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Sportwissenschaft : Muskelspiele

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Usain Bolt in Peking 2008 Bild: REUTERS

Mit ehrgeizigen Zielen gehen die Athleten der Olympischen Spiele an den Start. Aber auch die Sportwissenschaften suchen den Fortschritt. Worin besteht er?

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          Ist Gendoping schon weit verbreitet im Leistungssport?

           

          Vor acht Jahren hat die Weltantidopingagentur (Wada) die Möglichkeit, durch Gabe von fremden Genen, Zellen oder Wirkstoffen, die leistungsfördernde Erbanlagen aktivieren, das Potential von Sportlern zu optimieren, als „reale Gefahr“ identifiziert. Vor der Olympiade in Peking vor vier Jahren wurde über „Gendoping-Spiele“ spekuliert. Und jetzt, vier Jahre später? Wird wieder spekuliert. Was jedoch fehlt, ist ein positiver Nachweis. Der allerdings ist eher theoretischer Natur, denn nach wie vor sind die von der Wada akkreditierten Analyselabors noch nicht verpflichtet, spezielle Gendopingtests vorzunehmen. „Es gibt diese Forderung und auch neue Analyseverfahren, aber die Datenlage, aus der folgt, dass Gendoping verbreitet ist, ist für die Wada noch nicht ausreichend“, sagt Wilhelm Schänzer, Biochemiker und Leiter des Dopinglabors an der Sporthochschule Köln. Die biochemischen Grundlagen für routinefähige Standardtests müssten erst geschaffen werden. Für den Testbetrieb optimiert wird derzeit beispielsweise ein von Perikles Simon in Tübingen und Mainz entwickeltes und vor anderthalb Jahren präsentiertes Verfahren, sehr spezifische kurzkettige Ribonukleinsäuren - Abschnitte aus dem Genkonstrukt, das eingeschleust werden soll - nachzuweisen. Die Dopingjäger, sagt Schänzer, wollen effizient sein, deshalb konzentriere man sich derzeit weiter auf klassische Steroidhormone, Wachstumshormone und körpereigene Hormone (die alle übrigens auch direkt oder indirekt in Gennetzwerke intervenieren) - so etwa auf das Blutbildungshormon Erythropoietin Epo, das in diversen biochemischen - vermeintlich nicht nachweisbaren - Varianten erzeugt wird. „Die frage, ob das neue Gendoping wirklich wirksam ist, vermutet man derzeit nur“, so Schänzer, plausibel gezeigt wurde es aber ausschließlich in Tierexperimenten. Tatsächlich gibt es Dutzende Kandidaten. IGF-1, eine zentrale verbindung im Insulin-Stoffwechsel, wird als Dopingmittel vermutet - die Unterscheidung von körpereigenem zu künstlich zugeführtem IGF-1 ist jedoch bislang nicht möglich. Weiter entwickelt wurden in der Grundlagenforschung auch Signalstoffe aus der TGF-Beta-Gruppe.

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          Yohan Blake, jamaikanischer Sprinter: Sportwissenschaftler beschäftigen sich intensiv mit der Vorhersagbarkeit von Verletzungen vor einem Wettkampf : Bild: AFP

          Das berüchtigte Myostatin-Gen zählt in diesen Kreis, dessen Inaktivierung bei Mäusen zu einer Vervierfachung der Muskelmasse in kürzester Zeit geführt hatte. Japanische Forscher haben jetzt das komplexe Zusammenspiel von Clenbuterol, einem anabolen Doping-Klassiker, mit Myostatin und IGF während des Muskelwachstums im Körper identifiziert. (“Cell Biochem. Funct.“, doi: 10.1002/cbf.2848) Bei Gendoping agieren die Biochemiker heute mehr denn je im Grenzbereich von natürlichen zu künstlich forcierten Stoffwechselprozessen. Schänzer: „Der erste Schritt der Implementierung im Kontrollbereich ist noch nicht geschafft.“ (jom)

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