https://www.faz.net/-gwz-yj7d

Stimmungsschwankungen : Eine Kindheit voller Selbstzweifel

  • -Aktualisiert am

Ein Auf und Ab der Gefühle: Kinder mit Stimmungswechseln brauchen neue Therapien Bild: dapd

In Amerika hält man Kinder mit starken Stimmungsschwankungen für manisch-depressiv. Die erste deutsche Langzeitstudie zeigt nun, dass diese Diagnose nicht generell zutrifft. Gefährdet sind die Kinder trotzdem: Wer mit acht Jahren unter Wutausbrüchen und Angst leidet, meistert mit neunzehn das Leben nicht.

          Das amerikanische Kinderbuch „Brandon und der bipolare Bär“ hat zwei Helden – einen Jungen im Grundschulalter und seinen Psychiater. Der kleine Brandon leidet unter Schlafstörungen und abrupten Stimmungswechseln. Täglich schwankt er mehrfach zwischen Wutausbrüchen und Rückzug, Hochgefühl und Verzweiflung. „Brandon“, sagt der nette Arzt Dr. Samuel, „ich muss dir etwas sagen. Du hast eine bipolare Störung.“ Das werde es schwer machen, gut in der Schule zu sein, Freunde kennenzulernen und mit sich selbst zufrieden zu sein, erklärt Dr. Samuel. Brandon muss in diesem Moment seinen Teddy fest umklammern, um die Tränen zurückhalten zu können. Doch Dr. Samuel kennt Trost. Medikamente und Therapie sollen Brandon helfen. „Hör, zu Brandon“; sagt Dr. Samuel eindringlich. „Viele Kinder haben so wie du eine bipolare Störung – bestimmt eine Million Kinder.“

          Die Zielgruppe des Buches sind Kinder zwischen vier und elf Jahren. Die Geschichte soll ihnen helfen, mit ihrer manisch-depressiven Erkrankung zurechtzukommen. In den Vereinigten Staaten ist die Diagnose „bipolar“ – auch als „manisch-depressiv“ bekannt – bei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter so weit verbreitet, dass Kinderbücher und Elternratgeber inzwischen ein großes Publikum finden. Bis zu zwanzig Prozent aller Kinder, die in den psychiatrischen Praxen Amerikas vorgestellt werden, erhalten heute die Diagnose „bipolar“. Europäische Ärzte blieben lange skeptisch. Hier gilt noch die Übereinkunft, dass die klassische bipolare Störung – mit manischen und depressiven Phasen, mit Größenideen, Gedankenrasen und Enthemmtheit – frühestens nach der Pubertät auftritt.

          Wutausbrüche, Schlafstörungen, Angst

          „Typisch für die Kinder, die in den Vereinigten Staaten die Diagnose bipolare Störung erhalten, sind starke Stimmungsschwankungen, Angst, Agitiertheit, depressive Verstimmungen, Unruhe, Unaufmerksamkeit, Schlafstörungen, sexuell entgrenztes Verhalten und Wutausbrüche“, sagt Martin Holtmann, der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Hamm. Psychiater identifizieren betroffene Kinder mit Hilfe der „Child Behavior Checklist“, einem etablierten Screeninginstrument in Form eines Fragebogens, der Verhaltenscharakteristika erfasst.

          „Unsere Hypothese ist, dass wir Kinder mit genau diesem Störungsbild auch in Deutschland häufig sehen, sie aber schlicht nicht ,bipolar‘ nennen“, sagt Holtmann. Stattdessen werden etwa die Begriffe „ADHS plus“ oder „kompliziertes ADHS“ häufig gebraucht. „Damit soll verdeutlicht werden, dass die Symptomatik dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ähnelt, aber durch extreme Reizbarkeit und Aggressivität verkompliziert wird“, so Holtmann. Daneben wird der Begriff „affektive Dysregulation“ verwendet. Ebenso wie „ADHS plus“ ist er keine offiziell anerkannte Diagnose, sondern eine Bezeichnung für das anhand der Checkliste erkennbare Verhaltensprofil der Kinder.

          Drogenkarrieren und Selbstmordversuche im Jugendalter

          Holtmann legte jetzt die erste deutsche Langzeitstudie zum Thema vor. Sie zeigt, wie sich Kinder entwickeln, die im Alter von acht Jahren in Amerika als bipolar diagnostiziert worden wären – also Kinder mit einem „ADHS plus“. Für seine im „Journal of Child Psychology and Psychiatry“ veröffentlichte Untersuchung griff Holtmann auf Daten einer Langzeitbeobachtung von mehr als dreihundert Kindern von der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter zurück, ein Projekt des Instituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Holtmann identifizierte die Kinder, die im Alter von acht Jahren das Profil der affektiven Dysregulation zeigten, und ermittelte, wie diese Gruppe im Alter von 19 Jahren in diversen Tests abschnitt, mit denen psychiatrische Erkrankungen und das allgemeine Funktionsniveau erkannt werden können. „Keines der Kinder entwickelte eine bipolare Störung“, bilanziert Holtmann. Damit löst er zunächst einen Konflikt auf, der viele Ärzte und Psychologen in Deutschland umtreibt, die sich fragen, ob sie manchen Kindern nicht wichtige Therapien vorenthalten, wie sie in den Vereinigten Staaten längst üblich sind.

          Doch die Entwarnung ist nur vorläufig. Die Kindern, bei denen Holtmann ein „ADHS plus“ ausmachte, sind dennoch eine Hochrisikogruppe. „Sie werden zwar nicht manisch-depressiv, aber die Fälle nehmen einen ganz schweren psychopathologischen Verlauf“, sagt Holtmann. Bei den Neunzehnjährigen fand er massiven Alkoholkonsum, beginnende Drogenkarrieren und eine hohe Suizidalität.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht?

          Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

          Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die geschlossen werden müssen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.