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Soziale Systeme : Die sind zu mehreren, da sparen sie doch!

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Wenn die Bürger selbst über die Verteilung von Sozialleistungen entscheiden würden, dann würden vor allem kinderreiche Familien ziemlich leer ausgehen. Bild: dpa

Den Bedarf von Sozialhilfeempfängern schätzen Normalbürger deutlich geringer ein als der Staat.

          Der Sozialstaat gilt hierzulande vor allem als ein Staat monetärer Transferleistungen. Dabei muss sich die Sozialstaatlichkeit zum Beweis ihrer Erfüllung sozusagen auf Heller und Pfennig ausrechnen lassen. Vorschriften wie das Regelbedarfs-Ermittlungsgesetz schreiben exakt vor, was der Würde des Menschen entspricht, wenn jemand für diese Würde den Staat braucht: Ein Kind zum Beispiel braucht 1,16 Euro für Bildung im Monat. Zu seinem 15. Geburtstag wird dem Kind diese Hilfe auf 39 Cent gekürzt, dafür bekommt es 27,47 Euro mehr für Lebensmittel.

          Wie viel Bildung gibt es aber für 39 Cent? Und ist das dann gerecht? Nun ist aus der Forschung bekannt, dass es Befragten meist schwerfällt, bei allgemeinen Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit zu konsistenten Urteilen zu kommen. Aufschlussreicher ist es, die Menschen mit konkreten Beispielen zu konfrontieren. Die Soziologie greift dazu auf Vignettenanalysen zurück. Dabei werden Versuchsteilnehmern hypothetische Situationsbeschreibungen (sogenannte Vignetten) vorgelegt, die eine Testperson gewissermaßen in die Rolle des Gesetzgebers versetzen.

          Die Probanden durften Sozialrichter spielen

          In einer neuen Studie wurden 410 Teilnehmer gefragt, was Hilfsbedürftigkeit eigentlich ausmacht und wie viel sie den Steuerzahler kosten soll. Ein kurzer Text beschrieb dazu die Lage eines Hartz IV-Empfängers, also sein Alter, die Gründe für seine Erwerbslosigkeit und seinen Haushalt mit den darin lebenden Personen. Seien Sie kreativ, sagte die Studie, spielen sie Sozialrichter! Wie viel würden Sie den Betroffenen bewilligen?

          Da hier keine repräsentative Stichprobe zugrundegelegt werden kann (man muss eben mit denen arbeiten, die an einem solchen Experiment teilnehmen möchten), müssen Gewichtungen vorgenommen werden, um die Ergebnisse verallgemeinern zu können. Tut man das aber, sind die Ergebnisse überraschend und verraten, dass sich die Vorstellungen der Bevölkerung bezüglich der Bedürfnisse sozial Schwacher von denen des Gesetzgebers doch beträchtlich unterscheiden. Und zwar selbst dann, wenn der Vignette der tatsächliche Arbeitslosengeld-II-Regelsatz als Anhaltspunkt der Urteilsfindung beigefügt wurde.

          Eine Familie mit drei Kindern würde ein Drittel weniger bekommen

          Die Studie bot acht verschiedene Haushalte an, von einem Alleinstehenden bis zur fünfköpfigen Familie mit drei Kindern. Mit der Ausnahme des Einpersonenhaushalts, dem die Befragten im Durchschnitt mehr Geld als den aktuellen Regelsatz bewilligten, bekamen alle anderen Haushalte von den Teilnehmern weniger Mittel zugesprochen – zum Teil drastisch weniger: So nannte die Studie als amtlichen Regelsatz für die fünfköpfige Familie monatlich 1455 Euro (ohne Miet- und Heizkosten). Die Probanden kürzten diese Mittel im Durchschnitt um fast ein Drittel. Wie ließe sich diese Härte bei der Einschätzung von Bedürftigkeit erklären?

          Zunächst ist zu bemerken, dass für die Befragten die Haushaltsgröße natürlich ein entscheidender Faktor bei der Bestimmung des Bedarfs ist. Wer mehr ist, soll auch mehr bekommen. Deutlich wurde auch, dass staatliche Großzügigkeit nicht ausgenutzt werden dürfe – so führte in den Experimenten fehlendes Engagement einer Vignettenperson bei der Arbeitssuche zu deutlichen Kürzungen der zugewiesenen Mitteln. Umgekehrt neigten die Teilnehmer dazu, Älteren grundsätzlich mehr zu bewilligen als Jüngeren.

          Wohlhabende urteilten großzügiger

          Aber auch persönliche Merkmale der Teilnehmer hatten signifikante Effekte auf ihre Vorstellungen über soziale Gerechtigkeit: Ein hohes eigenes Einkommen steigerte die Großzügigkeit der Probanden, eine rechte politische Einstellung reduzierte sie. Insgesamt sahen die Autoren der Studie damit ihre Erwartungen erfüllt. Bleibt nur die Frage nach der absoluten Höhe der von den Teilnehmern als gerecht angesehenen Hilfe. Warum fiel sie so niedrig aus, gerade bei größeren Haushalten? Provozierten diese vielleicht die Assoziation von Verschwendung und Sozialmissbrauch durch Kinderreichtum, die dann von den Probanden gewissermaßen zur Abstrafung durch Leistungskürzung führte?

          Die Autoren enthalten sich solcher Überlegungen und vermuten eher mangelndes Wissen: Die Probanden könnten den Bedarf gerade großer Haushalte einfach nicht richtig einschätzen, da die Mehrheit der Bevölkerung in kleinen Haushalten oder gleich allein lebt. Dagegen spricht aber, dass sich die Studienteilnehmer auch dann sozusagen geizig gaben, wenn man ihnen den realen Satz des Arbeitslosengeldes für den Vignetten-Haushalt beifügte. Das spräche für eine andere Erklärung: Die Befragten scheinen sich darin einig, dass große Haushalte auch zu Einsparungen führen könnten, insbesondere bei Geschwisterkindern: so dass etwa die jüngeren die Kleider der älteren auftragen könnten, statt neue zu bekommen. Dies ist ein deutlicher Unterschied zum Gesetzgeber. Der geht hier kumulativ vor und macht bei der Bedarfsermittlung etwa des ersten und dritten Kindes keinen Unterschied. Für die sozialpolitische Debatte ein auf jeden Fall bemerkenswertes Ergebnis.

          Literatur:

          Katharina Hörstermann, Hans-Jürgen Andreß: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ Eine Vignettenanalyse zur Bestimmung eines Einkommenmindestbedarfs, in: Z. f. Sozialreform 61 (2015), Heft 2, 171-198.

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