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Tierversuche : Wer möchte schon Versuchskaninchen spielen?

  • -Aktualisiert am

Alternativen zu ihr sind nicht immer leicht zu finden: eine Laborratte. Bild: picture-alliance / dpa

Lebensmittel, Kosmetika und Medikamente werden an Tieren getestet. Dabei gibt es längst Methoden, die viele dieser Tests überflüssig machen.

          Der Notfall am 13. März 2006 kam für die Belegschaft des Londoner Northwick Park Hospital völlig überraschend. Etwa eine Stunde, nachdem man dort sechs Versuchsteilnehmern das Antikörper-Präparat TGN1412 injiziert hatte, erlitten diese jungen Männer zunächst Kopfschmerzen und Übelkeit, dann folgte hohes Fieber, schließlich versagten mehrere ihrer Organe. Schleunigst wurden die Probanden auf der Intensivstation behandelt. Nur knapp sind sie dem Tod entronnen.

          Die heftige Körperreaktion stellte Mediziner vor ein Rätsel. Der Wirkstoff - entwickelt zur Therapie von Erkrankungen wie Rheuma, Leukämie oder multipler Sklerose - war in den Vorstudien umfassend an Ratten und Affen getestet worden. Selbst in extrem hoher Dosierung hatten die Tiere die Substanz gut vertragen. Einmal mehr stellt sich daher die Frage, wie gut sich die Erkenntnisse aus Tierexperimenten auf den Menschen übertragen lassen.

          Übertragbarkeit der Ergebnisse sehr verschieden

          Auch der Contergan-Wirkstoff Thalidomid hatte in Tests an Ratten nicht gezeigt, welche dramatischen Nebeneffekte für ungeborene Kinder das Schlafmittel besitzt. Sicherlich können Forscher aus Tierstudien nützliche Schlüsse ziehen, aber beide Beispiele, Thalidomid wie auch TGN1412, offenbaren die Grenzen solcher Experimente.

          "Die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen ist teils gut, teils passabel, teils miserabel", sagt Marcel Leist, der an der Universität Konstanz einen Lehrtstuhl für Alternativen zum Tierversuch innehat. "Werden Stoffe etwa auf ihr Krebsrisiko getestet, gibt es selbst zwischen Ratten und Mäusen nur eine Übereinstimmung von rund 60 Prozent. Man kann sich vorstellen, was das für den Menschen bedeutet." Englischsprachige Forscher haben das Problem auf einen Reim reduziert: Mice tell lies, Mäuse erzählen Lügen.

          Seit der französische Physiologe Claude Bernard Mitte des 19. Jahrhunderts begann, Hunde und Katzen aufzuschneiden, um die Anatomie zu verstehen, gilt der Tierversuch in der Wissenschaft als Goldstandard, um Erkenntnisse über den Menschen und seine Umwelt zu gewinnen. Experimente an Tieren dienen dazu, die Wirkung von Medikamenten zu testen, die Gesundheitsrisiken von Chemikalien zu ermitteln, die Unbedenklichkeit von Lebensmittelzusätzen oder der Mobilfunkstrahlung sicherzustellen - und sogar, um die Abwassergebühren für deutsche Unternehmen zu berechnen.

          Zu achtzig Prozent Mäuse und Ratten

          Im Jahr 2007 wurden in Deutschland genau 2609483 Wirbeltiere zu wissenschaftlichen Zwecken herangezogen, 91 216 mehr als im Vorjahr. Zu achtzig Prozent waren es Mäuse und Ratten. Der Rest waren Fische, Kaninchen und Vögel. Wirbellose Organismen wie etwa Krebse tauchen in der Statistik gar nicht erst auf.

          Diese Zahlen erwecken den Eindruck, als gebe es keinen anderen Weg, an die gewünschten Erkenntnisse zu gelangen, als den Tierversuch - doch das Gegenteil ist der Fall: "Sehr viele Alternativverfahren sind im Einsatz, ohne dass die Öffentlichkeit das merkt", sagt Leist. So sortieren zum Beispiel Pharmafirmen auf der Suche nach neuen Wirkstoffen 99 Prozent der potentiellen Kandidaten schon im Frühstadium durch In-vitro-Analysen aus, also Tests im Reagenzglas, etwa an Zellkulturen. "Die erste orientierende Substanzsuche wird weltweit in vitro gemacht", bestätigt der Pharmakologe Kai Brune von der Universität Erlangen. "Man befasst sich dann nur noch mit den erfolgversprechenden Kandidaten. Das funktioniert wunderbar."

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