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Traumforschung : Wenn meine Großmutter Räder hätte

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Träume empfinden wir häufig als bizarr. Wenn wir uns überhaupt an sie erinnern. Ehe Traumforscher sich ans Deuten machen, müssen sie erst einmal herausfinden, worum es eigentlich geht.

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          Einst begann mein Experimentator, während ich schlief, die Gralserzählung aus Lohengrin zu singen. Bei der mehr forte gesungenen Stelle ,Herab von einer Engelsschar gebracht' hatte ich die Traumvorstellung einer vom Himmel niederschwebenden, malerisch schönen Gruppe von Engeln, welche die gehörte Weise sangen.“

          Diese Sternstunde der frühen empirischen Traumforschung beschreibt der spätere Medizinalrat Wilhelm Weygandt in seiner 1893 an der Universität Leipzig fertiggestellten Promotion. Dass er im Schlaf die Englein singen hörte, war für Weygandt der Beweis für seine zentrale These, dass real existierende äußere Reize der wahre Motor des Traumgeschehens seien. Dieser Einfluss zeigte sich auch in vielen anderen Nächten, in denen sein Assistent ihm tickende Uhren ans Ohr hielt oder Weygandt röchelnd aus einem Traum erwachte, in dem er sich „selbst auf einem Velociped sitzen und mit größter Mühe dem Gipfel eines Berges zustreben“ sah, während er einen seiner Asthmaanfälle bekam. Für seine Arbeit verwandte Weygandt ausschließlich eigene Träume, schriftliche Traumprotokolle hielt er für eine „höchst dürftige Kopie des wirklichen Traums“.

          Bananen für das Traumtagebuch

          Mit seiner streng empirischen Herangehensweise unterschied sich Weygandt grundlegend von der Traumdeutung seines ihm verhassten Zeitgenossen Sigmund Freud, für den Träume die Spielwiese des Es und der „Königsweg zum Unterbewussten“ waren - eine noch heute populäre Sichtweise, wie diverse Traumlexika zeigen, denen zufolge eine Banane im Traum eben nicht nur eine Banane ist.

          Ob Südfrucht oder Phallussymbol - am schwierigsten ist es zumeist, sich am Morgen überhaupt noch an die Banane zu erinnern. In der flüchtigen Natur der Träume liegt bis heute das Hauptproblem der empirischen Traumforschung, die lediglich auf die mehr oder minder vernebelte Erinnerung nach dem Aufwachen zurückgreifen kann. Warum einem die oft so intensiv erlebten Hirnbilder so schnell entgleiten, ist nicht ganz klar. Sigmund Freud glaubte an die zensierende Tätigkeit des Über-Ichs, heutige Neurologen sprechen von der gehemmten Übertragung der Erinnerung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Eine strenge Zensur findet jedenfalls nicht statt, denn mit etwas Übung lässt sich die Traumerinnerung deutlich verbessern. Am besten legt man sich auf dem Nachttisch Schreibzeug oder ein Diktiergerät zurecht, dem man gleich nach dem Erwachen zumindest Stichpunkte zum Erlebten anvertraut. So entstehen ganze Traumtagebücher, trotz Weygandts Vorbehalten eine der wichtigsten Quellen der modernen Traumforschung.

          Draufsteigen in Darmstadt

          Nicht jeder erreicht dabei natürlich die Qualität literarischer Vorbilder wie der 1979 verstorbene Arno Schmidt, von dem ein Traumnotat in einem jüngst von Bernd Rauschenbach zusammengestellten Band mit dem Titel „Traumflausn“ enthalten ist: „Ich stehe in Darmstadt, auf der Verkehrsinsel, wo Roßdörfer und Nieder-Ramstädter Straße zusammenstoßen und wo sich eine Straßenbahnhaltestelle befindet. Der Tag ist bewölkt; aber auch gleichzeitig irgendwie sonnig. Ich versuche immerfort, eine Linie nach Berlin-Adlershof zu bekommen, und es erscheinen auch mehrfach einige Wagen ohne Anhänger, die alle die Nummer 23 tragen. Ich möchte ständig einsteigen; und jedesmal verpasse ich den Wagen, oder er ist besetzt, schon voll usw. Einmal erscheint anstelle der Elektrischen ein großes offenes Auto älterer Bauart, aber wiederum derart besetzt, daß selbst hinten, auf der Stoßstange, ein paar junge Männer stehen. Dann eine kleine Lücke. Ich versuche vergeblich, mich in diese offene Stelle hineinzuzwängen und doch noch mit hinten aufzusteigen.“

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