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Spielsucht : Klick um Klick ins Unglück

  • -Aktualisiert am

Virtuelle wie reale Kugeln können zur Sucht werden Bild: dpa

„Ich zock' online“ ist kein gutes Freizeitmotto. Denn Internetcasinos machen nicht nur arm, sondern oft auch krank. Psychologen suchen nach Wegen aus der Cyber-Spielsucht.

          6 Min.

          Regungslos starrt sie auf den Bildschirm. Zwinkern darf sie nicht. Morgens um vier hat das Stilleben „Madonna mit Laptop“ nur einen kleinen Fehler: Der rechte Zeigefinger bewegt sich. Im Sekundentakt hämmert er auf das Touchpad - und treibt Charlotte Bender (Name geändert) in den Ruin. „Ich lag im Bett und wußte schlagartig, auf welcher meiner 15 Kreditkarten wieder Geld war“, erzählt die ehemalige Dozentin einer Sprachschule. „Also stand ich auf und spielte.“ Eineinhalb Jahre lang, dann hatten die Onlinecasinos ihr 70000 Euro Schulden und die Privatinsolvenz gebracht.

          Was Charlotte spielen nennt, könnte eigentlich kaum öder sein. Kein Blackjack oder Roulette mit Klaviermusik, Croupier und gutgekleideten Mitspielern verleiht ihrem Spiel Flair. Charlotte hat sich ganz allein und zu Hause in das Automatenspiel verliebt.

          Bis zu 140 000 Spielsuchtgefährdete in Deutschland

          Das funktioniert im Internet seit Ende der neunziger Jahre wie in jedem normalen Casino auch: Man füttert den (virtuellen) Automaten mit Geld - meist über Kreditkarte oder Zahlungssysteme wie Neteller - und startet das Spiel. Freundliches Blinken, drei Walzen drehen sich, bleiben stehen. Dann ist das Geld meistens weg. „Falsch! Bang, bang, bang, dreimal die Sieben, Jackpot!“ Die achtunddreißigjährige Germanistin schlägt rhythmisch auf den Tisch. Ihr Aschenbecher wackelt, eine schwarze Strähne löst sich aus den hochgesteckten Haaren. Träume einer Spielsüchtigen.

          Bislang hieß es, 90 Prozent der pathologischen Spieler seien Männer. Nach den notorischen Daddeldaddys erreicht nun aber die Vorhut einer neuen Generation von Spielsüchtigen die Beratungsstellen: Besserverdiener beider Geschlechter mit Internetanschluß.

          Verläßliche Zahlen gibt es kaum. Das Marktforschungsinstitut Datamonitor schätzt, daß 2005 über 15 Millionen Menschen weltweit regelmäßig in Online-Casinos spielen werden. Wie viele süchtig werden, ist unklar. Das Jahrbuch Sucht 2005 geht von bis zu 140000 Spielsuchtgefährdeten in Deutschland aus, bezogen auf alle Formen des Glücksspiels. „Der Boom kommt erst noch. Denn das Stimulations- und Suchtpotential in diesen Online-Casinos ist enorm“, warnt Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht in Unna.

          Die Hemmschwelle fällt weg

          Bei ersten Demospielen liegen die Gewinnquoten oft bei irrealen 120 Prozent. Klassisches Anfixen. Gefährlich ist das virtuelle Hasardieren vor allem, weil es schnell, bargeldlos und jederzeit verfügbar ist. Einsatz, Spiel, Ergebnis folgen einander im Sekundentakt - je schneller der Finger klicken kann, um so höher die Stimulation, um so rascher der Rausch. „Das muß so schnell gehen, daß ich nicht mehr denken kann. Bis ich völlig weg bin“, erklärt Charlotte.

          Mit scheinbar virtuellem Geld spielt es sich in dieser hohen Frequenz zudem anders als mit Münzen und Scheinen. „Da steht der Zähler mal auf 9000 Euro plus und dann plötzlich irgendwie auf 2000 minus.“ Da macht man natürlich weiter. Theoretisch kann man sich den Gewinn ausbezahlen lassen, erhält dann einen Scheck aus Antigua oder auch Beirut; die meisten Online-Casinos haben dubiose Lizenzen. Und eine gemeine Sperrfrist: 48 Stunden lang muß man das Geld auf dem Casinokonto stehenlassen, bevor es ausbezahlt wird. „Und das hält sowieso kein echter Spieler aus“, weiß Charlotte.

          Was das Online-Zocken vor allem für Frauen attraktiv zu machen scheint, ist die ständige Verfügbarkeit in der Geborgenheit der eigenen vier Wände. Die Hemmschwelle, allein in Casinos oder Spielhöllen zu gehen, fällt damit weg.

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