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Theory of Mind – ein Gespräch : Bücher helfen Gedanken lesen

  • Aktualisiert am

Lest gute Literatur, etwa von Alice Munro der Nobelpreisträgerin 2013! Bild: Klein, Nora

Wer gute Bücher liest, kann sich anschließend besser in andere Menschen hineinversetzen und ihre Gedanken lesen. Die Sozialpsychologen Emanuel Castano und David Kidd verraten unserer Mitarbeiterin Ina Hübener, warum es lohnt, sich hin und wieder einen Klassiker der Literatur zu Gemüte zu führen.

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          Frage: Herr Castano, Herr Kidd, nach der Lektüre von Literaturklassikern wie solchen von Tschechow verbesserte sich bei Ihren Probanden die Fähigkeit, die Perspektive des fiktiven Helden einzunehmen. Die Leser konnten dessen Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen besser interpretieren. Diese Fähigkeit, die in der Theory of Mind (ToM) beschrieben wird, war mit Romanen von Rosamunde Pilcher oder Sachtexten, die darüber informierten, wie Kartoffeln die Welt veränderten, nicht in dem Maß zu erreichen. Wie lässt sich das erklären?

          Antwort: Im Gegensatz zur Unterhaltungsliteratur ist anspruchsvolle Literatur oft weniger auf den Plot konzentriert als auf die Psychologie der Charaktere. Bestseller lesen wir, weil sie uns unterhalten und durch aufregende Situationen führen, Literatur preisgekrönter Autoren zwingt uns dagegen in eine aktivere Rolle. Wir müssen selbständig interpretieren. Die Charaktere sind weniger stereotyp und voller Widersprüche. Ihr gesamtes Innenleben wird dem Leser nicht auf dem silbernen Tablett serviert. Ihre Beschreibung ist unvollständig. Der Leser muss selbst zum Schriftsteller werden.

          Frage: Wie liefen die Tests ab?

          Antwort: Die meisten Probanden haben für das Lesen weniger als zehn Minuten gebraucht. Danach sahen sie auf Schwarzweiß-Fotografien die Augenpartien von Schauspielern und sollten deren Gefühlslage deuten. Zusätzlich haben wir untersucht, wie gut jemand die Gedanken und Vorstellungen eines anderen lesen kann. Insgesamt schnitten Leser hochkarätiger Literatur deutlich besser ab als jene der anderen Gruppen. Der Effekt lässt sich nicht damit erklären, wie emotional berührt die Teilnehmer von dem Text waren, wie viele Autoren sie kannten, wie gebildet sie waren oder sogar, wie sehr ihnen der Text gefallen hat.

          Frage: Gibt es Langzeiteffekte? Nützt es beispielsweise, jeden Monat ein großartiges Stück Literatur zu lesen?

          Antwort: Wie lange die Effekte anhalten, wissen wir nicht. Vielleicht ein paar Stunden bis zu einem Tag. Es würde mich auch beunruhigen, wenn wir die Psyche von Menschen mit einer so einfachen Manipulation längerfristig verändern könnten. Sie können das sehr gut mit Sport vergleichen. Wenn Sie häufig und regelmäßig trainieren, gibt es Ihnen jedes Mal einen Schub nach vorne. Langsam, aber sicher wird sich Ihre körperliche Fitness verbessern. Wir haben noch keine Daten dafür, aber es ist davon auszugehen, dass das Gleiche beim Lesen von guter Literatur in Bezug auf die Theory of Mind passiert

          Lieben gute Bücher: Emanuele Castano (links) und  David Kidd von der New School of Social Science, New York

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          Frage: Auch Biographien laden uns ein, in die Gedankenwelt einer anderen Person einzutauchen. Können wir durch sie auch lernen, Gedanken zu lesen?

          Antwort: Jede Aktivität, bei der wir uns in die Gedanken eines anderen hineinversetzen müssen, kann die ToM fördern. Auch Biographien trainieren den Leser in dieser Hinsicht. Entscheidend ist aber, ob der Autor Ihnen alles serviert oder Sie zwingt, selbst das Bild der Person zu ahnen und zu konstruieren. Ich schätze, dass die meisten Biographien den Leser nicht herausfordern, da viele Autoren ihre Interpretation der biographierten Person darlegen wollen.

          Frage: Sie haben Ihre Studie nur an Erwachsenen durchgeführt. Wie, denken Sie, beeinflussen Bücher die Kinder?

          Antwort: Wir sind keine Entwicklungspsychologen. Könnte sein, dass es spezifische Entwicklungsstadien gibt, in denen das Lesen guter Literatur besonders starke und dauerhafte Effekte zeigt. Unsere Ergebnisse sprechen jedenfalls dafür, dass beispielsweise Leseprogramme für Häftlinge nützlich sind. Sie könnten auch relevant sein für Menschen mit Autismus, denen soziale Interaktionen schwerfallen. Eine Teilnehmerin, die sich selbst als autistisch beschreibt, erzählte uns, dass sie seit jungen Jahren in Romane eintauchte. Es half ihr, sich zurechtzufinden. Da sei etwas dran mit der Literatur, sagte sie. Das war sehr ermutigend. Zudem hat gute Literatur im Gegensatz zu Drogen keine Nebenwirkungen.

          Die Fragen stellte Ina Hübener.

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