https://www.faz.net/-gwz-xwip

Stammzellforschung : Im Labyrinth der ewigen Jugend

Eine Kolonie von induzierten pluripotenten Stammzellen aus einem Labor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster Bild: Jeonng Beom Kim/MPI für molekulare Biomedizin, Münster

Immer weniger Ingredienzien sind notwendig, um Zellen zu verjüngen. Und nach den Fortschritten bei den induzierten pluripotenten Zellen gelingt mittlerweile sogar die direkte Umwandlung von Körperzellen verschiedener Art. Und doch: Embryonale Stammzellen sind deshalb noch lange nicht out.

          Es hätte ein elegantes Ende werden können, eines mit moralischen Pauken und biopolitischen Trompeten. Daraus ist vorerst nichts geworden. Am Ende des größten europäischen Forschungsprojektes zur embryonalen Stammzellforschung, nach fünf Jahren „EStools“ und zwölf Millionen Euro Unterstützung aus Brüssel, stand nicht, wie einige biopolitische Auguren insgeheim vielleicht gehofft hatten, das Ende der umstrittenen Zellforschung - auch nicht die Ankündigung desselben. Nein, die embryonalen Stammzellen kommen aus der aktuellen Diskussion um den richtigen Weg in die regenerative Medizin durchaus gestärkt heraus.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein Auslaufmodell jedenfalls sind sie ganz bestimmt nicht. Und wenn sich die Dinge weiterentwickeln, wie es jetzt in Lissabon auf dem EStools-Abschlusssymposion vielfach skizziert wurde, könnten die alternativen Hoffnungsträger der bioethischen Zunft - die „induzierten“, mit künstlich verjüngten Körperzellen hergestellten iPS-Zellen - aus der momentanen Umbruchphase durchaus als dritte Wahl hervorgehen - und damit als die ersten Verlierer.

          Wozu noch embryonale Stammzellen?

          „Benötigen wir weiterhin embryonale Stammzellen des Menschen?“ Die Frage, die über der Veranstaltung in den Hallen der Lissabonner Gulbenkian-Stiftung stand und auch so im Ethik-Arbeitskreis schlussendlich formuliert wurde, war von erfreulicher Klarheit. Es ist die Frage, die derzeit fast alle auf dem Gebiet umtreibt. Forscher und Ethiker ebenso wie Politiker. Seitdem vor drei Jahren Shinya Yamanaka und seine jungen Mitarbeiter an der Universität in Kyoto gezeigt hatten, dass man durch das einfache Einschleusen von vier Reprogrammiergenen praktisch aus jeder beliebigen Hautzelle pluripotente Zellen erzeugen kann - Zellen also, die man in der Petrischale praktisch unbegrenzt vermehren und in jeden gewünschten Zelltyp umwandeln kann -, steht die Frage nach der Ablösung der ebenfalls pluripotenten, aber ethisch umstrittenen - weil aus frühen Entwicklungsstadien des Menschen gewonnenen embryonalen Stammzellen - im Raum. Wozu sollte man sie noch benötigen, wenn das große Wunder des unerschöpflichen Gewebeersatzes viel weniger fragwürdig zu erzielen ist? Wenn man keine hundert Zellen großen Keimbläschen zerstören muss, sondern einfach körpereigene Haut- oder Fettzellen in den Jungbrunnen der Biomediziner gibt?

          Indizierte pluripotente Stammzellen, die von der japanischen Forschungsgruppe um Shina Yamanaka reprogrammiert  wurden.

          Freilich, die Sache ist komplizierter als gedacht - und sie wird offenbar immer komplizierter. Die wesentlichen Gründe dafür sind in einem Arbeitspapier, das vom Chefethiker von EStools, Göran Hermerén von der Lund-Universität, und seiner Kollegin Kristina Hug ausgearbeitet und in Lissabon verteilt worden war, sorgfältig aufgelistet. Immer wieder taucht dabei die Formel auf: Wir wissen einfach noch zu wenig über die Vorzüge und Nachteile der neuen iPS-Zellen, verglichen mit den erstmals 1998 etablierten embryonalen Stammzellen. Was die avisierte medizinische Sicherheit angeht, also die Gefahr von unkontrolliertem Wachstum, was die Effektivität der Zellvermehrung und Gewebebildung angeht, was ihr entwicklungsbiologisches Potential und damit ihre „moralischen Unterschiede“ im Hinblick auf embryonale Eigenschaften angeht und was schließlich ihre unter Umständen fragwürdige Nutzung als Rohstoff für künstliche Ei- und Samenzellen angeht, bleiben die Bioethiker von EStools unentschieden.

          Weitere Themen

          Fördert schlechte Luft psychische Erkrankungen?

          Smog und Psyche : Fördert schlechte Luft psychische Erkrankungen?

          Smog hat offenbar einen stärkeren Einfluss auf die Psyche als gedacht und verursacht psychische und neurologische Erkrankungen. Das zeigt eine amerikanische Studie, die Gesundheitsdaten aus den Vereinigten Staaten und Dänemark ausgewertet hat. Doch es gibt Zweifel an den Ergebnissen.

          Topmeldungen

          Ziel geopolitischer Interessen : Die Tragödie der Arktis

          Je schneller das Eis in der Arktis schmilzt, desto größer werden die konkurrierenden Begehrlichkeiten. Man kann an diesem Theater ablesen, wie sich die politischen Interessen verschoben haben.

          Ringen um den Brexit-Deal : Macron erwartet von Johnson neue Erklärungen

          Berlin und London haben im Streit über den britischen EU-Austritt Gesprächsbereitschaft signalisiert. Für Frankreich sei eine Neuverhandlung des EU-Austritts auf der Grundlage der bisherigen Vorschläge von Johnson jedoch „keine Option“, sagt Macron.

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
          Glück im Spiel, Pech an der Börse? Gamer auf der Gamescom in Köln

          Gamescom : Gamer haben an der Börse keinen Spaß

          Das vergangene Jahr war für viele Entwicklerfirmen ein schlechtes Jahr. Das lag vor allem an einem Spiel. Warum Analysten trotzdem weiterhin auf die Gaming-Papiere setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.