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Stammzellenforschung : Ethischer Spießrutenlauf

Gibt es einen ethischen Königsweg in der Stammzellenforschung? Bild: ASSOCIATED PRESS

Ob Reprogrammierung, die „schonende“ Herstellung oder das Klonieren von embryonalen Stammzellen: Die Bioethik droht die Forschung und die gesamte Biomedizin lahmzulegen, wenn sie sich nicht an der Realität misst.

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          Das neue Jahr hat in der Stammzellforschung begonnen, wie das alte zu Ende ging: mit ansehnlichen Fortschritten, die, kaum dass sie öffentlich bekanntgemacht worden sind, umgehend einer bioethischen Reinheitsprüfung unterworfen und entsprechend gewürdigt oder getadelt werden. Was ein Durchbruch ist, bestimmt die Ethik. Sie definiert, was richtig und gut ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch es zeigt sich auch: Mit ihren Vorstellungen darüber, wo diese Grenzen moralischer Zumutbarkeit liegen, wo die Schwelle zur Verletzung ethischer Normen überschritten wird, gerät die Bioethik selbst an Grenzen. Sie muss sich, je mehr die universale Verfügbarkeit der Zellen und Organe durch die Biotechnik Realität wird, zunehmend in ihrer Phantasie selbst begrenzen, will sie nicht die gesamte Biomedizin lahmlegen. Vergleichsweise einfach scheint die bioethische Einordnung bei den Experimenten, über die Robert Lanza von der Firma ACT in Worcester (Massachusetts) vor wenigen Tagen in der Zeitschrift „Cell Stem Cell“ berichtete.

          Stammzellen ohne die Zerstörung von Embryonen

          Die amerikanischen Wissenschaftler hatten eine im Jahr 2006 veröffentlichte und damals stark kritisierte Studie zur „schonenden“ Herstellung von embryonalen Stammzellen etwas abgewandelt. Es ging darum, aus menschlichen Embryonen im Achtzellstadium ähnlich wie bei der Präimplantationsdiagnostik eine Zelle zu entnehmen, ohne damit den Embryo zu zerstören, und in der Petrischale aus der Einzelzelle beliebig vermehr- und wandelbare – pluripotente – Stammzellen herzustellen.

          In den ersten Experimenten ist Lanza aber den Beweis schuldig geblieben, dass die übriggebliebenen Embryonen tatsächlich weitergedeihen. Das hat er jetzt nachgeholt. Die Embryonen, denen eine Zelle entnommen worden war, wuchsen in der Petrischale ohne äußere Schäden bis zur Blastozyste heran. Lanzas Team räumte sogar einige Bedenken hinsichtlich der Kultivierung der so gewonnenen Stammzellen aus und schaffte es, durch Zugabe des Glykoproteins Laminin, die Ausbeute an kultivierbaren Zelllinien in der Petrischale von 2 auf mindestens 20 Prozent zu steigern. Denkbar wäre also, wenn sich das Verfahren etablieren ließe, dass künftig embryonale Stammzellen verfügbar sind, die ohne die Zerstörung von Embryonen erzeugt worden sind.

          Embryozellen durch Klonierung?

          Doch einen bioethischen Freispruch wird es hierzulande nicht so leicht geben. Denn das hiesige Embryonenschutzgesetz untersagt bereits die Entnahme von Einzelzellen und damit die Teilung des Embryos. Die Erzeugung eines Embryos darf ausschließlich zur Herbeiführung einer Schwangerschaft bestimmt sein. Schließlich ist jeder Versuch, durch Teilung des Embryos dessen Vervielfältigung – das Klonen – zu ermöglichen, strikt untersagt. Die Klonierung freilich nennt Lanza als ultimatives Ziel der schonenden Embryozellen-Erzeugung. Zwar nicht unbedingt die Erschaffung eines zweiten Menschen, sondern ausschließlich die spätere Nutzung der Stammzellen als körpereigener Gewebe- und Organersatz. Aber egal wie, mit den hierzulande gültigen Regelungen ist das ein bioethisches Unding.

          Eindeutig auf der anderen Seite des ethischen Grabens hat man demgegenüber die induzierten Stammzellen, kurz iPS, positioniert. Sie sind neben den adulten, aus normalem Körpergewebe gewonnenen Stammzellen die wirklichen Hoffnungsträger. Für die „ethisch unproblematischen“ Zellen legten sich nach deren Bekanntwerden sogar radikale Stammzellkritiker in allen politischen Lagern und in den Kirchen ins Zeug. IPS sind pluripotente Stammzellen, die durch genetische Reprogrammierung erzeugt werden und eine Art Verjüngung bewirken – mit einem womöglich vergleichbaren Potential für eine „Zellrohstoffquelle“ wie embryonale Stammzellen.

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