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Spracherwerb bei Kindern : Zwei Sprachen, ein Gedächtnis

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Rosa und Stefan haben die beiden Sprachen konsequent unter sich aufgeteilt. Für Louis war schnell klar: Wenn ich mit Mama sprechen möchte, dann auf spanisch, mit Papa besser deutsch. In Fachkreisen ist dies eine anerkannte Strategie, um Kindern die Orientierung zu erleichtern. „Darüber hinaus braucht man aber sehr individuelle Strategien, um diejenige Sprache zu erhalten, die im Umfeld der Familie nicht dominiert“, gibt Jannis Androutsopoulos von der Universität Hannover zu bedenken. Bei Louis ist Deutsch die dominierende Sprache, in der er sich beispielsweise auf dem Spielplatz oder in der Spielgruppe verständigen muß. „Wenn wir zu dritt zu Hause sind, sprechen wir deshalb zum Ausgleich immer Spanisch“, sagt Stefan. Zusätzlich sollen ein spanischer Spielkreis und regelmäßige Besuche bei den Großeltern dabei helfen, daß für Louis beide Sprachen gleich wichtig bleiben.

Im Moment sieht es ganz so aus, als ob diese Strategie aufgeht. Louis spricht seine ersten Sätze und wechselt dabei spielend zwischen Deutsch und Spanisch hin und her. Daß es ihm derart leichtfällt, die Sprachen auseinanderzuhalten, ist kaum verwunderlich. „Wenn Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr eine zweite Sprache dazulernen, benutzt das Gehirn dafür Netzwerke, welche schon für die Muttersprache angelegt wurden“, sagt Rita Franceschini von der Universität Bozen. Das macht es Zweisprachigen besonders leicht, von einer Sprache in die andere zu wechseln. Schon vom dritten Lebensjahr an beginnt sich das Zeitfenster für müheloses Sprachenlernen allerdings zu schließen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren wie der funktionalen Kernspintomographie zeigt sich, daß dann vermehrt auch andere Teile des Gehirns zur Erzeugung und Verarbeitung von Sprache herangezogen werden.

Louis wird bald sogar eine dritte Sprache dazulernen, wenn er im Dezember in den Kindergarten kommt. Und zwar Englisch. Seine Eltern fragen sich da schon, ob das nicht doch ein bißchen viel ist. „Mehr Sprachen schaden nie, solange der Input gut ist“, sagt dazu Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim. Das setzt freilich voraus, daß die Kinder von authentischen Sprechern lernen, also am besten von Muttersprachlern mit einem sicheren Gefühl für die emotionalen und kulturellen Zwischentöne.

Am besten ohne Zwang

Bei seinem Englischunterricht im Kindergarten wird Louis sogar von seinen bereits erworbenen Sprachkenntnissen profitieren können. Die von den Kultusministern in Auftrag gegebene DESI-Studie zur Erfassung der sprachlichen Leistungen in Deutsch und Englisch zeigt unter anderem, daß Zweisprachige schneller auch noch Englisch dazulernen.

Und noch mehr Vorteile bietet das sprachtrainierte Gehirn: „In diesem sprachverarbeitenden Bereich des Gehirns liegen auch das Arbeitsgedächtnis und der Ort für Problemlösungen. Offenbar werden diese Areale durch das frühe Sprachenlernen mittrainiert“, sagt Rita Franceschini. Sie ließ zweisprachig aufgewachsene Probanden und solche mit nur einer Muttersprache Aufgaben lösen, wobei die Aufgabenstellung dauernd wechselte. Außerdem wurden die Versuchspersonen vorsätzlich abgelenkt. Unter diesen verschärften Bedingungen kamen die Zweisprachigen wesentlich besser zurecht und zeigten deutlich kürzere Reaktionszeiten.

Sind Eltern also generell gut beraten, wenn sie ihr Kind mehr als einer Sprache aussetzen? Fachleute raten für den Fall, daß man selber kein authentischer Sprecher einer Zweitsprache ist und auch nicht gerade im monatlichen Wechsel Au-pair-Mädchen aus aller Welt engagieren möchte, zu einem entspannten, zwanglosen Herangehen. Denn Sprachen lernen Kinder am besten mit Spaß.

Leidet die Intelligenz?

Frühe Mehrsprachigkeit ist in weiten Teilen der Welt die Regel. In den Industrienationen galt sie dagegen lange als unfein und der Entwicklung des Kindes abträglich. Die häufigsten Einwände lauteten:

- Zweisprachige Erziehung überfordert das Kind und führt zu einer verzögerten Entwicklung der einzelnen Sprachen. Tatsächlich verläuft die individuelle Sprachentwicklung bei Kindern generell sehr variabel. Bilinguale liegen im breiten Normbereich, spätestens im Kindergarten haben sie eventuelle Startschwierigkeiten überwunden.

- Die zweite Sprache macht dumm, denn sie beansprucht Gehirnschmalz, das anderweitig fehlt. Einige Studien aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schienen diese These auf den ersten Blick zu bestätigen. Sie wiesen bei näherem Hinsehen jedoch allesamt methodische Fehler auf, für die heute jeder Diplomand gerügt würde. Neuere Untersuchungen fanden dagegen keinen oder sogar einen positiven Zusammenhang zwischen Intelligenz und Zweisprachigkeit.

- Die Kinder reden Kauderwelsch. Tatsächlich vermischen bilingual aufgewachsene Kleinkinder häufig Elemente beider Sprachen. Sie lernen jedoch auch sehr bald, sich auf eine Sprache zu beschränken, wenn ihr Gegenüber nur diese beherrscht. (geru.)

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