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Tierversuche : Ein Hirn am Pranger

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer einer Demonstration gegen Tierversuche in Tübingen. Bild: dpa

Der Konflikt um die Tierversuche am Max-Planck-Institut in Tübingen eskaliert. Wird der weltbekannte Institutsleiter gehen? Es wäre ein Pyrrhussieg der Aktivisten, meint unser Gastautor.

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          Herr, vergib ihm nicht, denn er weiß, was er tut - Tiermörder“. Valentin Braitenberg, 2011 verstorbener international bekannter Hirnforscher, hat seine nachts von radikalen Tierschützern besudelte Haustür dem Tübinger Stadtmuseum als Beispiel missglückter demokratischer Willensbildung überlassen. Braitenberg war Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. Zu diesem Institut gehört bis heute ein Affenlabor.

          Der Nachfolger von Braitenberg ist der Grieche Nikos Logothetis. Doch Logothetis und seine Mitarbeiter sehen sich im Moment noch ganz anderen Anfeindungen ausgesetzt als sein Vorgänger. Was als laues Lüftchen begann, hat sich zu einem veritablen Sturm ausgewachsen. Seit September letzten Jahres werden die Forscher und Forscherinnen des Instituts öffentlich als „Mörder“ und „Peiniger“ bezeichnet, sie erhalten Drohungen der Form „Heute um drei Uhr bist Du tot“, sie werden in bestimmten Läden in Tübingen nicht mehr bedient, ihre Kinder werden in der Schule geächtet, und es gibt tätliche Angriffe. Die Kriminalpolizei ermittelt. Das wissenschaftliche Institut in der Spemannstraße gleicht einer Festung und wird von Sicherheitsleuten wie die Bank von England bewacht.

          Der Zorn gilt nicht nur der großen Politik.
          Der Zorn gilt nicht nur der großen Politik. : Bild: dpa

          Was ist passiert? Logothetis, den man als einen weltweit bekannten Hirnforscher bezeichnen kann, hat mit seinen Kollegen in Tübingen etwas scheinbar Unmögliches geschafft. So wie es in der Mikrophysik unmöglich ist, den Ort und den Impuls eines Teilchens mit großer Genauigkeit gleichzeitig zu messen, so galt es in den Neurowissenschaften bei vielen als fast ausgeschlossen, das Gehirn in seiner Gesamtheit mit einem bildgebenden Tomographen zu untersuchen und gleichzeitig mit filigranen Elektroden an winzigen Neuronen Hirnströme abzunehmen. Das liegt daran, dass durch die gewaltigen Magnetfelder des Tomographen starke Ströme induziert werden, die die schwachen, welche mit den Elektroden abgeleitet werden, überlagern. Es ist, als ob man im Nieselregen unter einem Wasserfall steht und versucht, die einzelnen Tröpfchen zu zählen, die vom Himmel fallen. In jahrzehntelanger Puzzlearbeit hat Logothetis mit seinen Mitarbeitern dieses paradox anmutende Rätsel gelöst.

          Die Folgen könnten gravierend sein. Wie bei der Epilepsie gibt es bei anderen neurologischen und psychiatrischen Leiden Störungen, die in der Wechselwirkungen des ganzen Gehirns und einzelner lokaler Prozesse auftreten. Diese Störungen ausfindig zu machen, könnte mit den von Logothetis entwickelten Methoden möglich werden.

          Eingeschleuster Tierpfleger filmte

          Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass der Forscher mehr Veröffentlichungen geschrieben hat als die drei letztjährigen Nobelpreisträger für Medizin zusammen. Er gilt als einer der renommiertesten Neurowissenschaftler der Welt. Doch die Erfolgsgeschichte erfuhr einen jähen Einbruch, als im September letzten Jahres blutige Bilder von Versuchsaffen aus dem Labor von Logothetis bei „Stern TV“ gezeigt wurden. Diese waren von einem eingeschleusten Tierpfleger mit versteckter Kamera gedreht und sensationsgerecht geschnitten worden, so dass man als unbedarfter Zuschauer den Eindruck gewinnen konnte, dass dort keine Wissenschaftler arbeiten, sondern Tierquäler.

          Dem ist offenkundig nicht so. Doch auch die Versicherung von Stefan Treue, dem Leiter des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, blieb beinahe ungehört. Treue, der das Labor als Sachverständiger in Augenschein nahm, stellte sofort und deutlich klar, dass die Tiere in Tübingen gemäß des Tierschutzgesetzes behandelt werden. Aber das konnte den Furor nicht mehr bremsen. Und das war ganz im Sinne von Friedrich Mülln, dem Initiator der ganzen Aktion. Mülln ist der Vorsitzende der „Soko Tierschutz“, einer Organisation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, für die Rechte der Tiere zu kämpfen. Ihm und seinen Mitstreitern ist es gelungen, ein Klima zu erzeugen, in dem die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Tübingen ungestraft als Verbrecher bezeichnet werden können und mit dem Tode bedroht werden.

          Wer nun glaubt, dass es in der liberalen Universitätsstadt einen Aufschrei der Entrüstung gab, irrt sich. Zwar meldeten sich der Rektor der Universität Bernd Engler zu Wort, genauso wie der Direktor des Hertie-Instituts für Hirnforschung, Peter Thier, aber sonst war von Forschern der Tübinger Universität, die zum Teil ebenfalls mit Primaten arbeiten, wenig bis nichts zu hören. Und auch die Max-Planck-Gesellschaft tritt ihrem verdienten Mitarbeiter nicht mit letzter Entschlossenheit zur Seite. Zwar betonte ihr Präsident Martin Stratmann ausdrücklich die Notwendigkeit von Tierversuchen. Es ist aber nicht bekannt, dass die Rechtsabteilung der Forschungsgesellschaft die Übergriffe juristisch verfolgt.

          Eine überraschende Ausnahme in diesem Wegduckspiel ist der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich, ungeachtet seiner Parteilinie, mutig vor die Wissenschaftler stellte und dem dann von einem aufgebrachten Tierschützer ein Stein an den Kopf geworfen wurde. Auch das „Schwäbische Tagblatt“, die örtliche Zeitung, bemüht sich seit Wochen, den Konflikt zu versachlichen, und gibt Diskutanten die Möglichkeit, das Für und Wider von Tierversuchen zu erörtern. Seitdem tobt im Leserbriefteil der Zeitung eine Meinungsschlacht. Doch es kann sein, dass dieser wichtige und notwendige Diskurs zu spät kommt, da die Verletzungen und Kränkungen, die die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erfahren haben, zu tief sind.

          Wissen, das Menschen helfen kann

          Es steht jetzt nämlich zu befürchten, dass Logothetis seine bahnbrechende Forschung in Tübingen abbricht. Das könnte eine Pyrrhussieg für die Tierschützer sein. Zwar würden dann etwa vierzig Affen den Stall wechseln. Aber was ist mit dem Leid derer, die man in Zukunft nicht wird behandeln können, da man willentlich auf Wissen verzichtet, das irgendwann helfen könnte, Krankheiten heilbar zu machen? Und ganz allgemein müsste man die Frage klären, wer am Wissenschaftstandort Deutschland eigentlich die Existenz internationaler Spitzenforschung sichert.

          Gastbeitrag

          Marco Wehr ist Physiker, Philosoph und Schriftsteller, der an der Universität Tübingen studiert hat und dort lebt.

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