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Soziale Systeme : Dienst bleibt Dienst

  • -Aktualisiert am

Ist die Grenze zwischen dienstlich und privat in Gefahr, wenn man im Urlaub sein Diensthandy benutzt? Bild: dpa

Und Schnaps bleibt Schnaps, auch wenn manche Soziologen das anders sehen. Über die Grenzen des Privatlebens im Zeitalter der modernen Arbeitsorganisation.

          Geläufig ist die Vorstellung, das Privatleben ihrer Mitglieder gehe die modernen Arbeitsorganisationen nichts an: Die Industriearbeiter müssen nicht fürchten, dass man sie entlässt, nur weil sie sozialistisch wählen, statt eine unternehmerfreundliche Partei zu unterstützen; der protestantische Angestellte einer Versicherungsgesellschaft kann sogar im katholischen Bayern befördert werden; und eine Professorin, die sich scheiden lässt, mag dies tun, ohne zuvor den Rat ihrer Fakultät einzuholen.

          Gegen diese Rollentrennung wird heute gern eingewandt, sie sei überholt, da die Grenzen zwischen dienstlich und privat sich neuerdings auflösen würden. In der Industrie- und Betriebssoziologie hat man dafür die Formel von der „Entgrenzung der Erwerbsarbeit“ gefunden. Wenn aber zugunsten dieses Befundes immer nur angeführt wird, dass die Leute ihren Dienstrechner auch für private Zwecke verwenden, dann ist das kein starker Beleg. Denn nachdem der Dienstwagen schon seit geraumer Zeit auch für Urlaubsreisen mit der Familie genutzt wird und in den Dienstwohnungen immer schon, und mit gleicher Selbstverständlichkeit, auch die persönlichen Freunde des Amtsinhabers empfangen wurden, ist nicht nur das Neue an dieser vorgeblichen Neuheit schwer zu erkennen. Es fehlt auch jede Antwort auf die Frage, inwiefern die Einheit eines Dinges - ob nun Wohnung, Wagen oder Rechner - die Trennung der Partner- und Publikumskreise sollte einebnen können.

          Mit dem Handy der Gattin den Chef anrufen

          Mit einer solchen Entdifferenzierung wäre nur dann zu rechnen, wenn es dem jeweiligen Eigentümer dieser Dinge auch gestattet wäre, Rechenschaft über jede Form ihres Gebrauchs zu verlangen. Dem ist aber nicht so, und damit rechnet auch niemand. Müsste die Professorin ernsthaft befürchten, dass der Sichtschutz ihres privaten Lebens in Gefahr ist, nur weil sie ihrem Scheidungsanwalt auf dem Dienstrechner antwortet, dann würde sie es nicht tun. Natürlich vermeidet sie bei diesem Thema die elektronische Dienstadresse, aber genauso würde sie es ja auch auf ihrem Privatrechner machen. In den Adressen, und nicht im Eigentum an den Gerätschaften, liegt das Entscheidende. Und darum ist die Grenze zwischen dienstlich und privat auch dann nicht in Gefahr, wenn man das Smartphone der Gattin nutzt, um eine Anfrage des Chefs zu beantworten.

          Nach einer anderen Version derselben Zeitdiagnose, über die ein unlängst erschienener Aufsatz der Berliner Soziologin Viola Muster informiert, soll die Entgrenzung der Erwerbsarbeit darin liegen, dass die Produktionsbetriebe ein Interesse am Konsumverhalten ihrer Mitglieder entwickeln: Sie sehen es gern, wenn ihre Mitglieder die Produkte, die sie herstellen, auch selber verwenden. Das ist nicht schwer zu verstehen. Immerhin kennen die Produzenten das Produkt besser als irgendwer sonst. Sollten gerade sie es vorziehen, ihren Eigenbedarf bei der Konkurrenz zu decken, wäre das nicht gerade eine Empfehlung. Diese Bewertung ist so rational, dass man sich schwer vorstellen kann, was an ihr neu sein könnte. Man darf vielmehr getrost davon ausgehen, dass der „Mitarbeiter als Markenbotschafter“ ein uralter Traum der Geschäftsleitung ist. Ebenso alt ist freilich auch ein Hindernis, das sich seiner Verwirklichung entgegenstellt.

          Kein Zeichen von sozialer Entdifferenzierung

          Normalerweise fällt es einer Organisation nicht schwer, ihre Wünsche an die Mitglieder zu verwirklichen; sie muss das entsprechende Verhalten nur anordnen. Dieses Verfahren eignet sich aber nicht, um das Kaufverhalten der Angestellten als kostengünstiges Werbemittel zu nutzen. Denn eine Konsumentscheidung, die zugleich Dienstpflicht wäre, würde das Merkmal verlieren, persönlich zurechenbar zu sein. Könnte man etwa über den Privatwagen nicht frei entscheiden, dann würde die Auswahl gerade dieser Marke, ähnlich wie beim Dienstwagen, als eine Entscheidung der Firma erlebt.

          Der Fahrer könnte sich von ihr distanzieren, indem er den Freunden mitteilt, dass jede andere Automarke ein Kündigungsgrund wäre. Soll sein markenkonformes Verhalten zum Symbol dafür taugen, dass er das Produkt schätzt, dann darf er in der Rolle des Konsumenten nicht dadurch gebunden sein, dass er für den Hersteller des Produkts arbeitet. Das wissen auch die Chefs, die das gewünschte Verhalten nicht etwa anordnen, sondern allenfalls Preisnachlässe gewähren, um es attraktiv zu machen. Ein solches Verhalten mag vieles sein - ein Anzeichen für soziale Entdifferenzierung ist es mit Sicherheit nicht.

          Viola Muster: „Wenn Mitarbeiter als Konsumenten produktiv sind: Zur Rolle des Mitarbeiterkonsums in entgrenzter Erwerbsarbeit“, in: Soziale Welt 65 (2014); S. 277-295

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