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Suchtverhalten : Aus freien Stücken in die Sucht

  • -Aktualisiert am

Freunde, Spielzeug, Liebesnester: Damit bleibt man suchtfrei - als Ratte Bild: Tobias Wandres

Wie frei ist der Wille des Menschen wirklich? Klassische Experimente zeigen, welchen Einschränkungen er unterworfen ist. Ein Beispiel: Bruce Alexander und die abstinenten Ratten.

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          „Nur noch ein kleines Stückchen!“ - „Na ja, eins geht schon noch, dann ist aber wirklich Schluß!“ Innere Monologe wie diesen kennen viele Schokoladenliebhaber. Der ursprüngliche Beschluß, es bei einem Stück zu belassen, hat eigentlich gute Gründe („Eine Tafel = 500 Kalorien = 40 Minuten Joggen“), und doch läßt der Heißhunger auf Süßes, die Lust am Stimulieren der Geschmacksknospen, den guten Vorsatz vergessen. Am Ende stehen schokoladenbekrümeltes Stanniolpapier und der feste Vorsatz, das nächste Mal am besten erst gar nicht anzufangen. Oder wenn doch, dann wirklich nur ein einziges Stück zu nehmen.

          Haben wir hier nur nach gründlichem Abwägen der Argumente (Bauchspeck versus Schokogenuß) in einem Akt der Unabhängigkeit unsere Meinung revidiert? Oder hat schlicht der freie Wille versagt? Handelt es sich gar schon um einen Fall von Schokoladen-Sucht?

          Wo fängt die Sucht an?

          Schwer zu sagen, denn wo die Sucht anfängt, ist vor allem eine Definitionsfrage. Das weltweit gebräuchliche Diagnostik-Handbuch der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie zählt sieben Suchtmerkmale auf, von denen mindestens drei erfüllt sein müssen, ehe man von einer Substanz-Abhängigkeit sprechen kann. Dazu gehört, daß der Betroffene die Kontrolle über seinen Konsum verliert, ihn wider besseres Wissen und anderslautende Vorsätze steigert oder Schäden gesundheitlicher, finanzieller oder psychosozialer Art auftreten.

          So weit, so schwammig. Bleibt noch das vermeintlich harte Argument der Biologie, das auf die physiologischen Veränderungen und die daraus resultierenden körperlichen Entzugserscheinungen verweist, die verbotene Drogen wie Opiate, aber auch legale Suchtstoffe wie Alkohol und Nikotin verursachen. Zahllose Studien belegen in der Tat, wie diese Substanzen bei regelmäßiger Einnahme den Hirnstoffwechsel beeinträchtigen. Die feine Balance der zentralnervösen Botenstoffe und ihrer Rezeptoren, die sonst für ein ausgeglichenes Gemüt sorgt, stellt sich auf die Zufuhr der Droge ein und gerät völlig aus dem Gleichgewicht, sobald diese unterbrochen wird. Und schon der bloße Anblick der Droge aktiviert die Lustzentren im Gehirn eines Junkies.

          Eine Krankheit des Gehirns

          „Sucht ist eine Krankheit des Gehirns“, stellt das amerikanische Institut für Drogenmißbrauch denn auch - vermeintlich folgerichtig - fest. Der Süchtige stehe so unter der Fuchtel seiner neurochemischen Imbalance, daß ihm keine andere Wahl bleibe, als immer mehr von dem suchterzeugenden Stoff zu konsumieren. Doch ist das Durcheinander der Rezeptoren und Neurotransmitter wirklich die Ursache oder nur eine Begleiterscheinung der Sucht?

          Anfang der achtziger Jahre zeigte jedenfalls der Psychologe Bruce Alexander von der Simon-Fraser-Universität im kanadischen Vancouver, daß Ratten, die in einer artgerechten Umgebung ein angenehmes Leben führten, kein besonderes Interesse am Morphinrausch zeigten (siehe „Die Ratten des Dr. Alexander“). Die Fachwelt ignorierte die Studie, die in einem respektablen, aber kleinen Journal erschienen war, allerdings weitgehend. Seine Ergebnisse hätten damals einfach nicht in den wissenschaftlichen Mainstream gepaßt, vermutet Alexander, vor allem nicht seine Schlußfolgerung: „Abhängigkeit als direkte Folge von Drogenkonsum ist ein Mythos.“ Natürlich gehörten zur Sucht auch der angenehme Rausch und die unangenehmen Entzugserscheinungen. Doch das sei letztlich nicht entscheidend: „Menschen werden drogensüchtig, weil sie sich aufgrund ihrer Lebensumstände dafür entscheiden.“

          Kontrollverlust entscheidend?

          Für diese unerhörte These führt Alexander eine ganze Reihe von Belegen an. So experimentierte beispielsweise rund die Hälfte der amerikanischen Soldaten im Vietnam-Krieg mit Heroin; zwanzig Prozent wurden körperlich abhängig. Trotzdem blieb nach der Heimkehr nur etwa ein Prozent an der Nadel hängen. Viele andere Studien belegen, das selbst regelmäßiger Drogenkonsum nicht automatisch zu Drogensucht führen muß.

          Zumindest außerhalb der Vereinigten Staaten hat sich das Bild von der Sucht in den letzten Jahren so sehr gewandelt, daß Alexanders Ergebnisse bei Fachleuten heute gelassen aufgenommen werden. „Die Entzugserscheinungen bei Alexanders Ratten, aber auch bei den GIs, die die Droge wieder absetzten, sind eben noch lange nicht mit Sucht gleichzusetzen“, sagt der Tübinger Suchtforscher Jochen Wolffgramm. Das spiegele sich auch in den veränderten Suchtdefinitionen wider, die immer weniger auf die körperliche Abhängigkeit zielen, sondern immer mehr auf den Kontrollverlust und die eingeschränkte Wahlfreiheit.

          Ohne Wahlfreiheit keine Sucht

          In eigenen Tierexperimenten stellte Wolffgramm fest, daß es meist etliche Monate dauerte, bis Ratten, denen er die Wahl zwischen reinem und mit Alkohol oder Opiaten versetztem Wasser anbot, von maßvollem Konsum in unkontrolliertes Suchtverhalten abrutschten. Diese Tiere zeigten, ebenso wie Artgenossen, die zum Drogenkonsum gezwungen worden waren, bei anschließender Abstinenz körperliche Entzugserscheinungen.

          Als wirklich süchtig zählte Wolffgramm aber nur jene Tiere, die sich nach einer längeren Abstinenzphase auch von dem Bitterstoff Chinin nicht den Drogenkonsum vergällen ließen. „Und das sind nur jene Tiere, die ursprünglich die freie Wahl hatten und sich für die Droge entschieden hatten.“ Wahlfreiheit spiele eine entscheidende Rolle bei der Suchtentstehung, meint Wolffgramm: „Das geht so weit, daß der Anteil süchtiger Ratten zunimmt, je mehr unterschiedlich verdünnte Alkohollösungen wir ihnen anbieten.“

          Gedächtnis für die Sucht

          Der Neurobiologe erklärt diese paradoxe Beobachtung mit dem Modell des Suchtgedächtnisses. Vergleichbar mit der klassischen Konditionierung in einer sogenannten Skinnerbox, lernt der Süchtige, den angenehmen Rausch mit dem Drogenkonsum und vielen anderen damit verbundenen Reizen, etwa dem Geruch einer Kneipe, zu verbinden. Erst die Vermengung von Reizen im Suchtgedächtnis führt demnach zur psychologischen Abhängigkeit, in der die Freiheit, sich für oder wider die Droge zu entscheiden, stark eingeschränkt wird.

          Entscheidend sei aber die Wahlfreiheit in der prägenden Phase, meint Wolffgramm. Das sehe man auch daran, daß Schmerzpatienten, die sich mit einer Dosiermaschine selbst Morphin verabreichen können, sehr viel häufiger süchtig würden, als wenn der Arzt das Schmerzmittel spritzt: „Die freie Entscheidung zur Droge führt zur Unfreiheit der Sucht.“

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