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Stammzellenforschung : Es gibt noch keinen Sieger

Der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle Bild: dpa

In Harvard hat man dutzendweise gewöhnliche Körperzellen von Kranken zu Stammzellen reprogrammiert. Eine neue Biobank entsteht. Werden embryonale Stammzellen bald überflüssig? Ein Gespräch mit dem Bonner Neuropathologen Oliver Brüstle.

          Für die einen ist es die Geburt eines neuen Gebietes innerhalb der ohnehin schon schöpfungsreichen Stammzellforschung, für Oliver Brüstle bleibt es zunächst eine „hochinteressante Entwicklung in der Krankheitsforschung“: Vor wenigen Tagen haben Wissenschaftler des Harvard Stem Cell Institute in zwei aufeinander folgenden Publikationen bekanntgegeben, dass sie zwanzig Zellkulturlinien mit induzierten - gentechnisch reprogrammierten - Stammzellen (iPS) etabliert haben, die gezielt aus den Hautzellen oder in einem Fall aus Knochenmarkzellen kranker Menschen erzeugt wurden. Zehn völlig unterschiedliche Leiden, von „Down-Syndrom“ und Muskeldystrophie bis zu Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und Diabetes Typ 1, werden somit in Gestalt pluripotenter - das heißt prinzipiell beliebig wandel- und vermehrbarer - Stammzellen verfügbar.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Im Grunde ist diese Entwicklung nach zuletzt reihenweise bekanntgewordenen Fortschritten in der Reprogrammierung von Körperzellen keine Überraschung mehr. Aber die Aufmerksamkeit konzentrierte sich bislang stark darauf, die Reprogrammierung ohne Gentransfer durch Viren und das damit verbundene Tumorrisiko zu verfeinern. Brüstle, dessen Labor im „Life and Brain Center“ an der Bonner Universitätsklinik inzwischen neben den embryonalen Stammzellen auch iPS Zellen ins Forschungsprogramm aufgenommen hat, rechnet in dieser Hinsicht tatsächlich mit weiteren Großtaten: „In den kommenden zwölf Monaten ist viel zu erwarten, was die Verfeinerung der iPS-Technik betrifft.“

          Harvards Biobank

          Dennoch mahnt Brüstle zur Zurückhaltung, wenn es um die Herstellung der neuen Rohware als Therapiemittel geht. „Bis es so weit ist, müssen wir noch sehr viel mehr über die Veränderungen durch die Reprogrammierung wissen.“ Das gelte in gleicher Weise für die neuen, in der Zeitschrift „Cell“ von George Daleys Gruppe und in „Science“ von Kevin Eggan publizierten krankheitsspezifischen iPS-Zellen aus Harvard.

          Immer wieder, speziell auch in den hiesigen politischen Debatten, war die Herstellung von Stammzellen, die als Rohstoff für die Erforschung schwerer Krankheiten in der Kulturschale dienen können, als ein wichtiges Argument für die Fortsetzung der embryonalen Stammzellforschung vorgebracht worden. Tatsächlich gibt es weltweit schon zahlreiche, durch Präimplantationsdiagnostik in Reproduktionskliniken gewonnene embryonale Stammzelllinien. Doch wie lange wird sich diese vergleichsweise umständliche und längst nicht für jede gewünschte Krankheit anwendbare Gewinnung lohnen, wenn jetzt statt der umstrittenen Embryonenzellen die moralisch (noch) unbelasteten Kunststammzellen aus der Haut oder anderen Geweben zur Verfügung stehen? Daley kündigte jedenfalls an, dass man in Harvard, in einer eigens dafür errichteten Biobank, 50 bis 200 krankheitsspezifische Stammzelllinien pro Jahr erzeugen will. Das hält Brüstle auf lange Sicht für „absolut sinnvoll“.

          Noch keine Festlegung

          Vor allem, wenn es um das Verständnis von komplexen Krankheiten geht, bei denen gleich mehrere Gene beteiligt sind, hätten die Stammzellen, die man schon nach wenigen Wochen aus dem Zellmaterial des einzelnen Patienten erzeugen und entsprechend gezielt studieren kann, ein großes Potential. „Man kann die Krankheit mit dem gesamten genetischen Hintergrund von den ersten Stadien an studieren, wenn aus den Stammzellen etwa bei ALS differenzierte Motoneurone werden.“

          Aber der Bonner Stammzellforscher hält es für verfrüht, die induzierten Stammzellen schon als Sieger oder gar als Ablösung im Wettstreit mit den embryonalen Stammzellen zu erklären. „Wir können uns noch nicht festlegen. Wir wissen noch gar nicht, welche Veränderungen im Einzelnen bei der Umwandlung der Zellen bei den beiden Verfahren auftreten“, sagt Brüstle. Ähnlich wie sein japanischer Kollege Takashi Tada, der in „Cell Stem Cell“ soeben einen durchaus optimistischen Ausblick für virus- und damit gentechnikfreie iPS-Kulturen veröffentlicht hat, weist Brüstle auf die „Black Box“ der Zellprogrammierung hin. Welche zusätzlichen Genveränderungen - verglichen mit „frischen“ Embryonalzellen - auftreten, wenn möglicherweise jahrzehntealte Hautzellen reprogrammiert werden, und wie sich dieses „Rauschen im System“ auf die Stammzellen und ihre Differenzierung in der Retorte auswirke, sei noch völlig unklar.

          Ungeachtet dessen lässt die rasante Entwicklung mit den iPS-Zellen auch hierzulande neue Initiativen gedeihen. Eine zentrale, womöglich auch kommerzielle Stammzellbank wie in Harvard hält Brüstle zwar für unwahrscheinlich. Aber er deutet an, dass neue Forschungskonsortien mit Einrichtungen in verschiedenen, auf Cluster verteilten Zentren in Europa im Aufbau sind. „Das Feld entwickelt sich stark von unten“, sagt Brüstle, „was sich darin zeigt, dass immer mehr Forscher einsteigen.“

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