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Suchtverhalten : Aus freien Stücken in die Sucht

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Kontrollverlust entscheidend?

Für diese unerhörte These führt Alexander eine ganze Reihe von Belegen an. So experimentierte beispielsweise rund die Hälfte der amerikanischen Soldaten im Vietnam-Krieg mit Heroin; zwanzig Prozent wurden körperlich abhängig. Trotzdem blieb nach der Heimkehr nur etwa ein Prozent an der Nadel hängen. Viele andere Studien belegen, das selbst regelmäßiger Drogenkonsum nicht automatisch zu Drogensucht führen muß.

Zumindest außerhalb der Vereinigten Staaten hat sich das Bild von der Sucht in den letzten Jahren so sehr gewandelt, daß Alexanders Ergebnisse bei Fachleuten heute gelassen aufgenommen werden. „Die Entzugserscheinungen bei Alexanders Ratten, aber auch bei den GIs, die die Droge wieder absetzten, sind eben noch lange nicht mit Sucht gleichzusetzen“, sagt der Tübinger Suchtforscher Jochen Wolffgramm. Das spiegele sich auch in den veränderten Suchtdefinitionen wider, die immer weniger auf die körperliche Abhängigkeit zielen, sondern immer mehr auf den Kontrollverlust und die eingeschränkte Wahlfreiheit.

Ohne Wahlfreiheit keine Sucht

In eigenen Tierexperimenten stellte Wolffgramm fest, daß es meist etliche Monate dauerte, bis Ratten, denen er die Wahl zwischen reinem und mit Alkohol oder Opiaten versetztem Wasser anbot, von maßvollem Konsum in unkontrolliertes Suchtverhalten abrutschten. Diese Tiere zeigten, ebenso wie Artgenossen, die zum Drogenkonsum gezwungen worden waren, bei anschließender Abstinenz körperliche Entzugserscheinungen.

Als wirklich süchtig zählte Wolffgramm aber nur jene Tiere, die sich nach einer längeren Abstinenzphase auch von dem Bitterstoff Chinin nicht den Drogenkonsum vergällen ließen. „Und das sind nur jene Tiere, die ursprünglich die freie Wahl hatten und sich für die Droge entschieden hatten.“ Wahlfreiheit spiele eine entscheidende Rolle bei der Suchtentstehung, meint Wolffgramm: „Das geht so weit, daß der Anteil süchtiger Ratten zunimmt, je mehr unterschiedlich verdünnte Alkohollösungen wir ihnen anbieten.“

Gedächtnis für die Sucht

Der Neurobiologe erklärt diese paradoxe Beobachtung mit dem Modell des Suchtgedächtnisses. Vergleichbar mit der klassischen Konditionierung in einer sogenannten Skinnerbox, lernt der Süchtige, den angenehmen Rausch mit dem Drogenkonsum und vielen anderen damit verbundenen Reizen, etwa dem Geruch einer Kneipe, zu verbinden. Erst die Vermengung von Reizen im Suchtgedächtnis führt demnach zur psychologischen Abhängigkeit, in der die Freiheit, sich für oder wider die Droge zu entscheiden, stark eingeschränkt wird.

Entscheidend sei aber die Wahlfreiheit in der prägenden Phase, meint Wolffgramm. Das sehe man auch daran, daß Schmerzpatienten, die sich mit einer Dosiermaschine selbst Morphin verabreichen können, sehr viel häufiger süchtig würden, als wenn der Arzt das Schmerzmittel spritzt: „Die freie Entscheidung zur Droge führt zur Unfreiheit der Sucht.“

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