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Soziobiologie : Die Arena der Ehrlichen

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Das Prinzip der Kommunikation mit teuren Signalen entwickelt sich in der menschlichen Kulturgeschichte zum Prinzip der Angeberei. Frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.

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          Trotz aller philosophischen, religiösen und politischen Motivation, die eine auf Solidarität angelegte Moral erfährt, und trotz aller erzieherischen Bemühungen um ihre Implementierung sind ihrem Erfolg Grenzen gesetzt. Die evolutionäre Sollbruchstelle heißt „altruistische Vorleistung“, und die Folge ist das so genannte Allmendeproblem: Es hätte zwar jeder etwas davon, wenn alle ehrlich ihre Steuern zahlten (diese könnten dann nämlich theoretisch gesenkt werden), aber der persönliche Lohn einer unehrlichen Steuererklärung ist größer. Allgemein gilt: Wenn öffentliche Interessen mit Eigeninteressen kollidieren, siegt meist das Eigeninteresse.

          Die persönliche Investition in das Gemeinwohl ist eine eher unwahrscheinliche Angelegenheit. Aber ausgeschlossen ist sie keineswegs. Schließlich spendet Max Mustermann einen keineswegs unerheblichen Betrag für Katastrophenopfer, krebskranke Kinder, die Nationalstiftung Denkmalschutz oder andere gute Zwecke. Die gängigen soziobiologischen Erklärungen zur Entstehung gesellschaftlichen Zusammenhalts greifen hier offensichtlich nicht, denn weder sind Geber und Nehmer miteinander verwandt, noch ist Wechselseitigkeit zu erwarten. Stattdessen ist es das „Handicap-Prinzip“, das in diesen Fällen Solidarität generiert und soziale Gemeinschaften zusammenhält - und dies trotz und gerade wegen des evolutionären Prinzips Eigennutz.

          „Teure Signale“

          Das Handicap-Prinzip wurde schon in der letzten Folge dieses Kurses vorgestellt (Siehe: Grundkurs in Soziobiologie (15): Angeberei als Hochkultur). Dahinter verbirgt sich eine biologisch uralte Kommunikationsform, mit der in der Darwinischen Welt persönlicher Nutzenmaximierer Ehrlichkeit und Verlässlichkeit garantiert werden kann. Handicaps, auch „teure Signale“ genannt, sind zum Beispiel das Pfauenrad, der Nachtigallengesang oder die Löwenmähne, alles Merkmale, die zwar auf den ersten Blick keine biologische Nützlichkeit erkennen lassen, aber dennoch in der Evolution Bestand haben. Ihr Geheimnis ist, dass sie ansonsten verborgene Eigenschaften, allen voran die Gesundheit ihres Trägers anzeigen und genau deshalb bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle spielen. Was man nicht sehen kann, nämlich das, was Biologen metaphorisch „gute Gene“ nennen, wird kommuniziert und zwar auf eine fälschungssichere Art und Weise.

          Unser zweites Gesicht

          Das Prinzip der Kommunikation mit teuren Signalen entwickelt sich in der menschlichen Kulturgeschichte zum Prinzip der Angeberei. Thorsten Veblen, ein amerikanischer Ökonom norwegischer Abstammung, hatte schon im neunzehnten Jahrhundert von „demonstrativen Müßiggang“ und „demonstrativer Verschwendung“ gesprochen, als er seine „Theorie der feinen Leute“ formulierte. Er hat damit gleichsam eine sozialwissenschaftliche Zwillingsschwester zur biologischen Theorie geschaffen. Feine Leute, damit sie als solche erkennt werden können (und damit sie sich selbst als solche erkennen können), investieren in luxuriöse Verschwendung. Hier ist er, der Pfau in uns: Angeberei als Investition in kommunikative Ehrlichkeit über verborgene Eigenschaften. Arme Schlucker am Rande der Existenz, immer zur Produktivität und Sparsamkeit gezwungen, können sich Luxus einfach nicht leisten. Ihr Leben bleibt dem Imperativ der Nützlichkeit verhaftet.

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