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Stammzellenforschung : Regeneration im Ohr

  • -Aktualisiert am

Haarzellen im Innenohr, aufgenommen mit einem Rasterelektronenmikroskop Bild: Deutsches Museum, München

Stammzellen können angeblich alles. Auch taube Ohren kurieren? In der Theorie schon. Doch in der Praxis bleibt noch einiges zu tun. Stefan Heller versucht in seinem Stanforder Labor, Hörsinneszellen zu regenerieren.

          6 Min.

          Ein leises Gurgeln erfüllt das Büro von Stefan Heller. Das Aquarium in der Ecke schimmert bläulich. Eine Seeanemone wiegt sich darin, ein paar Bärblinge schwimmen umher - stumme Anschauungsobjekte, die den Biologen immer wieder daran erinnern, warum er an die Stanford University gekommen ist. "Fische, Anemonen, selbst ganz einfache Tiere besitzen schon Haarsinneszellen", sagt er. Das sind die gleichen Zellen, die beim Menschen in der Gehörschnecke sitzen und das Hören erst möglich machen. Was Heller einfach nicht in den Kopf will: "Bei 99 Prozent aller Tierarten werden diese Zellen ständig erneuert - nur nicht bei Säugetieren."

          An die 150 000 Haarsinneszellen besitzt der Mensch. Im Corti-Organ des Ohrs sorgen sie dafür, dass Schallwellen in elektrische Impulse verwandelt und zum Gehirn weitergeleitet werden. Die meisten erblichen oder erworbenen Hörschäden beruhen auf dem Verlust dieser Zellen. Eines von tausend Kindern wird schon mit einem solchen Defekt geboren. Ebenso viele verlieren ihr Gehör noch vor dem Erwachsenwerden durch Infektionen oder Unfälle. Zudem zeigen etwa ein Drittel aller Menschen über 65 schwerwiegende Hörschäden. Und es werden mehr - nicht zuletzt durch die steigende Lärmbelastung. Warum sollte es prinzipiell unmöglich sein, ihren Gehörsinn wiederherzustellen, wenn die verantwortlichen Sinneszellen doch im Tierreich immer wieder sprießen?

          Die molekulare Basis des Hörens liegt im Dunkeln

          Stefan Heller hätte zu Studienzeiten nie daran gedacht, dass er sich mal mit dem Ohr beschäftigen würde. Nach seiner Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt wusste er nicht einmal, welchem Thema er sich künftig widmen sollte. Also nahm er sich ein neurobiologisches Lehrbuch vor und strich alle Themen an, die ihn spontan interessierten. Daraus entstand eine Liste von 16 Arbeitsgruppen, die Heller anschließend wie ein Zimmermann auf Wanderschaft abklapperte. Begeisterung, nach der er suchte, fand er dann im Labor von Albert Hudspeth an der Rockefeller University in New York. Dort stieß er zwar auf ein vernachlässigtes, weil mühsam zu bearbeitendes Forschungsgebiet; die technischen Möglichkeiten zur molekularbiologischen Untersuchung des komplizierten Hörorgans fehlten in den neunziger Jahren noch. Doch Heller ließ sich nicht abschrecken.

          "Ich musste anfangs alles selber machen", erinnert er sich. Zwei Jahre lang übte er erst einmal, sensorisches Gewebe aus dem Ohr von Versuchsmäusen zu präparieren. Schließlich konnte Heller in der Zellmembran tatsächlich eine Reihe von sogenannten Kanalproteinen finden, die am Transport von Ionen, also an der Entstehung eines elektrischen Impulses beteiligt sind. Aber das entscheidende Molekül haben weder Heller noch andere Forscher bislang entdecken können. "Das heißt, die molekulare Basis des Hörens liegt immer noch komplett im Dunkeln", sagt Heller und schüttelt den Kopf.

          Warum sollte eine Regeneration unmöglich sein

          Trotzdem sprach sich bald herum, dass Heller technische Fähigkeiten entwickelt hatte, mit denen sich das Dunkel vielleicht etwas lichten ließ. Die Harvard Medical School bot ihm ein Labor an. Dort wurde Heller zum ersten Mal mit den klinischen Folgen des Verlustes von Haarsinneszellen konfrontiert. Doch anders als die Mediziner, die sich mit der Unwiederbringlichkeit verlorener Zellen offenbar abgefunden hatten, wollte der Biologe nicht akzeptieren, dass eine Regeneration von Hörsinneszellen nicht möglich sein sollte.

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