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Versorgung von Demenzkranken : Satt und sauber reicht nicht

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Nicht alle Demenzkranken werden so liebevoll gepflegt Bild: dpa

Vieles liegt bei der Versorgung von Demenzkranken im argen. Sie werden in Pflegeheimen unzureichend betreut, was ihre Symptomatik noch verstärkt. Dabei kommen alte Menschen mit nachlassendem Gedächtnis am besten in ihrem vertrauten Umfeld zurecht.

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          „Wenn sich der Mensch nicht mehr an die Umwelt anpassen kann, dann muß sich die Umwelt eben an den Menschen anpassen.“ So einfach formuliert Michael Jürgs, was bisher leider viel zu kompliziert und außerdem keineswegs die Regel ist: eine angemessene Versorgung alter Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Der Buchautor zum Thema Alzheimer äußerte diesen Satz vergangene Woche auf einem Kongreß des Vereins „Aktion Psychisch Kranke“ in Berlin. Dort hatten sich Wissenschaftler, Praktiker und Vertreter der Politik versammelt, um zu diskutieren, wie zukünftig Hilfen für alte Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Demenz, aussehen müssen.

          Vertraute und Vertrautes um sich zu haben ist gerade für demente Menschen besonders wichtig, das weiß Heinrich Kunze von der Psychiatrischen Klinik in Bad Emstal aus langjähriger beruflicher Erfahrung. Ein Grundprinzip dieses Nervenleidens sei nämlich, daß sich die Gedächtnisstörungen am stärksten auf aktuelle Ereignisse bezögen, während routinierte Abläufe am vertrauten Ort, beispielsweise die Morgentoilette im eigenen Badezimmer, noch länger möglich seien. Oft bedeutet für Patienten mit beginnender Demenz deshalb ein Krankenhausaufenthalt, nicht mehr nach Hause zurückzukehren: Das neue Umfeld verstärkt die Symptomatik, die Ärzte entscheiden sich deshalb gegen eine Entlassung nach Hause und beauftragen statt dessen den Sozialdienst, der sich um die Aufnahme in ein Heim kümmert.

          Viele im dritten Lebensalter sind „helfensbedürftig“

          Es geht auch anders. Das belegen viele Beispiele, angefangen bei der Versorgung im Allgemeinkrankenhaus. Bekommen die Patienten schon vor einer Operation eine Bezugsperson an die Seite, etwa eine Pflegerin, die sie kontinuierlich von der Aufnahme bis zur Entlassung begleitet, tritt nach dem Eingriff nur halb so oft ein „Delir“ auf. Dieser Verwirrtheitszustand führt sonst meist dazu, daß der stationäre Aufenthalt verlängert und der Patient in ein Heim überwiesen wird.

          Aber nicht nur bezahlte Kräfte dürfe es geben, die sich um die alten psychisch kranken Menschen kümmern, das war eine Kernaussage auf dem Berliner Kongreß. Es gebe hierzulande viele Millionen Menschen im dritten Lebensalter, die gnadenlos gesund und „helfensbedürftig“ seien, sagte der Psychiater Klaus Dörner aus Gütersloh. Außerdem existiere eine neue Gruppe psychisch Kranker, denen zwar eine Befindlichkeitsstörung attestiert werde, die aber lediglich am Mangel an Bedeutung für andere litten und folglich besonders „helfensbedürftig“ seien.

          Demenzkranke verlangen oft Frustrationstoleranz

          Die Bereitschaft, einige Zeit mit alten Menschen zu verbringen, gibt es wohl. Aber gerade Menschen mit Demenz verlangen oft ein gerüttelt Maß an Geduld und Frustrationstoleranz. Da gilt es auszuhalten, daß man nach dem zehnten Besuch als Fremder tituliert und fortgeschickt wird. Wichtige Voraussetzung für das bürgerschaftliche Engagement ist deshalb eine kontinuierliche professionelle Beratung. „Viele erklären sich außerdem dazu bereit zu helfen, wenn ihnen zugesichert wird, daß der Zeitaufwand klar begrenzt bleibt“, sagt Barbara Schmid vom Esslinger Krankenpflegeverein, die Freiwillige dabei unterstützt, alten Menschen mit psychischem Leiden beizustehen. Ehrenamtliche Helfer können die Fachkräfte zwar nicht in allen Bereichen ersetzen. Sie können aber genau das anbieten, was die professionellen Helfer nicht haben: Zeit. Zeit um spazieren zu gehen und Tee zu trinken, den alten Menschen also am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

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