https://www.faz.net/-gwz-870dx

Soziales System : Ihr Geld für einen Opernbus

  • -Aktualisiert am

Die Alte Oper am Frankfurter Opernplatz Bild: Frank Röth

Wie bringt man vermögende Kulturfreunde zum Spenden? Ein Feldexperiment mit drei Spendenaufrufen bringt die Antwort.

          Öffentliche Kulturangebote wie Museen, Theater oder zoologische Gärten sind chronisch unterfinanziert. Müssten sich etwa die Opernhäuser ausschließlich über ihre Eintrittspreise finanzieren, wäre ihr Besuch selbst für den typischen Opernliebhaber kaum bezahlbar. Eine allgemeine Grundversorgung mit Kultur gilt daher als Aufgabe der öffentlichen Hand, die diese Finanzierungslücke mit Mitteln aus dem allgemeinen Steueraufkommen schließt. Die Kritik an dieser Subventionspraxis ist groß, aber für das Gesamtsystem ohne erkennbare Folgen, da sie meist aus der Kultur selbst kommt und bei Berücksichtigung nur zu Umverteilung zwischen potentiellen Empfängern führte, deren Ansprüche wiederum nur von (subventionierten) Kulturschaffenden beurteilt werden könnten.

          Interessanter wird es, wenn sich Volkswirte mit dem Thema befassen und die Kulturfinanzierung als einen Markt begreifen, auf dem um Großzügigkeit gekämpft wird. Das Mittel dafür ist die Spende, deren Gegenwert etwa im Stolz auf den Verzicht auf eine gleichwertige und exklusive Entlohnung liegen kann. So kann sich eben jeder Zoobesucher an dem drolligen Jungtier erfreuen und nicht nur das Ehepaar Müller, das für seine Spende mit dem Titel „Löwen-Paten“ beschenkt wurde.

          Doch wie fördert man Großzügigkeit? Was wäre das optimale Design einer erfolgreichen Spendenkampagne?

          „Matching“ erhöht die Spendenbereitschaft

          Die Berliner Marktforscher Steffen Huck und Maja Adena haben zur Beantwortung dieser Frage ein Feldexperiment unternommen. Sie arbeiteten dafür mit der Frankfurter Oper zusammen, die sich 2014 bei ihren Besuchern um Hilfe für ihr Projekt einer Mitmach-Oper für Vorschulkinder bemühte, das gänzlich auf Spendenbasis funktionieren sollte. Die Autoren gingen dabei von der Annahme aus, dass menschliches Entscheidungsverhalten oft von Erwartungen an das Verhalten Dritter abhänge. Wie eben beim Spenden: Man würde schon etwas beitragen, aber man will nicht unbedingt der Erste und schon gar nicht der Einzige sein. Und man zweifelt, dass die eigene kleine Spende überhaupt einen Unterschied macht.

          Wohltätigkeitsorganisationen tragen dem gerne Rechnung, indem sie zunächst einen einzelnen Großspender gewinnen, der bereits eine beträchtliche Summe zugesichert hat. Diese stünde dem Projekt auf jeden Fall zur Verfügung, reiche aber allein noch nicht für dessen Realisierung. Als noch effektiver gilt das sogenannte Matching von Spenden: Es wird versprochen, dass jede Spende von dem bereits verpflichteten Großspender mit einem bestimmten Faktor multipliziert wird. Das Modell hat etwas von einer Wette, in der man die Großzügigkeit des Umworbenen mit dem bereits versprochenen Beitrag eines stärkeren Mitspielers ködern möchte. Es ließe sich auch als eine freiwillige Angleichung des Spendenwesens an das Grundprinzip der progressiven Besteuerung beschreiben - wer mehr hat, soll auch mehr spenden.

          So weit die Theorie. In der Praxis lässt sich beim Zaubertrick des Spenden-Matchings allerdings ein negativer Effekt beobachten, der vielleicht etwas mit der Magie der Multiplikation zu tun hat. Zwar erhöht Matching die Spendenbereitschaft, aber es verringert die Höhe der einzelnen Spenden. Diesem als „crowding out“ bekannten Phänomen ließe sich vorbeugen, so die Autoren, wenn man die potentiellen Spender ein wenig rechnen lässt und einfach zwei Töpfe aufstellt: Das aufstockende Geld des Großspenders ginge in diesem dritten Modell ausschließlich in ein weiteres Projekt, das ohne diese Mittel ebenfalls nicht zustande kommen könnte. Hier war das ein Opernbus, der Frankfurter Grundschulen besuchen würde.

          Welches der drei Modelle des Experiments war nun in der Praxis am erfolgreichsten?

          Wichtige Ergebnisse für Wohltätigskeitsorganisationen

          Die Oper schrieb 25.000 Personen an, die zu ihren regelmäßigen Besuchern zählten. Aus dem Anschreiben erfuhren sie von einem anonym bleibenden Großspender, der bereits 30.000 Euro zur Verfügung gestellt habe. Als Ergebnis der Kampagne gingen dann 447 Spenden in Höhe von 46.000 Euro ein. Um ihre drei Modelle testen zu können, hatten die Forscher entsprechend verschiedene Anschreiben verschickt, die tatsächlich auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führten.

          Den geringsten Erfolg erzielte die Kampagne, die einfach die bereits eingegangene Großspende nannte und um weitere Zuwendungen bat. Deutlich besser schnitt das Matching-Design ab, das mehr und im Durchschnitt höhere Spenden einwarb. Übertroffen wurde es nur von den Resultaten des dritten Anschreibens, das die Verwendung der durch das Matching erzielten Aufstockung der einzelnen Spenden für den Opernbus versprach. Der gefürchtete „crowding out“-Effekt fiel hier viel schwächer aus als erwartet.

          Für Wohltätigkeitsorganisationen bieten die Resultate dieses Experiments also wichtige Einsichten, die ihren Erfolg auf dem harten Markt des Spendenwesens verbessern können. Im Sinne der Kultur ist das ein durchaus erfreuliches Ergebnis.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thilo Sarrazin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

          Kommentar zu Sarrazin : Ansichten eines Clowns

          Wie soll man es verstehen, dass die SPD wieder versucht, ihr medienwirksamstes Mitglied auszuschließen? Gefahr geht weder von ernsthafter Beschäftigung mit Migration noch von umfassender Einwanderungspolitik aus – sondern von Ignoranz und Arroganz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.