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Soziale Systeme : Lob der Zwietracht

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Ohne Not sollte man seinen Nachbarn nicht ärgern. Aber dem Streit immer nur aus dem Weg zu gehen, ist auch nicht ratsam. Bild: Grafik F.A.S.

Warum Harmonie kein sinnvolles Ideal für eine arbeitsteilige und differenzierte Gesellschaft ist. Und wie man ihre Mitglieder dazu bringt, die Konflikte häufiger mal offen auszutragen.

          Konflikte gelten gemeinhin als unwillkommen. Auf die Frage, wie die Zahl der offen ausgetragenen Streitigkeiten möglichst vermehrt werden kann, muss man daher erst einmal kommen. Dem 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann ist das gelungen. In einem nachgelassenen Text aus den siebziger Jahren, der unlängst zum ersten Mal publiziert wurde, fragt der Systemtheoretiker am Beispiel moderner Lebensverhältnisse, wie eine Gesellschaft eingerichtet sein muss, die eine solche Freisetzung der Streitlust zuwege bringt. Als Kontrastfall gelten ihm friedliebende Stammesgesellschaften, aber auch die Hartnäckigkeit, mit der manche Hochkulturen ihren Mitgliedern das offene Neinsagen auszureden versuchten.

          Die übliche Bewertung, die im Streit nur die Störung sieht, führt Luhmann darauf zurück, dass wir dabei bevorzugt an Anwesende oder Nahestehende denken. Nicht nur Familienfeste, auch komplette Familien können durch offenen Konflikt ruiniert werden. Für kleine und undifferenzierte Gruppen ist es daher eine sinnvolle Maxime, taktvoll und diplomatisch zu kommunizieren. Aber auch für eine konfliktscheue Gesellschaftsmoral zeigt der Soziologe durchaus Verständnis. Sie sei solange angemessen, wie die Gesellschaft auch ihrerseits in der Art einer Großfamilie organisiert ist. In Stammesgesellschaften schätze man die Nachgiebigkeit aber auch deshalb, weil es hier noch keine Richter gibt, die den Konflikt durch verbindliche Entscheidung beenden können.

          Persönliche Anwesenheit hemmt die Streitlust

          Für die moderne und differenzierte Gesellschaft ist das kein Modell, und zwar deshalb nicht, weil ihre Differenzierung immer auch die Interessen und Perspektiven der davon betroffenen Gruppen und Teilsysteme erfasst - und damit die friedlichen und kampflosen Einigungsmöglichkeiten unter ihnen abbaut. Nicht nur Schichtungsstrukturen, auch die modernen Formen der Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Religion, Familienleben und Schulerziehung gelten daher als Konfliktquellen ersten Ranges. Aber wie ist es möglich, diesen Streit offen zu führen?

          Nach Luhmann kommt es hier vor allem darauf an, dass die Gesellschaft einerseits und die Kontakte unter Anwesenden und Nahestehenden andererseits auch voneinander getrennt werden. Hemmungen der Streitlust, die Anwesende auferlegen, können umgangen werden, wenn der Gegner abwesend ist oder gar persönlich unbekannt bleibt. So sind Wahrheitskonflikte unter Wissenschaftlern relativ einfach zu führen, weil ihr Medium ohnehin der Buchdruck ist. Begegnen die Streitenden sich dann auf irgendeinem Podium, sieht man an der gegenseitigen Schonung, die sie dort für angebracht halten, wie viel der Streit dem Umstand verdankt, dass er unter Abwesenden begonnen wurde.

          Konkurrenz als effektive Form der Gegnerschaftspflege

          Aus demselben Grund haben Intellektuelle es leicht, Politiker zu attackieren, denn normalerweise gibt es hier keine guten Beziehungen, die dadurch lädiert werden könnten. Aber selbst dort, wo es solche Beziehungen gibt, kann man die Streitlust entfesseln. Es muss dann nur ermöglicht werden, die Beziehung konfliktbedingt zu beenden. Wenn es erlaubt ist, Ehen scheiden zu lassen oder Vertragsbeziehungen aufzukündigen, dann können auch Gatten und Großkunden streitlustig werden. Auch das setzt voraus, dass die Gesellschaft mit diesen Beziehungen nicht mehr einfach identisch ist.

          Eine besonders effektive Form, Gegnerschaften zu pflegen, ohne Anwesende oder Nahestehende zu betrüben, sieht Luhmann in der Konkurrenz. Denn die Konkurrenten suchen ja gute und möglichst harmonische Beziehungen nicht zueinander, sondern zu dritten Personen, die sie für sich zu gewinnen suchen: zu den Kunden, zu den Wählern, zu den Arbeitgebern, die sie einstellen sollen. Diese Umleitung über einen Dritten erlaubt es zugleich, das Kampfergebnis als verdient anzusehen. Man hat nicht einfach im vermeinten Recht des Stärkeren über den Gegner triumphiert, sondern man hat sich als Fremdversteher, als Virtuose der Einfühlung in Publikumswünsche, als überlegener Wohltäter an Dritten bewährt. Vor allem aber müssen die Konkurrenten, da ihr Interessengegensatz von Dritten entschieden wird, keine Beziehungen zueinander suchen, und selbst wo solche Beziehungen aus anderen Gründen bestehen und andauern sollen, werden sie dadurch entlastet, dass die Zumutung, den Wettstreit verloren zu haben, von Dritten verantwortet wird.

          In das klassische Lob der Konkurrenz, das heute kraftlos wiederaufgewärmt wird, mag Luhmann gleichwohl nicht einstimmen. Sie garantiere weder Alternativenreichtum im Angebot, etwa der politischen Parteien, noch erzeuge sie notwendigerweise besondere Innovationsfreude mit Bezug auf die Zukunft. Und außerdem setze sie voraus, dass nicht zu viele Verlierer entstehen. Auch darum sei es gut, wenn es neben der Konkurrenz auch noch andere Möglichkeiten gibt, Konflikte zu fördern.

          Literatur:

          Niklas Luhmann, Ebenen der Systembildung - Ebenendifferenzierung, in: Bettina Heintz/Hartmann Tyrell (Hrsg.), Interaktion - Organisation - Gesellschaft revisited. Anwendungen, Erweiterungen, Alternativen, Stuttgart 2015.

           

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