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Übergewicht bei Kindern : Böser Babyspeck

  • -Aktualisiert am

So rund ist nicht gesund: Übergewichtige Jungen in einem Fitness-Camp im nordostchinesischen Shenyang, wo sie ihre überschüssigen Pfunde wegtrainieren sollen Bild: action press

Immer mehr und immer mehr kleine Kinder sind zu fett. Nun sind auch arme Länder betroffen. Was geht da vor?

          4 Min.

          Seit Jahren warnen Behörden weltweit: Die Menschheit wird immer dicker. Jetzt verschärft die Weltgesundheitsorganisation WHO den Alarm: Die Dicken werden immer jünger. Mindestens 41 Millionen Kinder im Alter von unter fünf Jahren weltweit sind übergewichtig oder fettleibig. Und der überschüssige Speck lagert sich längst nicht mehr nur in westlichen Wohlstandsbäuchen ab. Allein in Afrika habe sich in den vergangenen 25 Jahren die Anzahl dieser Kinder von 5,4 Millionen auf 10,3 Millionen nahezu verdoppelt. In einer Weltgegend, aus der zugleich noch immer Nachrichten über Hunger und bittere Armut zu uns dringen, lebt damit ein Viertel der fettleibigen Kleinkinder des Planeten. Fast die Hälfte findet man in Asien.

          Auf diesen beiden Kontinenten hat die Verstädterung im vergangenen Jahrzehnt rapide zugenommen. Das sei einer der Hauptgründe für die Gewichtszulage bei Kindern und Erwachsenen, sagt Juana Willumsen von der zuständigen WHO-Kommission. „Die Menschen haben in den Städten plötzlich ganz andere Möglichkeiten, sich zu ernähren, sie kaufen Fast Food, das sie mit der reichen westlichen Welt verbinden, und verschmähen Obst und Gemüse, das sie ans einfache, ländliche Leben erinnert.“ Bei der zwei Jahre dauernden Erhebung sei den WHO-Experten in Asien, Afrika und Lateinamerika immer wieder eine fatale Assoziation begegnet: Die Menschen verbinden Dickleibigkeit mit Gesundheit und Reichtum. Von den in Wahrheit desaströsen Konsequenzen des Übergewichts für den Körper wissen sie entweder nichts, oder es ist ihnen egal. „Das sind kulturelle Normen, die über Jahrhunderte gewachsen sind, die können Sie nicht einfach mit ein bisschen Aufklärung beseitigen“, sagt Willumsen.

          Ab wann ist ein Kind übergewichtig?

          Zu diesem sozialen komme ein biologisches Phänomen: Kinder, die im Mutterleib und in frühester Kindheit an Unterernährung litten, hätten ein höheres Risiko, übergewichtig zu werden, wenn sie plötzlich ausreichend Nahrung bekämen, sagt die WHO-Expertin. „Ihre Körper haben sich in der Mangelsituation offenbar angewöhnt, aus dem, was sie essen, so viel Nährstoffe wie möglich zu ziehen.“ Bei einem ausreichenden Angebot an Lebensmitteln führe das später schnell zu Übergewicht.

          Wann aber ist ein Kind einfach ein bisschen moppelig und ab wann zu dick? Bei Erwachsenen orientiert sich die Definition am sogenannten Body Mass Index (BMI). Um ihn zu berechnen, teilt man das Körpergewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ein 75 Kilo schwerer und 1,85 Meter großer Mann hat also einen BMI von 21,9 Kilogramm pro Quadratmeter. Das ist laut WHO Normalgewicht. Ab einem BMI von 25 beginnt das Übergewicht, bei 30 die Fettleibigkeit. Diese wird mit steigendem BMI noch einmal in drei Adipositas-Grade eingeteilt. Bei Kindern ist die Einteilung allerdings etwas differenzierter als bei Erwachsenen. Alter, Größe, Geschlecht und Entwicklungsstand werden berücksichtigt. Ob ein Junge oder Mädchen übergewichtig ist, lässt sich an sogenannten Perzentilkurven ablesen, die dann bestimmte BMI-Kategorien bilden. Diese Kurven finden sich zum Beispiel auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

          Fettleibigkeit und Unterernährung schließen sich nicht aus

          Wenn jetzt sogar in Afrika die Kinder dick werden, so könnte man denken, dann seien die Zeiten der Hungersnöte wohl vorbei. Einer, dem sehr daran gelegen ist, dieses Bild geradezurücken, ist Rudi Tarneden von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. „Es ist richtig, dass sich in weiten Teilen der Welt gerade Ernährungs- und Lebensgewohnheiten bilden, die nicht gesund für Kinder sind“, sagt Tarneden. „Doch wir kämpfen immer noch hauptsächlich gegen die Mangelernährung.“ Denn auch wenn die Zahl der mangelernährten Kinder unter fünf Jahren weltweit seit 1990 um 40 Prozent gesunken ist: Nach wie vor haben 165 Millionen Kinder zu wenig oder zu schlecht zu essen. In Südasien sind 39 Prozent der unter fünf Jahre alten Mädchen und Jungen aufgrund chronischer Mangelernährung zu klein für ihr Alter, in Afrika sind es 40 Prozent.

          Fettleibigkeit und Mangelernährung gibt es zugleich - und meist in ein und demselben Land. In Kenia beispielsweise sind kleine Kinder in Armenvierteln und auf dem Land besonders von Mangelernährung bedroht, während es bei wohlhabenderen Familien schick geworden ist, in Nairobi zu McDonald’s zu pilgern. „Wir dürfen aus solchen Meldungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit nicht den Schluss ziehen, dass es etwa in Afrika weniger Hunger gibt“, sagt Tarneden.

          Durch Essensumstellung in Kindergärten hat man schon viel erreicht

          Zugleich bleiben die ungesunden Pfunde auch in der ersten Welt ein Problem. Hierzulande spricht die Deutsche Adipositas Gesellschaft gar von einer Epidemie: Mehr als die Hälfte der Bundesbürger ist übergewichtig, jeder Vierte bis Fünfte fettleibig. Hinsichtlich der Kinder und Jugendlichen beruht diese Einschätzung allerdings auf Zahlen, die nicht mehr ganz frisch sind: Die derzeit aktuelle repräsentative Studie hat das Robert-Koch-Institut 2007 vorgelegt, die Daten für die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) wurden von 2003 bis 2006 gesammelt. Demnach waren damals rund 15 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig, etwa sechs Prozent fettleibig. Im Moment läuft die zweite Erhebung, die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende 2017 vorgestellt.

          „Da es zurzeit an repräsentativen Daten fehlt, orientieren wir uns an der Schuleingangsuntersuchung“, sagt Susanna Wiegand von der Pädiatrischen Endokrinologie und Diabetologie an der Charité Berlin. Dort sei bei den Fünf- und Sechsjährigen eine Stagnation auf hohem Niveau festzustellen. Während die Zahl der übergewichtigen Kinder demnach gleich bleibt, nimmt der Schweregrad zu. „Wir haben vor allem bei den Jugendlichen viele extrem und extremst adipöse Mädchen und Jungen“, sagt Wiegand. Bei Kindern in jüngerem Alter haben man allerdings schon viel erreicht. Gesundes Essen und viel Bewegung in den Kindertagesstätten zum Beispiel hätten dazu beigetragen, dass die unter Fünfjährigen weniger stark vom Übergewicht betroffen sind als die höheren Altersgruppen.

          Wer noch in der Kindheit abnimmt, muss keine Folgeschäden befürchten

          Entwarnung will Ute Spiekerkötter dennoch nicht geben. Die Ärztliche Direktorin für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Freiburg spricht von einem hohen Anteil übergewichtiger kleiner Kinder, den sie und ihre Kollegen im Klinikalltag zu sehen bekommen. Während zum einen der bekannte Mix aus wenig Bewegung und viel zucker- und fettreicher Nahrung dafür verantwortlich ist, hat zum anderen auch der Lebensstil der Eltern einen entscheidenden Einfluss auf das Gewicht des Kindes.

          Und das schon vor der Geburt. „Studien haben gezeigt, dass Kinder eher adipös werden, wenn die Mutter in der Schwangerschaft mehr als 17 Kilogramm zunimmt“, sagt Spiekerkötter und warnt vor den Folgeerkrankungen, mit denen dicke Kinder auf lange Sicht zu kämpfen haben. „Das sind vor allem Diabetes, orthopädische Schäden und Magen-Darm-Erkrankungen.“ Hinzu komme, dass bei dem übergewichtigen Nachwuchs bereits die Verkalkung von Arterien beginnt, die bei Normalgewichtigen, wenn überhaupt, erst im Erwachsenenalter einsetzt. Sie haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck und Herzinfarkte oder Schlaganfälle - und das bereits als junge Erwachsene. Die gute Nachricht aber lautet: Wenn sie ihre Kilos noch in der Kindheit loswerden, nimmt der Körper selbst Fettleibigen den gewichtigen Ausrutscher nicht übel. Sie können dann ein ganz normales Leben führen, ohne Angst vor Spätschäden haben zu müssen.

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