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Duftforschung : Wie riecht der Sommer?

Ein Hauch Zitrone, und schon wirkt alles sommerlich frisch – und sauber. Bild: Getty

Wie in jeder Jahreszeit, so liegen auch im Sommer ganz bestimmte Düfte in der Luft. Jeder nimmt sie anders wahr. Für Hanns Hatt hat der Geruch von Teer eine besondere Bedeutung. Was Düfte für uns so ungeheuer wirkungsvoll macht, erklärt der deutsche Geruchsforscher in einem Gespräch.

          Herr Hatt, gibt es einen Duft, der sofort Sommergefühle weckt?

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht nur den einen. Die Gerüche von Jahreszeiten werden, wie alle anderen Düfte auch, vom Menschen erlernt. Im Laufe unseres Lebens lernen wir eben kennen, dass jeweils im Herbst, Winter, Frühling oder nun Sommer in der Luft typische Düfte in der Luft liegen. Diese verbindet ein Mensch dann mit einer Jahreszeit, das kann individuell jedoch völlig unterschiedlich sein, abhängig vom Kulturkreis, dem Land oder einer Region. Europäer werden anders geprägt als etwa die Menschen in Asien oder Afrika, weil dort die Natur andere Gerüche produziert.

          Süße Lindenblüte oder Rosenaroma macht also unseren Sommer aus und nicht Zitrone, die ja fremd ist?

          Auch Zitrone darf als sommerlich gelten. Sie hat einen leichten, säuerlichen Duft, der bei Hitze angenehm frisch und kühlend wirkt, wir trinken so etwas ja jetzt auch gerne, sei es nur mit einem Schnitz im Wasser. In der Natur wären es tatsächlich eher Blüten und natürlich der Duft von Obst, das jetzt reift. Manchmal sind es aber auch Gerüche, die erst durch die Hitze entstehen. Für mich – ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, damals mussten alle Straßen neu gerichtet werden – ist der Geruch von frischem Teer oder der Sommerregen auf dem heißen Asphalt seither ein typischer Sommerduft, und so hat jeder seinen ganz persönlichen. Wir versuchen im Sommer möglichst nach Frische und Sauberkeit zu riechen, gerade in Deutschland, um vom intensiveren Schweißgeruch abzulenken. Fast alle großen Parfümhäuser bringen daher ihre „Summer Editions“ heraus, die meist Bergamotte oder andere Zitrusnuancen enthalten.

          Ebenso gibt es schreckliche Sommergerüche. Wenn jetzt Wälder brennen, findet das keine Nase schön. Warum?

          Brandgeruch hat immer zwei Komponenten. Eine schwache, wenn man so will, die wir vom Grillen oder Lagerfeuer kennen: Situationen also, die wir meist als angenehm und gemütlich erleben, so empfinden wir auch den Duft. Und dann gibt es diesen stechenden, beißenden Teil, der in die Nase steigt und brennt. Dieser intensive Brandgeruch spricht zusätzlich ein anderes Sinnessystem an, den Nervus trigeminus, unseren Warn- und Schmerznerv, der reagiert, wenn die Konzentration von Duftstoffen sehr hoch ist, schädlich für uns. Das Stechen ist ein Signal, eine angeborene Reaktion, durch die wir auch aufwachen würden. Die Nase schläft nicht, ist tag- und nachtaktiv, doch beim Hausbrand kommt ihre Warnung leider oft zu spät.

          Sie erforschen seit Jahrzehnten, wie wir auf Gerüche reagieren. Das ist ja nicht nur Psychologie, oder?

          Wir arbeiten an mehreren Systemen. Der Nervus trigemus ist eines davon, und wir haben uns sehr intensiv mit seinen Sensoren beschäftigt, die eben dazu führen, dass vor hohen Konzentrationen gewarnt wird. Zum Beispiel bei Minze, Peperoni oder Senf – die Inhaltsstoffe brennen ebenfalls, und zu viel davon ist einfach gefährlich.

          Geruchsforscher Hanns Hatt

          Wie kommt es zur Reaktion?

          Duftmoleküle können in der Nase über zwei Wege wirken. Einerseits stimulieren sie die Riechzellen, die Impulse ans Gehirn schicken, dort werden sie mitsamt der Situation und dem Gefühl abgespeichert. Riecht man sie später wieder, lässt sich diese Wirkung hervorrufen. So können Düfte ein Wohlbefinden erzeugen oder auch das Gegenteil. Diese Bewertung geschieht bei jedem individuell und ist nicht angeboren, sondern gelernt und anerzogen. Und die Prägung beginnt früh, schon im Mutterleib werden wir geschult und übernehmen mütterliche Vorlieben oder ihre Ablehnung.

          Lässt sich das nutzen, um mit einem Duft gezielt die Stimmung zu heben?

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