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Soziale Systeme : Eine Schule für Helden

  • -Aktualisiert am

Warum lässt sich Heldentum so schlecht vermitteln? Bild: Marcus Kaufhold

Polizei, Feuerwehr, Notarzt - die moderne Gesellschaft setzt auf professionelle Retter. Zum Glück.

          Anleitungen zum Heldentum sind keine Bestandteile der Lehrpläne an unseren Schulen. Man kann das als Bestätigung der These des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler lesen, wir lebten in einer postheroischen Gesellschaft. Ereignet sich aber irgendwo eine Heldentat, kann sich der Held größter öffentlicher Wertschätzung gewiss sein. Zweifellos dienen Helden als Vorbilder. Aber warum lässt sich Heldentum so schlecht erlernen?

          Die Schwierigkeit liegt im Problem des Technologiedefizits des Heldentums. Es mag gewissermaßen heldenaffine Berufsgruppen geben - das gesamte Rettungswesen wäre da zu nennen. Doch gerade diese Professionen bilden schließlich nicht den Helden aus, sondern den Profi, sie ersetzen die Tat durch den Auftrag, den Impuls durch die Organisation und Tapferkeit durch Teamwork. Zum echten Helden dagegen gehört eher der Abstand von der Person zur Tat - je weniger prädestiniert der plötzlich zum Held gewordene dafür wirkt, desto größer erscheint, dass er es doch getan hat. Niklas Luhmann bemerkte dazu, dass zum Helden eigentlich eine gewisse Arg- und Ahnungslosigkeit gehört. Der wahre Held muss glaubhaft versichern können, er wisse auch nicht, warum er etwas getan hat, was die meisten eben nicht tun. Wer sich dagegen selbst zum Helden erklärt, ist meist keiner. Eine wahre Heldin ist etwa die resolute Seniorin, die einen bewaffneten Ladendieb mit dem Regenschirm in die Flucht schlägt, und nicht etwa der für solche Situationen ausgebildete Polizist. Der Held ist umso größer, je weniger er nach einem solchen aussieht.

          Hätte jeder so gehandelt?

          Und selbstverständlich gehört zum Helden, dass er hinterher keiner gewesen sein will. Selbstlob wäre absolut unheldenhaft. Wer sich selbst Held nennt, verliert den Titel umgehend. „Jeder an meiner Stelle hätte genauso gehandelt“ - das muss der Held hinterher in die Kameras sagen, inklusive verlegenem Lächeln und abwehrender Handbewegung.

          Was natürlich nicht stimmt. Denn wenn dem so wäre, herrschte an Helden ja kein Mangel. Der Held durch Zufall verrät mit dieser Geste nur, dass er ganz genau weiß, wie sich der moderne Held nach der Tat zu verhalten hat. Er muss seine ganz außeralltägliche Abweichung sofort mit pflichtschuldiger Konformität bezahlen und seine Tat zum Beweis erklären, dass buchstäblich jeder ein Held ist und nicht nur sein könnte. Die Öffentlichkeit belohnt diese Bescheidenheit mit dem Verzicht darauf, die gelungene Tat zum Anlass zu nehmen, das Ausmaß der tatsächlichen Gefahr in Frage zu stellen. Es darf eben nicht gefragt werden, ob der Täter wirklich zu allem entschlossen war. Und noch weniger darf dem Helden sein Überleben zum Vorwurf gemacht werden.

          Bemerkenswert daran ist, dass sich die größte Gemeinsamkeit von Held und Gesellschaft gleichermaßen in dieser Handlungssicherheit nach der Tat zeigt. Das soziale Skript für diese Rollen scheinen alle zu beherrschen, im Unterschied zu jenem für die Tat.

          Man kann nicht lehren, nicht zu denken

          Den Betrachter des heutigen Helden muss angesichts dessen Durchschnittlichkeit aber dann doch das Gefühl des Beinaheselbstgekonnten beschleichen. Die heldentypische Diskrepanz von eingesetztem Mittel und potentieller Gefahr - siehe den erwähnten Regenschirm - erscheint nahezu lächerlich. Das „beherzte Eingreifen“ zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass der Eingreifende im Moment der Tat über fast nichts anderes verfügte als eben darüber - dieses ominöse Herz. Dem haftet etwas von Schlichtheit und Reflexionsarmut an, ja fast von Einfältigkeit. Nüchtern betrachtet, nach Abwägung aller Chancen und Risiken, hätte ja eigentlich jede Heldentat gründlich schiefgehen müssen. Womit man wieder bei besagtem Technologiedefizit des Heldischen wäre. Man kann schließlich nicht lehren, nicht zu denken, sondern eben „nur“ zu handeln.

          Aber braucht es denn überhaupt beherzte Helden? Man hat doch die Gesellschaft. Diese entlastet von solchen Zumutungen wie Heldentum - man kann doch immer einen anrufen, der entsprechend ausgebildet und qua Angestelltenverhältnis zur Tat verpflichtet ist. Gemeinhin wird das als Fortschritt begriffen und die ausdifferenzierte Gesellschaft für solche und vergleichbare Errungenschaften der Vorsorge älteren Gesellschaftsformen bevorzugt. Gleichzeitig wird der modernen Gesellschaft aber auch vorgeworfen, sie tue nicht genug, zum Heldentum zu erziehen. Und zwar geschieht das immer dann, wenn mal wieder kein Profi rechtzeitig zur Stelle war, sondern nur hilflose Zeugen, die es bevorzugt hatten, ihr Heldentum im Modus des Möglichen zu belassen.

          Das schlägt sich nieder in den öffentlichen Reaktionen auf Heldentaten. Der glücklich verhinderte Anschlag im Reisezug wird von den einen prompt zum Anlass genommen, mehr staatlich organisierte Sicherheit in Fernzügen zu organisieren. Warum nicht gleich den Schaffner bewaffnen? Unsinn, sagen die anderen. Was wir vielmehr brauchen, ist mehr individuelle Zivilcourage, also mehr potentielle Helden. Gemeinsam ist beiden Positionen aber die Adresse der Gesellschaft als Träger der Verantwortung für ihre unterschiedlichen Konzepte - sei es in der Form von Organisation, oder in der Form von Erziehung.

          Literatur:

          Niklas Luhmann: „Die Autopoiesis des Bewusstseins“, in: ders., „Soziologische Aufklärung“, Band 6, Wiesbaden 2005.

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