https://www.faz.net/-gwz-tndt

Stoffwechselmedikament : Noch so ein Diätwunder

In vino veritas: Die Resveratrol-Formel Bild:

Das große Fressen und die Pille danach: Ein amerikanischer Wissenschaftler behauptet, durch ein Stoffwechselmedikament die reuelose Völlerei möglich zu machen. Eine Pille, die den Stoffwechsel „normalisiert“.

          3 Min.

          Verzicht war gestern, es lebe der Genuß. „Wer weniger ißt, bleibt länger jung“, hieß es in der „Bild“-Zeitung von gestern, und kaum waren die gemischten Gefühle verarbeitet, die diese Meldung über die Hungerkur langlebiger Rhesusaffen im Primatenzentrum von Wisconsin zu wecken vermochte, da findet man in der britischen Wissenschaftszeitschrift „Nature“ von heute das dazu passende Wunder, das sich als Lösung des Diätendilemmas geradezu aufdrängt: Eine Pille, die dieselbe heilsame und lebensverlängernde Wirkung wie die Radikaldiät haben soll, aber eben das genußvolle Schlemmen ausdrücklich erlaubt. Völlereien ohne Reue. Ein Traum wird wahr, oder?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für den Hauptautor der „Nature“-Studie, David Sinclair von der Harvard Medical School, würde er das wohl in der Tat, denn Sinclair hat zeitig eine eigene Firma im benachbarten Cambridge gegründet, die den wissenschaftlichen Traum im Namenszug enthält: Sirtis Pharmaceuticals entwickelt und prüft Wirkstoffe, die gezielt die Wirkung der sogenannten Sirtuin-Gene beeinflußt.

          Die Lebenserwartung der Taufliege beeinflußt

          Dieser aus sieben bisher bekannten Einzelgenen bestehende Komplex greift mit den daraus gebildeten Enzymen - sogenannten Deacetylasen - auf ganz unterschiedliche und komplexe Weise in das Stoffwechselgeschehen, insbesondere in den Insulin-Haushalt, den Fettmetabolismus und in den programmierten Zelltod ein, was schon vor Jahren Hundertschaften von Experimentatoren weltweit auf den Geschmack gebracht hat.

          So weiß man inzwischen, daß die Funktion der „Sirt“-Gene zumindest bei der Hefe, der Taufliege und dem Fadenwurm tatsächlich die Lebenserwartung beeinflußt und diese bei entsprechender Behandlung sogar um ein- bis zwei Drittel zu verlängern vermag.

          Phänomen an Mäusen untersucht

          Als ein besonders vielversprechender Wirkstoff erwies sich dabei Resveratrol - jener Stoff aus der Weintraube, dem seit Jahren viele der heilsamen Kräfte des Rotweins zugeschrieben werden. Das „französische Paradox“, die Erfahrung, daß die Franzosen im Schnitt trotz üppiger Mahlzeiten gesünder altern, wird dem Fisch- und Olivenölkonsum, aber eben auch dem Weingenuß zugeschrieben.

          Vor einiger Zeit wollen Wissenschaftler mit Resveratrol bei Zebrafischen sogar eine Lebensverlängerung um sage und schreibe 59 Prozent erzielt haben. Nun also sind es David Sinclair und an die zwei Dutzend amerikanischer Kollegen, die das Phänomen an Mäusen untersucht haben.

          Unterschied in der Leber

          Sie bildeten mit einjährigen Labortieren, die damit im besten Alter gewesen waren, drei Gruppen, von denen die erste mit dem üblichen Futter ernährt wurde. Die anderen aus der zweiten und dritten Gruppe wurden für den Rest ihres Lebens mit kalorienreichen Mahlzeiten versorgt, deren Energie zu 60 Prozent aus Fett stammte. Bei den Mäusen aus der dritten Gruppe freilich gab man zu dem üppigen Mahl Resveratrol hinzu - Mengen, die „auf für Menschen konsumiertbare Konzentrationen hinauslaufen“.

          Wie sich zeigte, schlug das Resveratrol schon nach wenigen Wochen an: Die so behandelten Mäuse überlebten im Schnitt um ein Viertel Jahr länger. Sie wogen zwar genausoviel wie die anderen fettspeisenden Tiere, aber ihr Insulinspiegel im Blut, der Gehalt an Wachstumsfaktoren wie IGF-1, die das Diabetesrisiko anzeigen, lag quasi auf dem gleichen Niveau wie bei den Artgenossen, die mit einer Standarddiät gefüttert wurden (“Nature“ doi: 10.1038/nature05354).

          Besonders klar zutage trat der Unterschied in der Leber: Ein halbes Jahr nach Beginn des Experimentes war die Leber der übergewichtigen Mäuse ohne Resveratrol-Zugabe doppelt so groß wie die der behandelten Tiere. Die Leberzellen enthielten mehr Mitochondrien, der Stoffwechsel glich dem normalgewichtiger Mäuse und die Bewegungsleistungen im Laufrad waren den der anderen fettleibigen Mäuse weit überlegen.

          Als lebensverlängernde Wunderdroge längst etabliert

          Alles in allem also Ergebnisse, die wirklich fast wundersam wirken. Und doch wird gewarnt, auch von den Forschern selbst: Weder sei die Wirksamkeit des Mittels beim Menschen damit nachgewiesen, noch wisse man überhaupt, welche Rolle der genetische Hintergrund der Labortiere, der von dem des Menschen gravierend abweicht, spielt.

          Schließlich sei auch so gut wie nichts über die schädlichen Nebenwirkungen einer längeren Einnahme bekannt. Eine Bemerkung, die man auf dem grauen Resveratrol-Markt allerdings geflissentlich überhören dürfte. Denn in amerikanischen Geschäften und in Internetshops hat sich das Resveratrol als lebensverlängernde Wunderdroge, längst etabliert.

          Weitere Themen

          Die angeknackste Psyche der Jugend

          Wie viele Kinder leiden? : Die angeknackste Psyche der Jugend

          Warum sind in Deutschland doppelt so viele junge Menschen depressiv wie im Rest Europas? Eine große Studie legt das nahe. Doch die Statistik ist trügerisch, was nicht zuletzt auch an den Ärzten liegt.

          Klimawandel vom All aus sichtbar Video-Seite öffnen

          Astronaut bestätigt : Klimawandel vom All aus sichtbar

          Esa-Astronaut Luca Parmitano bestätigt, dass der Klimawandel für ihn sichtbar sei. Da passt es gut, dass die Klimakämpferin Greta Thunberg vom Time Magazin zur Person des Jahres gekürt wurde.

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.
          Wenn als Kind Traumata erlebt werden, kann dies zu epigenetischen Veränderungen führen, die Depressionen hervorrufen.

          Wie viele Kinder leiden? : Die angeknackste Psyche der Jugend

          Warum sind in Deutschland doppelt so viele junge Menschen depressiv wie im Rest Europas? Eine große Studie legt das nahe. Doch die Statistik ist trügerisch, was nicht zuletzt auch an den Ärzten liegt.
          Das nächste „große Ding“? Auch IBM forscht im Bundesstaat New York an Quantencomputern.

          Bahnbrechende Technologie : Im Quantenfieber

          Unternehmen treiben die Quantentechnologie voran – nicht nur mit Computern, die Unglaubliches leisten. Thales aus Frankreich will Vorreiter sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.