dem Schornstein

          Wie ist so ein Waldkauzleben eigentlich? Haben wir es hier mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun? Oder brütet der Waldkauz nur dumpf vor sich hin, vegetiert da auf dem Schornstein herum und begreift nichts? Sein täglicher Nahrungsbedarf beträgt sechzig bis siebzig Gramm, und dazu reichen ihm vier bis fünf Mäuse. Der Wald ist voller Mäuse, er muss sie nur finden. Waldkäuze schlagen aber auch größere Säugetiere bis Eichhörnchengröße. Hin und wieder dreht mein Waldkauz den Kopf und blickt mich von seinem Schornstein aus an. Er überprüft kurz, ob ich ein Säuger von Eichhörnchengröße bin. Dann vergleicht er mein Erscheinungsbild mit allen Eichhörnchen, die er sich gegriffen hat, und kommt zu dem Ergebnis, dass ich nicht in sein Beuteschema passe. Das alles geschieht natürlich in Bruchteilen von Sekunden. Ist sein Verhalten klug? Wenn er mich schlagen würde, hätte er immerhin 1200 Tage lang zu essen.

          In unvorhersehbaren Abständen nimmt sich der Kauz überraschende Auszeiten. Dann ist der Schornstein verwaist, und eine gewisse Ratlosigkeit breitet sich in unserem Stadtteil aus. Denn der Waldkauz hat für die Menschen hier eine besondere Bedeutung, er dient als Orakel, Glücksbringer und Schutzpatron. Man geht in den Wald und sagt sich: Wenn der Kauz auf dem Schornstein sitzt, dann schaffe ich die Prüfung oder dann wird das Date heute Abend ein Erfolg oder Arminia Bielefeld steigt doch nicht ab. Es ist eigentlich schon ein gutes Omen, wenn der Kauz anwesend ist, dann hat an dem Tag wenigstens eine Sache geklappt. In früheren Zeiten sah man den Kauz dagegen als Unglücksbringer und Todesboten an, seine „Ku-witt“-Rufe wurden als unheilvolles „Komm mit“ interpretiert. Doch spätestens seit Harry Potter hat sich das Image der Eule komplett gewandelt.

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