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Soziale Systeme : Die gläserne Welt

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Sie sind nicht bei Facebook und wissen trotzdem alles übereinander. Eine bayerische Wirtshaus-Schuetzenscheibe aus dem Jahr 1963 Bild: dapd

Erving Goffman, der Soziologe der Urbanität, begab sich einst inkognito aufs Land und fand heraus, dass Transparenz richtig anstrengend sein kann.

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          Viele der bis heute lehrreichsten Beiträge zur Beschreibung sozialer Situationen stammen von dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman (1922 bis 1982). Den Umstand, dass er sein Leben in Großstädten, also unter lauter Unbekannten, verbracht hat, merkt man jedem seiner Bücher an. Mit besonderer Vorliebe schildern sie flüchtige Begegnungen, in denen die Anwesenden einander nur ausschnitthaft kennenlernen: Szenen am Strand oder auf der Straße, den Umgang mit Kellnern in Restaurants, Arztbesuche, die Behördengänge des Bürgers. In solchen Situationen kann man auswählen, wie man sich darstellt. Man kann sich zum Beispiel mit einer Ausrede entschuldigen, ohne dass es bemerkt wird.

          Goffmans Kritiker haben sich gefragt, ob man seinen Begriff der Selbstdarstellung denn auch nutzen könnte, um das soziale Leben auf dem Lande oder die Gesprächslage in Stammesgesellschaften zu beschreiben. Neuerdings kann man solchen Fragen anhand einer Untersuchung nachgehen, die den Vorzug hat, von Goffman selbst zu stammen. Von einer Homepage, die seinem Andenken gewidmet ist, kann man sich seine bis heute ungedruckte Dissertation aus dem Jahre 1953 herunterladen.

          Ein Jahr auf den Shetlands

          Dem Text, der sich wie eine Einführung in das spätere Lebenswerk seines Verfassers liest, liegen Feldforschungen in einem winzigen Bauern-und Fischer-Dorf auf den Shetland-Inseln zugrunde, unter dessen Einwohnern der junge Soziologe, verkleidet als technisch interessierter Student der Agrarwissenschaft, ein Jahr lang gelebt hat.

          Den dreihundert Einwohnern des Dorfes, von denen buchstäblich jeder jeden kannte, dürfte es untereinander schwergefallen sein, sich mit einer Ausrede zu entschuldigen. Goffman erläutert das am Beispiel der ökonomischen Lage einer Person, gesehen als Thema ihrer Selbstdarstellung vor anderen. Der moderne Stadtmensch kann auswählen, wem er zeigt, wie arm oder reich er ist. Er kann sich im Privatleben ärmer darstellen, als er ist, um nichts von seinem Besitz teilen zu müssen, und reicher in Situationen, in denen kein Nahestehender anwesend ist, der solchen Druck ausüben könnte. So zieht der eine es vor, in einer bescheidenen Mietwohnung zu wohnen, damit die Verwandtschaft nicht zu anspruchsvoll wird, während der andere sein letztes Geld ausgibt, um dem Unbekannten an der Bar einen Drink zu spendieren. Sherri Cavan, eine Schülerin Goffmans und Schirmherrin seiner Homepage, hat dieser Prahlerei am Tresen einst eine eigene Untersuchung gewidmet.

          Diskretion auf der Möbel-Auktion

          In der von Goffman studierten Gemeinde wäre dergleichen unmöglich. Eventuelle Begehrlichkeiten gehen nicht nur von den nächsten Verwandten aus, man kann Fernerstehenden auch nicht weismachen, man sei wohlhabend, wenn man es nicht ist. Denn gleichviel in welcher Rolle sie einander begegnen, den Inselbewohnern sind auch die anderen Rollen ihres jeweiligen Gegenübers bekannt. Kann ein Bauer sich einen Traktor leisten statt nur einen Pflug, dann ist er damit auch als Gastgeber oder bei der Auswahl von Weihnachtsgeschenken gebunden.

          Deutlich zeigen dies auch die auf der Insel beliebten Auktionen. Da neues Mobiliar nur vom Festland, also nur unter hohen Frachtkosten, zu beziehen ist, liegt der Preis für Gebrauchtmöbel hoch. Die Mitteilung, ihn zahlen zu können, brüskiert nicht nur den anwesenden Mitbewerber, mit dem man auch danach noch kooperieren muss, sie verrät auch die Größenordnung der eigenen Zahlungsfähigkeit. Um beides zu vermeiden, sind die Signale der Bieter hier von solcher Diskretion, dass überhaupt nur der Leiter der Auktion sie bemerken und zutreffend deuten kann. Wenn er sich dabei irrt, was häufiger vorkommt, fährt der Möbelwagen unter Umständen bei jemandem vor, der gar nicht geboten hat.

          Für den Städter ist die Unmöglichkeit, etwas geheim zu halten, nur ein Merkmal von Gesprächen: Auch wenn man bloß einen Anwesenden anspricht, hören alle anderen zu. Wenn wir trotz laufender Gesprächsbeteiligung nicht das Gefühl haben, ein öffentliches Leben zu führen, dann deshalb, weil diese kleinen Gesprächsöffentlichkeiten voneinander getrennt bleiben. In der von Goffman untersuchten Gemeinde fehlt es an der dafür notwendigen Differenzierung. Seine faszinierende Untersuchung zeigt eine soziale Welt aus Glas, deren eigentümliche Enge den Stadtmenschen lehren mag, das Lob der Transparenz etwas vorsichtiger zu singen.

          Literatur

          Erving Goffman: „Communication Conduct in an Island Community“ (1953). In: The Erving Goffman Archives, http://cdclv.unlv.edu//ega/. – Ders.: „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag“, München 1969. – Sherry Cavan: „Liquor Licence. An Ethnography of Bar Behavior“, Chicago 1966.

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