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Archäologie : Zu Hause sanft, im Ausland grimmig

Minoisches Motiv: Der goldene Ring mit dem Stier-Emblem ist eines der Kostbarkeiten, die aus dem neuentdeckten Grab geborgen wurden. Ein mykenischer Krieger war darin um das Jahr 1500 v. Chr. bestattet worden. Bild: AFP

Vor 3500 Jahren wurde ein Krieger auf der Peloponnes bestattet. Jetzt haben Archäologen sein Grab entdeckt. Was verrät es über die erste europäische Hochkultur?

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          Dass Sharon Stocker und Jack Davis überhaupt noch irgendetwas in dem gemauerten Schacht fanden, grenzt an ein Wunder. Nicht nur, weil die beiden Archäologen von der University of Cincinnati in einem Gelände tätig waren, das gründlich erforscht wird, seit dort vor knapp achtzig Jahren in einem Olivenhain die Überreste eines mykenischen Palastes entdeckt wurden - Stocker und Davis selbst sind dort seit 25 Jahren zugange. Sondern auch, weil die steinerne Einfassung des Schachts sogar aus dem Erdboden herausragte. Grabräuber hätten 3500 Jahre Zeit gehabt, dieser Spur zu folgen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil der Schacht trotzdem unberührt geblieben war, konnte die University of Cincinnati am vergangenen Montag einen Sensationsfund melden: Bereits am 18. Mai hätte das Team der beiden Archäologen in der Nähe des antiken Pylos das Grab eines Mannes entdeckt, in dem außer den Knochen noch mehr als 1400 kostbare Gegenstände geborgen wurden: goldene Siegelringe, Kelche aus Gold, Silber und Bronze, eine Halskette, ein Bronzeschwert, sechs Kämme aus Elfenbein, an die tausend durchbohrte Edelsteinperlen und über fünfzig steinerne Siegel mit filigranen Gravuren.

          Die Archäologin Sharon Stocker bei der Ausgrabung des Kriegergrabes in Pylos, Griechenland.

          Der schiere Reichtum, der sich in diesen Beigaben widerspiegelt, ließ Archäologen bereits vom „bedeutendsten Fund auf dem griechischen Festland seit 65 Jahren“ schwärmen. Aber was verrät er über den Mann, der dort im messenischen äußersten Südwesten der Peloponnes begraben liegt?

          Irritierend ist zunächst das Alter des so üppig ausgestatteten Grabes. Die Ruinen des mykenischen Palastes, in dessen Nähe es gefunden wurde, sind weit jünger - erbaut wurde er um das Jahr 1350 v. Chr., zerstört gut 150 Jahre später.

          Das Gebäude fiel einem gewaltigen Feuer zum Opfer. Dadurch haben sich allerdings in seinen Ruinen zahlreiche dabei gebrannte und konservierte Tontäfelchen mit Notizen in der Linaer-B-Schrift erhalten, die eigentlich nicht dauerhaft archiviert werden sollten. Seit 1952 diese lange rätselhafte Schrift entschlüsselt werden konnte, liefern die Täfelchen die Momentaufnahme einer Verwaltung, die rund um Pylos für zwei insgesamt 2300 Quadratkilometer große Bezirke mit zusammen sechzehn Distrikten und 50 000 Einwohnern zuständig war.

          Neben standesgemäßer Bewaffnung wurde auch jede Menge Schmuck gefunden, etwa diese Halskette.

          Demnach besaß der Wanaka („Herrscher“) von Pylos zum Zeitpunkt der Zerstörung des Palastes ein Landgut, das mit mehr als tausend Weinstöcken und ebenso vielen Feigenbäumen bepflanzt war, schreibt die Althistorikerin Elke Stein-Hölkeskamp. Zugleich war der Wanaka als eine Art oberster Priester auch für die religiösen Rituale zuständig. Und seine Verwalter sorgten dafür, dass Lebensmittel, Textilien, Werkzeuge oder Waffen aus den Distrikten in den Palast geliefert und von dort wieder verteilt wurden: an die eigenen Untertanen oder als Handelsware in entfernte Gemeinschaften.

          Warum und von wem die mykenischen Paläste - außer Pylos sind das etwa Theben, Tiryns oder das namensgebende Mykene - um das Jahr 1200 v. Chr. zerstört wurden, ist umstritten. Während die Überreste immerhin einiges über den Zustand der Reiche in der Endzeit ihres Bestehens verraten, liegen deren Anfänge zumeist im Dunkeln. Archäologisch untersuchen lassen sich etwa die Vorgängerbauten der Paläste nur schwer, wenn beide nacheinander am selben Ort errichtet wurden und man nicht den älteren auf Kosten des jüngeren freilegen will.

          Der Kamm eines Kriegers. Wir müssen uns die alten Mykener langhaarig vorstellen.

          Genau deshalb ist das hohe Alter des jetzt gefundenen Grabes ein solches Geschenk für die Forschung. Der unbekannte Fürst könnte helfen, den Transfer von der minoischen Kultur auf der Insel Kreta, der ersten europäischen Hochkultur, zur mykenischen auf dem Festland besser zu verstehen. So zeigen einige der Siegelsteine im Grab von Pylos Stiere und Menschen, die über die Hörner dieser Tiere springen. Das sei „minoische Ikonographie durch und durch“ sagt Joseph Maran, der Leiter des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie an der Universität Heidelberg.

          Allerdings bedeute dies nicht notwendigerweise, dass diese Grabbeigaben auch auf Kreta, dem Zentrum der minoischen Kultur, geschaffen wurden. „Wir wissen, dass die damaligen Höfe sehr wohl Handwerker ausgeliehen haben“, sagt Maran. Minoische Künstler könnten also den Weg auf die Peloponnes gefunden und für die dortige Oberschicht gearbeitet haben. Das wäre auch deshalb keine Überraschung, weil es, sagt Maran, „eine wachsende Verflechtung zwischen den minoischen und den mykenischen Eliten“ gegeben hat. Offensichtlich orientierte sich die Oberschicht auf dem Festland auch in religiösen Dingen an den Minoern. Anders als in Königtümern Ägyptens, Mesopotamiens oder des hethitischen Anatoliens gibt es in der minoischen wie in der mykenischen Kultur keinen Nachweis von Herrscherdarstellungen oder davon, dass Schrift weithin sichtbar eingesetzt wurde, um religiöse Botschaften zu vermitteln, sagt Maran.

          Bronze (grün), Gold, Keramik (blau). Wie die Fundskizze der Archäologen zeigt, war dieser Grabherr bestens ausgestattet.

          Diese Verflechtung hatte ihren Preis. Waren vor dem mittleren 2. Jahrtausend v. Chr. die Machtverhältnisse noch zugunsten der Minoer geregelt, kam es seit etwa 1500 v. Chr. zu zahlreichen Zerstörungen der minoischen Paläste, offenbar aufgrund von Eroberungszügen der Mykener. Weil einzig der Palast von Knossos davon zunächst verschont blieb, kann man vermuten, dass sich dieses mächtigste Reich auf der Insel mit den Invasoren vom Festland verbündet hatte und dafür zunächst bestehen blieb, während die Nachbarn - vielleicht nur deshalb - untergingen. Am Ende dieses Prozesses, in dem die politische und wohl auch religiöse Dominanz von Kreta auf das mykenische Festland übertragen wurde, steht die Errichtung der sogenannten Megaron-Bauten, jener langgestreckten Gebäudeteile im Zentrum der Paläste, in denen kultische Handlungen vollzogen wurden.

          Trotz dieses kulturellen Transfers unterschieden sich die minoischen Gräber von den mykenischen auffällig in einem Punkt: Während in den Palästen auf Kreta und in den minoischen Gräbern der Hinweis auf militärische Gewalt keine Rolle spielt, sind die erhaltenen mykenischen Grabbeigaben deutlich darauf angelegt, die einstigen Qualitäten des Bestatteten als Kämpfer zu betonen. In dieser Hinsicht ist auch der mit Schmuck ebenso wie mit Waffen ausgestattete Krieger von Pylos ein typischer Vertreter der festlandgriechischen Elite.

          Warum? Joseph Maran vermutet als Grund eine Diskrepanz zwischen der Repräsentation der minoischen Gesellschaft nach außen und nach innen. Während auf Kreta das Ideal eines friedlichen Umgangs miteinander vorherrschte, traten die Minoer auswärts den Bewohnern der Peloponnes waffenstarrend, lange auch militärisch dominant gegenüber. Und exakt dieses Bild hätte dann wiederum die sowieso an den Kretern orientierte mykenische Oberschicht in die eigene Selbstdarstellung übernommen.

          Literatur:

          Joseph Maran: „Urgeschichte - Frühgeschichte: Geschichte? Das Beispiel des mykenischen Griechenland“, in: „Medien der Geschichte - Antikes Griechenland und Rom“. De Gruyter, Berlin 2014. - Elke Stein-Hölkeskamp, „Das archaische Griechenland“. C. H. Beck, München 2015.

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