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Synthetische Biologie : Das Trauma Gentechnik

Die gentechnisch veränderte Kartoffel „Amflora” ist in der EU für den Anbau zugelassen Bild: dpa

Bei der grünen Gentechnik gehen mit dem Rückzug der BASF weitere Lichter aus: Was wird aus den Visionen von Europas Bioingenieuren? Auch der Ethikrat berät.

          Der Deutsche Ethikrat wird, wenn er sich nicht darüber entzweit, noch in dieser Woche und damit kurz vor Ende seiner Legislaturperiode eine Kurzstellungnahme zur gesellschaftlichen Debatte um die "Synthetische Biologie" beraten. Da gibt es nichts pro oder contra zu entscheiden. Aber das Papier des Ethikrates könnte ein biopolitisches Signal zu einer Zeit werden, da in Deutschland die Lichter einer anderen, engverwandten Biotechnik allmählich ausgehen: Die grüne Gentechnik habe mit dem Abzug sämtlicher Forschungsaktivitäten von BASF und damit dem größten kommerziellen Akteur auf diesem Gebiet einen weiteren schweren Rückschlag erlitten, meinte zumindest Bundesforschungsministerin Annette Schavan. Inzwischen hört man allerdings - sogar in Wissenschaftszirkeln - auch andere Stimmen: "Das ist kein Drama", meint etwa der langjährige Staatssekretär und stellvertretende Vorsitzende im Nationalen Normenkontrollrat, Wolf-Michael Catenhusen. Der Sozialdemokrat, ein ausgewiesener Gentechnik-Experte seit den achtziger Jahren, hält die "Anwendung der grünen Gentechnik in Europa mittelfristig sowieso für undenkbar".

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ist er deswegen ein Fortschrittspessimist? Keineswegs. Wie er überhaupt die Bevölkerung im Land nicht als Verhinderer sehen will. "In anderen Ländern gibt es längst radikalere Gegner, etwa in Frankreich." Catenhusen selbst praktiziert das genaue Gegenteil von Technikpessimismus. In seiner Funktion als Sprecher der Arbeitsgruppe Synthetische Biologie im Ethikrat saß er gestern einen ganzen Tag unter Bioingenieuren und Genomtechnikern bei der Dechema in Frankfurt, um in den Pausen über die Möglichkeiten ("in fünfzig oder hundert Jahren") einer "Optimierung der Evolution" durch die Biotechnik nachzudenken. Tatsächlich ist die Synthetische Biologie, also die künstliche Schaffung neuer Lebensformen, so etwas wie der nächste logische Schritt in der Biotechnik. Philippe Malière, ein Belgier in Diensten der amerikanischen Firma Heurisko USA Inc in Delaware, nannte das den "Übergang von der Darwinschen zur Leibnizschen Evolution". Gemeint ist die zielgerichtete, von Chemikern und Ingenieuren geplante und letzen Endes von Genom-Automaten in Windeseile bewerkstelligte Konstruktion neuer, hochproduktiver Organismen - Kunstmikroben in Bioreaktoren ebenso wie Pflanzen oder Pilze.

          Malière hat das "Xenom-Projekt" mitgegründet. Seine Ziele sind zweierlei: In dem einen Projekt sollen Organismen kreiiert werden, in denen jeder einzelne der vier Bausteine des Erbguts durch eine fremde Base ersetzt wird - und dabei die Erbinformation erhalten bleibt. In dem anderen Projekt "XNA" (Xeno-Nukleinsäuren) soll der Stoffwechsel der Organismen nicht mit den beiden natürlichen Trägern der Geninformation - DNA und RNA -, sondern mit einem dritten, künstlichen Informationsträger angetrieben werden.

          In beiden Fällen geht es darum, die Kreaturen im Reagenzglas umzuprogrammieren - künstliche Systeme zu schaffen, die nicht in Konkurrenz zur Natur stehen oder diese gar gefährden, sondern eigenständige, mit bestehendem Leben inkompatible Lebensformen sind. Die Gesellschaft, so Catenhusen, müsse wissen: "Es geht hier um Biotechnik in geschlossenen Systemen, nicht um die Freisetzung von Organismen."

          Aktivisten von Greenpeace radeln über ein Feld, auf dem Gen-Weizen angebaut werden soll.

          Malière hat bislang erst Teilerfolge erzielt. Doch keiner der Teilnehmer des Dechema-Workshops zweifelte daran, dass die zielgerichtete Schöpfung solcher Kunstorganismen gelingen kann. Genau darum aber, um Schöpfung oder Schaffung künstlichen Lebens, darf es Catenhusen zufolge, jedenfalls in der Kommunikation nach außen und der gesellschaftlichen Debatte, nicht gehen: Es gehe um "verbessertes Design von Stoffwechselprozessen". Das hat für den, der es so sehen will, den Vorteil, dass man optimistisch bleiben kann. Weil eben nicht das Leben schlechthin zur Disposition steht. In der Tat sind etwa Nanotechnik und Chemie, anders als die grüne Gentechnik mit ihren konsumentenfernen Kreaturen, deutlich weniger umstritten. Die Frage wird sein: Schafft es die Synthetische Biologie tatsächlich, sich biopolitisch von dem abzusetzen, was Catenhusen das "Trauma der grünen Gentechnik" nennt? Schwer vorstellbar angesichts der Tiefe und Breite der Eingriffe in die Lebensprozesse.

          Bislang ist die Synthetische Biologie auf Experimente beschränkt. Doch die Industrialisierung hat, zumindest was die Massenherstellung künstlicher Gene angeht, längst Fahrt aufgenommen. Wie Ralf Wagner von Life Technologies deutlich machte, synthetisiert man mit den zweihundert Mitarbeitern in Regensburg für seine Kunden schon reihenweise künstliche, "optimierte" Gene. In der chemischen Zusammensetzung werden sie verändert und mit einer Maschine zu einem Genom zusammengefügt, so dass sie etwa im Falle von fünfzig getesteten Säugetiergenen annähernd zehnmal so viel Genprodukt produzieren wie ihre natürlichen Pendants. Bei der amerikanischen Firma Agilent Technologies in Santa Clara synthetisiert man inzwischen drei Milliarden Genbausteine täglich - die Menge eines einzelnen menschlichen Genoms oder - anders ausgedrückt - die Informationsmenge, die in zweihundert Büchern mit jeweils fünfhundert Seiten steckt.

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