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Tränenforschung : Heul doch!

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Der Emotionsforscher Nico Frijda betont schließlich die soziale Dimension des Weinens. Weinen ist zumeist ein Zeichen der Hilflosigkeit. Es drückt im Ernstfall die Bereitschaft aus, jeden Widerstand einzustellen, und signalisiert den Wunsch, am Leben zu bleiben. Damit drückt es zugleich die Unfähigkeit aus, angemessen mit der entsprechenden Situation umzugehen, etwa mit der Niederlage der geliebten Fußballmannschaft. Das wiederum erweckt Sympathie, Empathie und das Bedürfnis zu trösten. Zumindest so lange, wie das Weinen nicht als nervendes Geflenne wahrgenommen wird.

In seinen neuesten Veröffentlichungen hat der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg die Grundlagen eines Modells des Weinens skizziert, das diese verschiedenen physiologischen, kognitiven, emotionspsychologischen und sozialen Dimensionen zusammenfasst. Vingerhoets unterscheidet dabei zwischen den Faktoren, die festlegen, ab wann geweint wird (die so genannte Weinschwelle), und denen, die das Weinen auslösen. Beides wird häufig miteinander verwechselt. Gleiches gilt für die Effekte, die das Weinen auf das weinende Individuum selbst hat, und für solche, die durch das soziale Umfeld herbeigeführt werden.

Einer der populärsten Irrtümer dazu wird seit Darwin in jeder Ratgeberkolumne verbreitet: Weinen, so das Gerücht, beruhigt und sorgt dafür, daß man seine emotionale Balance wiederherstellen kann. Deshalb sei es ja auch so unglaublich wichtig, den Tränen freien Lauf zu lassen und sie nicht etwa zu unterdrücken! Leider konnte eine solche beruhigende Funktion des Weinens nie anhand objektiver Kriterien nachgewiesen werden. Und unterdrückte Tränen führen auch zu keinen Magengeschwüren oder sonstigen körperlichen Beschwerden.

Frauen weinen schneller

Eine Binsenweisheit bestätigt die Forschung allerdings doch: Frauen weinen schneller, häufiger und intensiver als Männer. Allerdings entwickeln sich die beiden Geschlechter auch in dieser Hinsicht erst von der frühen Pubertät an auseinander. Weibliche Babys weinen auch nicht häufiger als männliche. Inwieweit das spätere Weinverhalten von der Sozialisation abhängt, ist freilich genauso umstritten wie der Ursprung anderer Geschlechtsunterschiede

Die Frage lautet also mal wieder: Nature or nurture? Die Antwort wie immer: sowohl - als auch. Eindeutig ist die angeborene Veranlagung, die allerdings aufgrund des sozialen Lernens verstärkt und variiert wird. Wie jedes andere Verhalten unterliegt auch das Weinen den Gesetzen der instrumentellen Konditionierung: Wird es belohnt oder bestärkt, wird öfter geweint, Sanktionen hingegen („Heulsuse!“, „Memme!“) bewirken das Gegenteil.

Für das Weinen gilt zudem, was allgemein für Emotionen gilt: Frauen setzen sich durchschnittlich mit größerer Begeisterung emotionalen Situationen aus und verfügen dann über weniger ausgeprägte Filterstrategien als Männer. Die nämlich weichen emotional aufgeladenen Situationen eher aus. Und wenn es sich gar nicht mehr umgehen läßt und man die Freundin dann doch in den „Titanic“-Film begleiten muss, entwickeln Männer bestimmte kognitive Strategien, um die emotionalen Aspekte einer Situation kurzerhand auszublenden („Weißt du Schatz, die Dicke der Bordwand war einfach falsch berechnet. Zudem hätte man die Schotten bis in die höheren Decks bauen müssen“). Daher sind weinende Männer im Kino eher selten.

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