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Verbraucherskepsis : Kommt der Kantinenaufstand?

  • -Aktualisiert am

Ratlos im Supermarkt: Die Verbraucherskepsis wächst Bild: dpa

Die Deutschen schwören Tütensuppen ab, demonstrieren gegen Massentierhaltung und gründen Selbsternte-Projekte. Noch nie war die Lebensmittelindustrie so unter Verdacht wie heute: Eine Suche nach den Ursachen.

          6 Min.

          Knapp 3900 Beschwerden über Dosensuppen, Tütengratin und Fertigdressing haben Verbraucher seit Juli an das Internetportal "lebensmittelklarheit.de" gemeldet. Das gab Landwirtschaftsministerin Aigner in der vergangenen Woche in ihrer Hundert-Tage-Bilanz des Projektes bekannt. Einmal mehr war sie bei dieser Gelegenheit der Kritik von Vertretern der Lebensmittelwirtschaft und der FDP ausgesetzt: Sie halten das Portal, das Verbraucherbeschwerden über irreführend beworbene oder falsch gekennzeichnete Fertigprodukte an die Hersteller weiterleitet und stichhaltige Vorwürfe schließlich veröffentlicht, für tendenziös in seiner Aufmachung. Man wehrt sich gegen die Wirkung als "Lebensmittel-Pranger". Doch wie schon beim Start vor einem Vierteljahr hielt die Ministerin auch diesmal stoisch an dem Projekt fest: Mit der Website sei eine Debatte begonnen worden - und die sei erwünscht.

          Studien belegen das ungeheure Misstrauen

          Aus Aigners Worten spricht die Überzeugung, mit dem Portal einer Missstimmung zu begegnen, die sich ansonsten kaum noch in Bahnen lenken lässt. Zwar sind die Besucherzahlen der Website nach einem fulminanten Beginn inzwischen mit 16 000 pro Monat überschaubar. Doch längst lastet ein Generalverdacht auf der Lebensmittelwirtschaft. Jede Plattform, die diese Gefühle kanalisieren hilft, kommt da gelegen.

          Dass in der Bevölkerung ein ungeheures Misstrauen gegenüber Fertigprodukten vorhanden ist, hatten Studien schon belegt, lange bevor es das Portal des Verbraucherzentralen-Bundesverbandes gab. Das Institut Fresenius hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass nur einer von zehn Verbrauchern Industrie und Politik in Lebensmittelfragen überhaupt vertraut. Jeweils die Hälfte hat Angst vor gentechnisch veränderten Zutaten, versteht die Angaben auf Verpackungen nicht und befürchtet, dass Zusatzstoffe, etwa Geschmacksverstärker oder Farbstoffe, gesundheitsschädlich sind. Ebenfalls 2010 ist eine Arbeitsgruppe der Universität Göttingen auf einen klaren Trend gestoßen: Immer mehr Verbraucher verspürten eine "Sehnsucht nach Natürlichkeit", schreiben die Agrarwissenschaftler. Effizienz und Technologisierung würden vom Konsumenten als "negative Veränderung von Naturprozessen" angesehen.

          Der Protest kommt aus der Provinz

          Doch wie kam es zu dem Stimmungsumschwung? Für Einzelbereiche des Lebensmittelsektors lassen sich konkrete Erklärungen finden, etwa für die ablehnende Position vieler Verbraucher der industriellen Tierhaltung gegenüber. Offenbar haben nicht allein Bücher wie "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer oder "Anständig essen" von Karen Duve eine arglose Öffentlichkeit wachgerüttelt. Tatsächlich sind die Bücher und Enthüllungsreportagen wohl auf fruchtbaren Boden gefallen, der Konflikt schwelte seit langem: Schon seit etwa zehn Jahren entstehen bundesweit in ländlichen Regionen Bürgerinitiativen gegen den Bau von Mastställen in der Nähe von Wohngebieten.

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