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EuGH-Urteil zu Genscheren : Reiche Ernte mit bisschen Gentechnik

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Drei Optionen für den EuGH

Die europäische Union könnte für alle Mitgliedsstaaten verbindliche Richtlinien zum Umgang mit nicht gentechnisch veränderten Crispr-Pflanzen erlassen. Sie könnte EU-Richtlinien erlassen, den Mitgliedstaaten aber durch Sonderregelungen gestatten, eigene, abweichende Regelungen zu treffen, wie das derzeit beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen der Fall ist. Oder, drittens: Die EU könnte keine Richtlinien erlassen und es den Mitgliedstaaten freistellen, zu entscheiden, wie sie mit nicht als gentechnisch verändert eingestuften Crispr-Pflanzen selbst umgehen wollen.

Der Pflanzenforscher Detlef Weigel vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen hat bereits vor zweieinhalb Jahren zusammen mit anderen Wissenschaftlern in der Zeitschrift „Nature Genetics“ Vorschläge für solche Regelungen gemacht. Zu ihrem 5-Punkte-Plan gehört unter anderem, dass die durch die Genschere eingeführten Veränderungen für eine Sortenzulassung sorgfältig dokumentiert werden müssten, und zwar nicht nur an der gezielt mutierten Stelle, sondern über das ganze Genom verteilt. Falls die Genschere in Form einer Fremd-DNA eingeschleust worden ist – es geht auch in Form eines Proteins –, müsste auch dokumentiert werden, dass dieses fremde Erbgut in der endgültigen Sorte nicht mehr vorhanden ist.

Die Vorschläge von Weigel und seinen Kollegen sehen zudem vor, dass während der Entwicklungsphase einer neuen Crispr-Sorte alles dafür getan werden müsste, eine unkontrollierte Ausbreitung im Freiland zu verhindern. Die Dokumentation dieser Informationen sollten nach Ansicht von Weigel und seinen Kollegen dem Antrag auf Sortengenehmigung beigefügt werden. Ansonsten müssten Crispr-Pflanzen ohne Fremd-DNA nur den Anforderungen genügen, die auch an klassische Züchtungen gestellt werden.

Wie präzise schneiden Genscheren?

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über die Einstufung der Crispr-Pflanzen ohne Fremd-DNA fällt in eine Zeit, in der ein Schatten auf die Sicherheit und die Genauigkeit der Genom-Editierung gefallen ist. Vor einigen Wochen sind zwei Veröffentlichungen erschienen, die nahelegen, dass Crispr-Cas9 editierte tierische oder menschliche Zellen möglicherweise ein höheres Krebsrisiko haben. In der vergangenen Woche hat eine weitere Publikation gezeigt, dass die Position, die Crispr-Cas9 gezielt editiert, oft erstaunlich „gerupft“ aus dem Prozess hervorgeht. An den Aktienmärkten haben diese Nachrichten für Nervosität gesorgt, denn in den Vereinigte Staaten und China stehen mehrere klinische Gentherapie-Studien mit Crispr-editierten Zellen vor dem Start. Worauf beruht das möglicherweise erhöhte Krebsrisiko? Wissenschaftler der „Novartis Institutes for Biomedical Research“ sowie der Unternehmen „Abbvie“ und „Blueprint Medicine“ haben in „Nature Medicine“ gezeigt, dass die Genschere besser in Zellen funktioniert, deren Wächter für die Reparatur von Gendefekten geschwächt ist oder gänzlich fehlt . Den Wissenschaftlern war aufgefallen, dass sich humane Stammzellen kaum mit der Genschere editieren lassen. Die Veränderungen werden zwar eingefügt, aber viele Zellen überleben diesen Eingriff nicht, sondern werden durch das Wächterprotein p53 in den programmierten Zelltod geschickt.

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