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Sie & Er : Wo sind bloß seine Spiegelneuronen?

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Alt ist die Frage, warum Frauen und Männer so verschieden sind, und gerade richtig für neurowissenschaftliche Enthüllungen - auch wenn tatsächliche Einsichten der Hirnforschung dafür gar nicht herhalten können. Anmerkungen anlässlich einer einschlägigen Neuerscheinung.

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          Warum schlafen Männer nach dem Sex immer ein, während Frauen doch viel lieber reden würden? Warum können Männer nicht zuzuhören? Dafür aber umso besser einparken?

          Die kalifornische Psychiaterin und Bestsellerautorin Louann Brizendine hat die Antwort auf alle einschlägigen Fragen: Es ist das in männlichen Hormonen gebadete Hirn, das ihm keine andere Wahl lässt. Nachdem sich ihr Buch "Das weibliche Gehirn" vor drei Jahren bestens verkaufte, war die soeben auf Deutsch erschienene Fortsetzung ("Das männliche Gehirn - Warum Männer anders sind als Frauen") schon aus verlegerischer Sicht unvermeidlich. Inwieweit das neue Werk der an den Eliteuniversitäten Yale und Harvard ausgebildeten und in San Francisco lehrenden Medizinerin "die gängigen Stereotype über Männer ins Wanken" bringt, wie es ihr Verlag behauptet, ist allerdings kaum nachzuvollziehen. Die Vorstellung von Männern, die unter Einfluss eines "Testosteron-Tsunamis" den Befehlen ihres "Steuerknüppels in der Hose" beinahe willenlos gehorchen, gehört schließlich zu den hartnäckigsten Klischees überhaupt.

          Die lange Reihe vergleichbarer Ratgeber begann 1992 mit dem seither über 40 Millionen Mal verkauften Bestseller "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" des amerikanischen Therapeuten John Gray. Nachdem die sechziger und siebziger Jahre vom Behaviorismus und dem feministischen Glauben geprägt gewesen waren, alle Unterschiede in den Köpfen von Mann und Frau seien Folge von Erziehung und Kultur, schwang die populäre Debatte über "Nature and Nurture" wieder in Richtung eines Biologismus, dem zufolge die Geschlechter bereits von Natur aus auf zwei verschiedenen Planeten geboren würden.

          Wissenschaftlich der Anstrich

          So weit, so wenig überraschend. Neu ist Brizendines konsequenter Neuro-Ansatz, der sich mit Hunderten von Fußnoten und Literaturverweisen, die zusammen rund die Hälfte des Buches ausmachen, einen hochwissenschaftlichen Anstrich gibt. Brizendine kokettiert damit, dass es ihren Thesen wohl an "political correctness" mangele, sie angesichts der wissenschaftlichen Beweislast aber schlicht nicht anders könne.

          "Leider sind Brizendines Bücher vor allem wissenschaftlich unkorrekt", schimpft Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Das beginne mit schlichten Falschaussagen wie jener aus Brizendines erstem Buch, in dem sie behauptet hatte, Frauen würden pro Tag rund 20 000 Wörter schnattern, während die wortkargen Männer nur 7000 von sich gäben. Nachdem der bloggende Linguistikprofessor Mark Liberman von der University of Pennsylvania diese Behauptung als urbanen Mythos entlarvt hatte, publizierte Science schließlich die entsprechenden Ergebnisse einer Studie, in der 400 Teilnehmer mit tragbaren Aufnahmegeräten ausgestattet worden waren. Das Endergebnis lautete: 16 215 (Frauen) gegenüber 15 669 Worten (Männer) pro Tag, eine angesichts der hohen individuellen Unterschiede statistisch nicht signifikante Differenz.

          Nicht ganz so leicht zu widerlegen ist Brizendine, wenn sie Forschungsergebnisse einfach nur haltlos überinterpretiert. Dass Testosteron als "Männermacher" schon beim Ungeborenen das Wachstum von "Aggressions- und Sex-Zentren" und den Tod von "Schaltkreisen für Empathie und Kommunikation" im männlichen Gehirn verursache, gehört zu jenen Behauptungen, die sich aus der zitierten Literatur kaum ablesen lassen.

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