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„Pink Viagra“ : Die Chemie der Lust

Davon täglich eine. Bringt ein bisschen mehr Sex - inklusive Nebenwirkungen. Bild: AP

In Amerika kommt eine Pille auf den Markt, die das sexuelle Begehren von Frauen steigern soll. Doch was steckt dahinter?

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          Der „Sweetest Day“ fällt in diesem Jahr auf den 17. Oktober. In einigen amerikanischen Bundesstaaten beglückt man sich an diesem Tag traditionell mit Bonbons. Dass man dann erstmals auch „Addyi“ bekommen kann, besser bekannt als „Pink Viagra“ für die Frau, weiß inzwischen die ganze Welt. Vergangene Woche wurde die Zulassung für das Medikament in den Vereinigten Staaten erteilt. Der Hersteller zeigt sich natürlich hocherfreut, und nutzt das ungewöhnliche Handelsdatum - einen Samstag - zu Marketing-Zwecken. An einem mit Herzchen inszenierten Feiertag, den einst Süßwarenhändler ins Leben riefen, kommen nun rosa Liebespillen auf den Markt, die alles andere als aus Zucker sind. Jede einzelne Tablette enthält 100 Milligramm des Wirkstoffs Flibanserin. Einmal täglich eingenommen, soll er Frauen zu mehr Lust und sexueller Befriedigung verhelfen. Zumindest mehr, als es ein Placebo vermag.

          Sonja Kastilan
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Statt Blumen und Pralinen zu besorgen, werden amerikanische Ehemänner im Oktober aber wohl kaum die Apotheken stürmen. Die neuartige Pille, für die bisher weder in Deutschland noch bei der europäischen Behörde EMA eine Zulassung beantragt wurde, gibt es nur auf Rezept. Frauen, die ihr sexuelles Begehren stark vermissen und nach medizinischer Definition unter „hypoactive sexual desire disorder“ leiden, können es vom Arzt verschrieben bekommen. Aber nur dann, wenn nicht psychische oder medizinische Probleme oder eine bestimmte Medikation für ihre Lustlosigkeit verantwortlich sind. Und stets vorausgesetzt, dass mit der Partnerschaft alles in bester Ordnung ist.

          Ein Sexualakt mehr im Monat

          Wie sehr die Qualität der Beziehung neben anderen äußeren Umständen wie beruflichem Stress das Liebesleben beeinflusst, zeigen Studien immer wieder. Kritische Stimmen warnen nun davor, dass im Schlafzimmer schon bald ein hoher Leistungsdruck entstehen könnte. Darüber hinaus drängt sich die Frage auf, ob es nicht in Wahrheit darum geht, gesunde Frauen zu Patientinnen zu machen. Weil die weibliche Sexualität - samt möglichen Schwierigkeiten - über Jahrtausende einem männlichen Raster unterworfen wurde und sich nur langsam von den traditionellen Fesseln befreit, wittern manche Feministinnen den Ausverkauf an die Pharmaindustrie. Aber auch das Gegenargument wird laut: Man habe die Frauen in Medizin und Forschung zu lange vernachlässigt, es sei endlich an der Zeit, den weiblichen Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

          Welche psychischen und biologischen Faktoren für weibliche Lust, Erregung oder sexuelle Befriedigung überhaupt eine Rolle spielen und wie groß diese jeweils ist, wird derzeit in den verschiedensten Fachdisziplinen untersucht (siehe Sonntagszeitung vom 26. Juli). Anatomie, Physiologie, Psychologie und soziale Komponenten spielen eine Rolle. Selbst im Erbgut lassen sich die individuellen Unterschiede aufspüren: Da Hormone sowie Botenstoffe bei der sexuellen Erregung eine Schlüsselfunktion einnehmen, kann die Feinstruktur der entsprechenden Rezeptoren über ihre Wirkungsweise entscheiden. Letztlich sind es Moleküle auf der Oberfläche von Hirnzellen, die über Lust, Erregung und Sexualverhalten bestimmen. Während Dopamin zum Beispiel die Lust steigert, erweist sich der Botenstoff Serotonin dabei als Spielverderber und hemmt unter anderem den Orgasmus. Dieses Wechselspiel von stimulierenden und hemmenden Faktoren kann tatsächlich aus dem Gleichgewicht geraten. Also liegt die Idee nahe, nach einem Stoff zu suchen, der im zentralen Nervensystem ansetzt.

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