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Soziale Systeme : Wenn Freiheit krank macht

Kehren Soldaten aus dem Krieg zurück, verlieren sie oft den Halt in ihrem Leben. Bild: Röth, Frank

Bei vierzig Prozent aller amerikanischen Soldaten, die im Irak- und Afghanistan-Krieg kämpften, wird nach ihrer Rückkehr eine psychische Störung diagnostiziert. Warum Soldaten, die aus dem Krieg heimkehren, so oft leiden müssen.

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          Über Probleme von Soldaten, die heimkehren, gibt es Hunderte von Berichten, Erzählungen, Filmen. Fast immer fallen diese Probleme dabei unter zwei Kategorien: Es sind Krisen, die sich daraus ergeben, dass die Soldaten lange weg waren und das Leben zu Hause weiterging; und es sind Krisen, die in ihren furchtbaren Erlebnissen samt der Erinnerung daran oder deren Verdrängung gründen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Den Heimkehrer erwarten beispielsweise Kinder, die groß geworden sind, eine Frau, die ohne ihn auskommen musste, ein kommunales Leben, in dem er einstweilen ersetzt wurde. Es fehlt ihm also der natürliche Kontakt zur Gegenwart. Und den Heimkehrer bedrängen Erlebnisse, die für seine Bezugspersonen oft unvorstellbar sind. Es verfolgt ihn also eine Vergangenheit, oder sie hält ihn nach wie vor unter Schock. Diesem Syndrom, das mit Gefühlen der Ohnmacht, mit Depression und Aggression einhergeht, wird oft der Name „posttraumatische Belastungsstörung“ gegeben.

          84 Prozent der Rückkehrer raten zum Militärdienst

          Zwei amerikanische Soziologen haben jetzt aufgrund von langen Interviews mit Kriegsveteranen eine etwas andere Perspektive gewählt. Ihnen ist nämlich aufgefallen, dass manche Symptome dieser Veteranen denen ähneln, die unter Insassen von Gefängnissen oder Mitgliedern von Sekten auftreten können, nachdem sie entlassen wurden. Und ihnen ist aufgefallen, dass sage und schreibe 84 Prozent aller Veteranen jener beiden Kriege nach ihrer Rückkehr jungen Leuten empfehlen, sich zum Militärdienst zu melden. Rein rechnerisch rät also mindestens die Hälfte derjenigen, die unter den Kriegsfolgen psychisch stark leiden, zum Eintritt in die Armee.

          Beide Befunde scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Das ändert sich, wenn man den Übergang aus den totalen Institutionen Armee, Gefängnis und Sekte in das bürgerliche Leben näher anschaut. Denn er zeigt sich als der Übergang aus einer hochgradig geordneten, kollektivistischen und das Selbstbewusstsein extrem entlastenden Situation in ihr Gegenteil.

          Verlust ihres Selbstbildes

          Totale Institutionen sind soziologisch so definiert: Das Leben ist ständig einer Autorität unterstellt, man kann nicht weglaufen, es gibt kaum Privatheit. Für diejenigen, die aus dem Krieg zurückkommen, tritt an die Stelle einer solche Lage, die durch Gehorsam, Gruppengefühl und die ständige Ausrichtung auf Gefahren bestimmt ist, die Erwartung, nun endlich das eigene Leben zu führen, anstatt immer nur geführt zu werden. Während im Krieg entweder die Situation oder der Vorgesetzte erzwingen, was zu tun ist, stellt der Frieden dauernd vor Wahlmöglichkeiten und lastet den Personen bei jeder Entscheidung Begründungen auf.

          Wichtig ist dabei zu sehen, dass die Soldaten das Leben in der totalen Institution durchaus bejaht haben. Zugleich wissen sie, dass sie in einer kompletten Sonderwelt lebten: Noch nie haben so wenige Soldaten so lange Kriege geführt. Das bestimmt die Krisenerfahrung der Heimkehrer. Die Soziologin Peggy Thoits hat in vielen Studien gezeigt, dass negative Erfahrungen vor allem dann zu seelischen Krankheitsbildern führen, wenn sie – anders als beispielsweise schwere Autounfälle oder Verbrechen – langfristig den Kern der Selbstdefinition eines Individuums betreffen. Das scheint hier der Fall zu sein. Interviews mit den Veteranen zeigen, dass sie unter einem erheblichen Verlust ihres Selbstbildes leiden. „Wenn ich meine Familie nicht hätte, würde ich wieder zurück in den Irak gehen“, gab ein Soldat den Soziologen zu Protokoll.

          Permanente Überforderung

          Doch die Familie reicht nicht aus zur Integration in ein Leben, in dem es keine kollektiv verbindlichen Ziele, keine Kommandos und keine klaren Weisungshierarchien gibt. Der Veteran fühlt sich von den vielen Möglichkeiten und der Erwartung, sich zu entscheiden, permanent überfordert. So kommt es, wie die Soziologen schreiben, zu dem paradoxen Effekt, dass die Soldaten im Gefühl leben, ihr Leben im Krieg mehr in der Hand gehabt zu haben als im Frieden; weil nämlich im Krieg die Entscheidungsspielräume viel kleiner waren und die Situationen viel klarer, weil sie von Sachfragen bestimmt schienen. Der Rückkehrer verliert die Sicherheit, die darin liegt, von einer Institution beherrscht zu sein. Er leidet und erkrankt letztlich am Verlust seiner persönlichen Unfreiheit.

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