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Viehzucht : Manche Kühe machen Mühe

  • -Aktualisiert am

Glückliches Ende einer Odyssee: Der Angler-Bulle „Friedrich” Bild: Friebe

Das moderne Rindvieh hat nicht mehr viel mit seinen Vorfahren gemein. Nur noch eine Handvoll Rassen hat es ins 21. Jahrhundert geschafft. Um den Rest kämpfen Freunde traditioneller Nutztiere.

          8 Min.

          Am 15. Dezember 2009 fährt auf einem Bauernhof in Bargfeld in Schleswig-Holstein ein Viehtransportwagen vor. Ein einzelnes Bullenkalb, gerade 15 Tage alt, wird aufgeladen. Kein Einzelschicksal: Jede Woche verlassen Hunderte Bullenkälber aus deutschen Melkbetrieben ihren Geburtsstall, weil sie dort zu nichts nutze sind. 70 Euro bringt das namenlose Kalb dem Bauern. Am Morgen des nächsten Tages steht es bereits in einem Stall des VanDrie-Konzerns in den Niederlanden, dem Weltmarktführer in der Kalbfleischproduktion. Der kleine Bulle mit der Ohrmarke DE 01 170 94355 bekommt erst einmal Milchaustauscher vorgesetzt, dann ist ein paar Monate lang die übliche Mast mit Rauhfutter vorgesehen, schließlich der Weg zum Schlachthof und in die Kühltheke.

          Vier Wochen später sitzen in Everode am Harz ein paar Landwirte zusammen, und ihnen fällt ein, dass gerade dieses Kalb doch besser in Deutschland geblieben wäre.

          In der Bundesrepublik werden derzeit mehr als zwölf Millionen Rinder gehalten. Die allermeisten gehören gerade mal vier Rassen an: 60 Prozent sind Schwarzbunte (auch Holstein-Friesian genannt), 25 Prozent sind Fleckvieh und jeweils knapp sechs Prozent Braunvieh und Rotbunte. Züchtungen mit so klangvollen Namen wie Murnau-Werdenfelser, Pinzgauer, Vorderwälder, Welsh Black und Dutzende andere Rinderrassen kommen zusammen nicht einmal auf vier Prozent.

          Das zartgliedrige Jersey-Rind
          Das zartgliedrige Jersey-Rind :

          Der „Fürst“ unter den Zuchtbullen

          Der Minibulle, der nach Holland reisen musste, war ein „Angler Rind alter Zuchtrichtung“. Der Anteil dieser Rasse am deutschen Rindviehbestand liegt bei 0,002 Prozent. Das sind um die 220 Zuchtkühe sowie ein knappes Dutzend Bullen. Der Vater des exportierten Kalbes war einer von ihnen gewesen. Seine Gene wollten die paar Idealisten und Liebhaber fettreicher Milch, die sich 2009 unter dem Projekttitel „Maßnahmen zur Erhaltung und Zucht des Angler Rindes alter Zuchtrichtung“ zusammengeschlosen hatten. Der in die Jahre gekommene Zuchtbulle namens „Fürst“, der den vorweihnachtlichen 70-Euro-Export in Bargfeld noch auf natürliche Weise gezeugt hatte, sollte Anfang 2010 auf dem Hof von Wilhelm Bertram in Everode abgesamt werden.

          Das so gewonnenen Sperma wäre dann portionsweise in Tiefkühltruhen verpackt worden und hätte für künftige Besamungen zur Verfügung gestanden. Doch Fürst konnte nicht mehr. Fürst konnte, so schien es jedenfalls, nie mehr. „Als sich die Mitglieder des Projektes im Januar 2010 das erste Mal in Everode trafen, wurde klar, dass diese männliche Zuchtlinie damit erloschen war“, sagt Michael Krause, der den Hof in Bargfeld leitet. Der Genpool der Alten Angler war damit noch kleiner geworden. Solche genetischen Flaschenhälse haben aufgrund von Inzuchteffekten schon mancher Rasse den Rest gegeben.

          Verweilen im Status quo

          Einen Monat zuvor hatte Krause die Verkaufspapiere des kleinen Bullen unterschrieben. Jetzt setzt er sich in den Kopf, das Tier, das noch irgendwo in Holland leben muss, wiederzufinden. Doch hinter der Grenze verlieren sich die behördlich nachvollziehbaren Spuren. Das Kalb ist trotz seiner exklusiven Herkunft zu einem namen- und abstammungslosen Mastbullen unter Tausenden geworden.

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