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Soziale Systeme : Vom Ursprung des Verbrechens

Ein mit einem Messer bewaffneter Mann bricht in eine Wohnung in Frankfurt am Main ein. Bild: dpa

Wer Akademiker beschäftigt, macht Polizisten arbeitslos: Die Kombination von Verstädterung und angespanntem Arbeitsmarkt führe zu hohen Kriminalitätsraten. Das haben Soziologen ermittelt.

          Wovon die Kriminalitätsraten einer Gesellschaft abhängen, ist als soziologische Frage ein Evergreen. Je nach Delikt kann man sie mit sozialer Motivbildung beantworten: Armut führt zu mehr Eigentumsdelikten, starke Ehrbegriffe machen zu Gewalt geneigt. Oder die Soziologen weisen auf Gelegenheitsstrukturen hin: In Städten ist mehr zu holen als auf dem Land, die Wohnungen sind unbeobachteter und die Kontakte anonymer. Oder sie vermuten, dass Verbrecher ein Beruf ist, der in vielen Hinsichten wie andere Berufe organisiert ist, aber davon lebt, dass bestimmte Märkte - etwa der Drogenmarkt - nicht legalisiert sind.

          Eine besondere These zur Kriminalitätsentwicklung hat vor kurzem der Soziologe Helmut Thome entwickelt. Ihr Ausgangsbefund sind unterschiedliche Deliktsraten in deutschen Großregionen. Im Norden, Westen und Osten des Landes sind danach statistisch mehr Gewaltdelikte zu beobachten als im Süden, namentlich in Baden-Württemberg und Bayern. Woran liegt das?

          In relativen Wohlstandszonen gehe es friedlicher zu

          Zunächst zum Osten. Vor der Wiedervereinigung gab es auf dem Gebiet der DDR vergleichsweise wenig Kriminalität. Schätzungen sprechen gegenüber der alten Bundesrepublik von halb so viel Straftaten. Wie in anderen Nachbarstaaten des Ostblocks kam es im Zuge der „Verwestlichung“ in Ostdeutschland zu einem sprunghaften Anstieg der Kriminalität.

          Bei vorsätzlicher Tötung überholte der Osten den Westen in Deutschland etwa 1993, aber 1998 hatten sich die Zahlen angeglichen und fielen gemeinsam auf den heute stabil bei etwa drei Delikten pro 100 000 Einwohner liegenden Wert. Ähnlich entwickelten sich die Zahlen bei den schweren Körperverletzungen, wo der Osten etwas weniger Fälle als der Westen aufweist, und beim Raub, wo nach starkem Anstieg bis 1997 die Werte heute ebenfalls unter den westlichen liegen.

          Stärker fallen jedoch die Kriminalitätsraten im deutschen Nord-Süd-Vergleich auseinander. Dass in Nordrhein-Westfalen wie in Brandenburg signifikant mehr Delikte zu verzeichnen sind als in Sachsen, Thüringen oder Bayern, wird dabei oft ökonomisch erklärt. In den relativen Wohlstandszonen gehe es eben friedlicher zu.

          Ein "desintegrativer Individualismus"

          Doch inwiefern wäre beispielsweise Thüringen, wo nur halb so viele Raubüberfälle stattfinden wie im Nordwesten, als Wohlstandszone anzusprechen? Auch die Tatsache, dass Bayern eine hohe Aufklärungsquote bei Raubdelikten hat, kann das Nord-Süd-Gefälle nicht vollständig erklären - die Aufklärungsquote in Baden-Württemberg ist ganz durchschnittlich.

          Thome wartet mit einem anderen, überraschenden Erklärungsversuch auf. Die Kriminalitätsrate hänge nicht nur (positiv) mit dem Urbanitätsgrad und (negativ) mit dem Wohlstand zusammen, sondern auch (positiv) mit der Verbreitung eines akademischen Lebensstils. Darunter versteht Thome einen hohen Anteil an gutausgebildeten Singles, Pendlern und Beschäftigten im Dienstleistungssektor an der regionalen Bevölkerung. Es sei in solchen Regionen ein „desintegrativer Individualismus“ zu beobachten.

          Das soll heißen: Überall dort, wo der Wettbewerb um berufliche Positionen besonders ausgeprägt ist und das Bildungssystem sozialen Aufstieg verspricht, ohne ihn einzulösen, steigen für die Verlierer die Anreize zum Einsatz illegaler Mittel. Nicht die Urbanisierung allein führe zu höheren Kriminalitätsraten, sondern die Kombination von Verstädterung und angespanntem Arbeitsmarkt.

          Das Qualitätsniveau steigt, die Arbeitsplätze fehlen

          In ländlichen Gegenden, die Wohlstand kennen, wie etwa in Baden-Württemberg und Bayern, wäre es gerade diese Kombination, die zu den geringen Zahlen an Raubüberfällen führe. Umgekehrt führe gestiegener Wohlstand „nur dann zu einem Absinken der Gewaltkriminalität, wenn er nicht mit einem Zuwachs an desintegrativem Individualismus erkauft worden ist“.

          Konkreter formuliert: Wenn das Qualifikationsniveau steigt, aber die Arbeitsplätze ausbleiben, macht sich das in den Deliktzahlen bemerkbar. Wenn der Wohlstand mehr auf mittelständischen Unternehmen gründet als auf Großindustrie, mag das zu geringeren Deliktzahlen beitragen, weil es für eine integrativere kommunale Struktur spricht. Wo es für Schüler, die andernorts als Bildungsverlierer gelten, Arbeitsplatzchancen gibt, wirkt das in dieselbe Richtung.

          Allerdings erwähnt Thome auch, dass die Delikte mit Körperverletzungen und die Raubdelikte seit 2007 insgesamt rückläufig sind. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass der Grad an vermeintlicher Desintegration unserer Gesellschaft geringer ist als von Zeitdiagnosen vermutet.

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